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2.1.1 Definition von Suizid, suizidalen Verhaltensweisen und Suizidalität

Um für die vorliegende Arbeit ein einheitliches Begriffsverständnis zu schaffen, werden die Definitionen aus zentralen Publikationen herangezogen, die als Konsenspapiere in diesem Forschungsbereich anzusehen sind (Bertolote & Wasserman, 2009; Bronisch & Wolfersdorf, 2012; O'Carroll et al., 1996, Silverman et al., 2007b, 2007a; Wolfersdorf, 2008a, S. 1321). So definiert beispielsweise Wolfersdorf Suizidalität als „die Summe aller Denk-, Verhaltens- und Erlebensweisen von Menschen, die in Gedanken, durch aktives Handeln oder passives Unterlassen oder durch Handelnlassen den eigenen Tod anstreben bzw. als mögliches Ergebnis einer Handlung in Kauf nehmen“ (2008a, S. 1321). Dieses Begriffsverständnis entspricht gegenwärtig dem „state of the art“ in der Suizidologie und differenziert die zentrale abhängige Variable dieser Untersuchung bei Weitem genauer aus, als dies in den bisherigen kommunikationswissenschaftlichen Untersuchungen zum WertherEffekt der Fall war (vgl. Kapitel 1.2.1). Wolfersdorf (2008a, S. 1321) widmet sich explizit dem Phänomen Suizidalität und umreißt es mit einigen zentralen Eigenschaften:

• Suizidalität tritt „häufig in psychosozialen Krisen und bei psychischer Erkrankung“ auf.

• Suizidalität ist „ein komplexes Geschehen aus Bewertung der eigenen Person, der Wertigkeit in und von Beziehungen, aus Einschätzung von eigener und anderer Zukunft, [und] der Veränderbarkeit eines Zustandes“ aus dem subjektiven Erleben der Personen heraus.

• Die Motivation zur Suizidalität ist vielschichtiger Natur (appellativ, manipulativ-instrumentell, altruistisch, autooder fremdaggressiv) und führt zu zahlreichen Suizidtypen (erweiterter Suizid[-versuch], Massensuizid, Geisterfahrersuizid [„murder suicide“], Terroristensuizid, Suicide by Cop [SBC; Stack, Bowman & Lester, 2012]; vgl. Wolfersdorf, 2008a, S. 1323)

• „Suizidalität ist bewusstes Denken und Handeln“ mit dem Ziel der Veränderung anderer Personen, der eigenen Umwelt, oder „sich selbst in der Beziehung zur Umwelt“.

• Suizidalität drückt in der Regel keine Freiheit aus, sondern die „Einengung durch objektiv und/oder subjektiv erlebte Not, durch psychische und/oder körperliche Befindlichkeit bzw. deren Folgen“.

Im Gegensatz zu dieser Verdichtung existierender Definitionen unter dem Dach des Begriffs Suizidalität gibt es auch davon abweichende Differenzierungsvorschläge. Beispielsweise identifiziert Marušic (2004) drei Komponenten (die Intention [janein], den selbstzerstörerischen Akt [ja-nein] und den Tod [ja-nein]), die bei der Definition von Suizid und Suizidversuch gegeben oder nicht gegeben sind. Daraus lassen sich zwei nicht-suizidale und sechs Zustände mit unterschiedlich hoher Suizidalität definieren („Suizidideen, Suizidversuch, freiwillige Selbstschädigung mit oder ohne tödliche[m] Ausgang, vollendeter Suizid und Euthanasie“; Bronisch & Wolfersdorf, 2012, S. 44). Insbesondere eine detaillierte Differenzierung der Intention, die einer suizidalen Verhaltensweise zugrunde liegt, ist in der empirischen Praxis nur schwer umzusetzen, weil diese selten eindeutig bestimmt werden kann und sich der wissenschaftlichen Beobachtung und Überprüfung entzieht (vgl. Bronisch & Wolfersdorf, 2012, S. 44; De Leo, Burgis, Bertolote, Kerkhof & BilleBrahe, 2006, S. 10). In der europaweiten Studie wurden beispielsweise 14 verschiedene Intentionen für suizidale Verhaltensweisen abgefragt. Es wurde gezeigt, dass die Intention für Suizidalität vielschichtig und multikausal ist (Schmidtke, BilleBrahe, De Leo & Kerkhof, 2004). Daher ist eine Differenzierung nach der Intention zu sterben nicht pauschal möglich. Neben den genannten Ansatzpunkten gibt es außerdem Differenzierungen des Aktivitätsgrades des Suizids (aktive Suizidhandlung oder Unterlassen einer Verhinderung des eigenen Todes), die Abgrenzung verschiedener Subtypen von Suiziden, bemessen an den zugrunde liegenden Motiven für den Suizid (z. B. der Suizid aus Rache, Suizid als Flucht usw.), Differenzierungen der medizinischen Letalität (die aus medizinischer Sicht abgeschätzte Wahrscheinlichkeit zu sterben) sowie weitere sozioepidemiologische Variablen (wie z. B. Alter, Geschlecht, ethnische Herkunft, Methode, berufliche Situation usw.) (Maris, 2002, S. 319).

Die Begriffssystematik und die entsprechenden Formulierungen der vorliegenden Untersuchung basieren schließlich auf der Publikation von Nock et al. (2008, S. 134). Suizide werden demnach als ein Akt der intentionalen Beendigung des eigenen Lebens definiert. Davon können nicht-letale, suizidale Verhaltensweisen abgegrenzt werden, die sich im Grad ihrer Intentionalität zu sterben unterscheiden. Suizidale Verhaltensweisen können weiter in Suizidgedanken, Suizidpläne und Suizidversuche unterteilt werden. Suizidgedanken beschreiben die Gedanken an ein suizidbezogenes Verhalten, das das Ziel hat, das eigene Leben zu beenden. Dabei kann der Grad der Suizidintention variieren. Suizidpläne sind im Gegensatz zu Suizidgedanken spezifischer und von höherer Intentionalität geprägt: Sie können als eine methodenspezifische Form von Suizidgedanken verstanden werden, die mit einer deutlichen Intention zu sterben verbunden ist. Mit Suizidversuchen sind alle potenziell selbstverletzenden Handlungen gemeint, die von einer unterschiedlich starken Intention zu sterben angetrieben sind. [1] In der vorliegenden Arbeit werden alle diese Begrifflichkeiten unter dem Überbegriff Suizidalität subsumiert, der demnach unterschiedlich intendierte, letale und non-letale suizidale Verhaltensweisen und Suizide einschließt. Die verschiedenen Begriffsdefinitionen lassen sich anhand zentraler Eigenschaften systematisieren, was in Abbildung 2 überblicksartig dargestellt wird.

Abbildung 2. Begriffliche Differenzierung zwischen Suizidalität, suizidalen Verhaltensweisen und Suizid

Die Definition von Suizidalität beinhaltet in der Literatur außerdem eine Prozessperspektive (Bertolote & Wasserman, 2009, S. 89). Demnach folgen Suizidgedanken, Suizidpläne, Suizidversuche und schließlich der Tod durch Suizid aufeinander. Die Modellvorstellung, wonach die einzelnen Elemente, die unter dem Begriff Suizidalität zusammengefasst wurden, einzeln in eine zeitliche Abfolge zueinander gebracht werden, erscheint auf den ersten Blick plausibel, ist allerdings nur äußerst schwierig empirisch überprüfbar. Einerseits kommen die einzelnen Elemente von Suizidalität unterschiedlich häufig in der Gesellschaft vor und andererseits hängen die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Elementen von Suizidalität kulturell von verschiedenen prädisponierenden und präzipitierenden (auslösenden) Faktoren ab. Dazu lassen sich geschlechterspezifische Unterschiede betrachten, und zwar insofern als Suizidgedanken bei Frauen seltener einen Suizid zur Folge haben (Bertolote & Wasserman, 2009, S. 89). Der Hauptfokus dieser Arbeit liegt allerdings nicht auf dem Prozesscharakter von Suizidalität, sondern auf den Verbindungslinien und Einflussstrukturen zwischen Depressionen, Medien und Suizidalität. Dabei soll vor allem ein weiter gefasstes Begriffsverständnis von Suizidalität dazu beitragen, den Stellenwert der unterschiedlichen Nutzung verschiedener Medieninhalte als suizidauslösenden Faktor ausdifferenzierter zu betrachten. Dabei sollen auch Depressionen als wichtige Prädisposition für Suizidalität erstmals differenzierter betrachtet werden.

  • [1] Suizidale Verhaltensweisen werden in der akademischen Forschung oftmals in Abgrenzung zu nichtsuizidalen selbstverletzenden Handlungen betrachtet („non-suicidal self-injury“; NSSI; vgl. Kapusta [2012]). De Leo (2011) und Kapusta (2012, S. 2) weisen darauf hin, dass eine solche Differenzierung unter anderem dazu führen kann, dass suizidale Handlungen leichter als nicht-suizidal missklassifiziert werden können und ferner die Begrifflichkeit zur Stigmatisierung von Personen beiträgt, die so bezeichnet werden. NSSIs stehen nicht im Fokus der vorliegenden Arbeit und werden daher nicht näher besprochen.
 
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