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2 Begriffsdefinitionen und Modellvorstellungen von Suizidalität und Depression

Suizide sind keine Krankheit, sie sind eine vielschichtige Begleiterscheinung vor allem von psychischen, insbesondere affektiven Störungen (Maris, 2002, S. 319, 322). Daher werden Suizide und Depressionen in diesem Kapitel gemeinsam besprochen. Der Aufbau der ersten beiden Teile des Kapitels beginnt jeweils mit einer Definition zentraler Begriffe, anschließend werden wichtige Modellvorstellungen besprochen und abschließend werden jeweils die Verbindungslinien zu anderen Einflussgrößen aufgezeigt, die hier von zentraler Bedeutung sind. Shneidman (1996, S. 6) betont, dass „the best route to understanding suicide is not through the study of the structure of the brain, nor the study of social statistics, nor the study of mental diseases, but directly through the study of human emotions“. In der vorliegenden Arbeit stehen daher insbesondere die Verbindungslinien zwischen affektiven Störungen und Suizidalität im Mittelpunkt (van Heeringen & Marušic, 2003, S. 282). Es werden gleichermaßen kognitive und affektive Prozesse fokussiert, die im Rahmen von Suizidalität und Depressionen eine entscheidende Rolle spielen und daher auch im medialen Kontext berücksichtigt werden sollten.

2.1 Suizide und Suizidalität

Nach WHO-Angaben sterben jährlich etwa eine Million Menschen durch Suizid (Hawton & van Heeringen, 2009). Schätzungen zufolge werden es bis zum Jahr 2020 jährlich 1.5 Millionen Menschen sein, und zusätzlich wird es schätzungsweise zwischen 15 und 30 Millionen Suizidversuche geben (Collins et al., 2011, S. 27). Andere Autoren schätzen die Zahl der jährlichen Suizidversuche sogar noch höher, nämlich auf zwischen 20 und 50 Millionen (Wolfersdorf & Franke, 2006). In den jüngeren Bevölkerungsgruppen sind Suizide nach Unfällen weltweit die zweithäufigste Todesursache (Hawton et al., 2012). Der Todesursachenstatistik des Statistischen Bundesamtes zufolge waren 3.8% aller Todesfälle im Jahr 2012 nicht auf eine natürliche Ursache zurückzuführen (sondern beispielsweise auf Vergiftungen oder Verletzungen) – ein Drittel davon waren Suizide. Somit nahmen sich im Jahr 2012 9.890 Personen das Leben. Die Suizidrate ist bei Männern deutlich höher als bei Frauen und nimmt für beide Geschlechter mit dem Alter zu (Wolfersdorf, 2006, S. 289). Suizidversuche nehmen im Verhältnis dazu mit steigendem Alter eher ab (Stoppe, 2008, S. 407; vgl. Maris, Berman & Silverman, 2000, S. 167). Bei älteren Personen wird der Wunsch zu sterben oder die Verweigerung lebenserhaltender Maßnahmen oftmals sogar als nachvollziehbar empfunden, weshalb letztlich auch bei der Diagnose Fälle von Suizidalität im Alter leichter übersehen werden können (Stoppe, 2008, S. 407). Suizide sind ein weltweites gesellschaftliches Problem, dessen Prävention und Ursachenerforschung eine wichtige wissenschaftliche und gesellschaftliche Aufgabe darstellt, dem sich auch die Kommunikationswissenschaft verpflichtet sehen muss, [1] denn Medienberichterstattung ist – wie bereits beschrieben – ein anerkanntermaßen wichtiger Risikofaktor für Suizide (Hawton & Simkin, 2003; Lewiecki & Miller, 2012; Pitman, Krysinska, Osborn & King, 2012; Yip et al., 2012). In der vorliegenden Arbeit wird Suizidprävention explizit als ein Teil der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Suizidalität angesehen, in der auch Medien eine feste Untersuchungsgröße darstellen (Collings & Niederkrotenthaler, 2012; Crane, Hawton, Simkin & Coulter, 2005; De Leo & Evans, 2004, S. 82; 130131; Diekstra, Maris, Platt, Schmidtke & Sonneck, 1989; O'Connor, Platt & Gordon, 2011; Schmidtke & Schaller, 2000; Sisask & Värnik, 2012; Till, Voracek et al., 2013; Westerlund, Schaller & Schmidtke, 2009). Die Forschung zu Suizidalität verfolgt das Ziel, explizite oder implizite Schlussfolgerungen für die Suizidprävention abzuleiten. Die Suizidologie schließt grundsätzlich Suizide, Suizidversuche, Suizidgedanken und in einem weiteren Sinne auch suizidbezogene Gedanken und Handlungen sowie intentionale Selbstverletzungen und andere selbstdestruktive bzw. auto-aggressive Einstellungen und Handlungen ein. Dabei sind Suizide „just the tip of the proverbial self-destructive iceberg“ (Maris et al., 2000, S. 4). Die Forschung umfasst eine Vielzahl spezifischer Fragestellungen nach der Relevanz des Alters, Geschlechts, des ethischen Hintergrunds, des Anstellungsverhältnisses einer Person, der psychischen und physischen Gesundheit, des sozialen Umfelds, nach der Relevanz von Suchterkrankungen, Substanzmissbrauch, lebensbedrohlichen oder unheilbaren Krankheiten wie z. B. AIDS, der Relevanz von Schusswaffenverordnungen, jahreszeitlichen Schwankungen, Sterbehilfe und vielen weiteren Faktoren (Maris et al., 2000, S. 11). Die Risikofaktoren für Suizide sind mittlerweile gut erforscht und zeigen länderübergreifend konsistente Muster. Die Erfassung und Vorhersage von Suiziden ist mithilfe etablierter und gut getesteter Instrumente (vgl. Beck, Steer & Brown, 1996; Pöldinger, 1968) prinzipiell möglich. Gleichzeitig ist auch das Wissen über protektive Faktoren für Suizidalität angewachsen.

Trotz all dieser Entwicklungen sieht Maris (2002, S. 319) eine fehlende Nomenklatur (vgl. dazu auch O'Carroll et al., 1996) als eine der größten Hürden bei der Erforschung von Suiziden, einschließlich einer „classification procedure for suicidal acts, with operational definitions and reliable, valid measurements of key terms“. Die fehlende Einheitlichkeit bei der Verwendung von Begriffen und die fehlende einheitliche Definition von Suiziden führen dazu, dass die Befunde verschiedener Studien nur schwer aufeinander bezogen werden können. [2] Es ist daher wichtig, die einzelnen Untersuchungsgegenstände der Suizidologie definitorisch voneinander abzugrenzen, was in den folgenden Abschnitten geschieht. Mit weit verbreiteten und akzeptierten Definitionen im Bereich der Suizidologie kann letztlich der Gefahr von Pauschalisierungen und Generalisierungen suizidbezogener Handlungen entgegengewirkt werden. Auch für diese Arbeit besteht das Risiko, von Suizid zu sprechen, wo de facto kein Suizid stattgefunden hat, sondern beispielsweise verstärkte Suizidgedanken beobachtet wurden. Daher wird in der vorliegenden Arbeit bevorzugt der übergeordnete Begriff Suizidalität verwendet, der verschiedene suizidbezogen Phänomene einschließt. Die Definition der Begriffe Suizid, suizidale Verhaltensweise und Suizidalität soll die Konzepte beschreiben und sie nicht erklären (Silverman, Berman, Sanddal, O'Carroll & Joiner, 2007b, S. 275). Die Erklärung findet anschließend im Rahmen der Beschreibung verschiedener Ursachenmodelle statt.

  • [1] Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Suiziden und Suizidprävention bildet nach Maris, Berman und Silverman (2000, S. 4) den Kernbereich der Suizidologie. Im Zentrum steht die Erforschung suizidaler Handlungen, Gedanken und Gefühle, die einer psychologischen Forschungstradition folgt (Maris, Berman & Silverman, 2000, S. 4).
  • [2] Das grundlegende Problem fehlender einheitlicher Definitionen und Operationalisierung von Konstrukten ist auch in der Kommunikationswissenschaft von hoher Brisanz, weshalb beispielsweise in der politischen Kommunikation in den letzten Jahren eine Vereinheitlichung zentraler Kernkonzepte angestrebt wurde (vgl. zur Definition und Operationalisierung von Hard und Soft News sowie weitere Konzepte in einem Special Issue der Zeitschrift beispielsweise Reinemann, Stanyer, Scherr & Legnante, 2012).
 
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