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1.2.4 Verengter Blick auf Medieninhalte

Bei der Erforschung des Werther-Effekts standen bisher in erster Linie Darstellungen der Suizide von Prominenten, Politikern oder Entertainern im Fokus (Baker, 1988; Kim et al., 2013; Niederkrotenthaler, Till, Kapusta et al., 2009; Niederkrotenthaler, Fu et al., 2012; Stack, 1987), obwohl diese in den Medien nicht sehr häufig vorkommen. Außerdem wird auch nur über einen geringen Anteil der Suizide in der Gesellschaft berichtet (Au, Yip, Chan & Law, 2004; Weimann & Fishman, 1995) und nur besonders reichweitenstarke Medien stehen im Fokus der Forschung. Fiktionale Suizidvorbilder werden dagegen insgesamt seltener erforscht, obwohl fiktionale Programmangebote bei den reichweitenstärksten deutschen Fernsehsendern im Jahr 2013 knapp 40% der Sendezeit ausmachten (Krüger, 2014, S. 237). Zudem findet Mediennutzung auch in großem Umfang zur Entspannung und Unterhaltung statt (Ridder & Engel, 2010). Es drängt sich deshalb die Frage auf, welchen Stellenwert diese Medieninhalte für suizidale Personen haben oder welche Rolle verschiedene Medien im Alltag depressiver Personen einnehmen und welchen Einfluss verschiedene Medieninhalte auf den Verlauf von Depressionen als Indikator für Suizidalität haben können. Reinemann und Scherr (2011, S. 91) werfen deshalb die Frage auf, inwiefern „die Berichterstattung über Unfälle, Kriege und Katastrophen, aber auch die fiktionale Darstellung von Reichtum, Jugend, Schönheit, Schicksalsschlägen und Verlusten, Gedanken an Hoffnungslosigkeit, Erlösung oder ein abruptes Ende unterstützt“ oder umgekehrt auch positive Funktionen für den Einzelnen haben kann. Der Blick auf eine breitere Palette an subjektiv relevanten Medienangeboten erscheint bei der Erforschung von Nachahmungssuiziden bisher jedenfalls noch verstellt. In diese Richtung denkt auch Hittner (2005, S. 198–199), der die Frage aufwirft, welchen Einfluss unterschiedliche (intendierte oder unintendierte) Darstellungsformen derselben Suizidfälle auf den Werther-Effekt haben können (z. B. hinsichtlich der Glorifizierung des Suizids oder bezüglich der genannten Details). Auch das Framing suizidbezogener Inhalte, wo die Forschungsbemühungen noch weitgehend überschaubar sind (vgl. Richards, Gillespie & Smith, 2013), wird dabei häufig ausgeblendet. Erste Inhaltsanalysen, in denen allerdings noch die beschriebene enge inhaltliche Perspektive eingenommen wird, liegen bereits vor (Gould et al., 2007).

1.2.5 Vernachlässigung von Rezeptionsphänomenen

Bei der Erklärung des Werther-Effekts kommen die zugrunde liegenden Mechanismen für Suizidalität, aber auch für die Mediennutzung bisher zu kurz. Dabei stehen zahlreiche Erklärungsansätze aus der Medienwirkungsforschung in engem Bezug zu menschlichen Emotionen, Kognitionen und Verhaltensweisen, die es erlauben würden, die bisherigen Erklärungspfade zu verlassen und jenseits von Suggestionsthesen oder lerntheoretischen Vermutungen nach Erklärungen zu suchen (vgl. Kapitel 3.3). Viele der Beobachtungen aus der Medienwirkungsforschung sind dabei inhaltlich eng mit dem Krankheitsbild von Depressionen verbunden (vgl. Kapitel 4), wie beispielsweise eine negativ verzerrte Wahrnehmung der Realität (Everaert, Koster & Derakshan, 2012; Gilboa & Gotlib, 1997; Lau, 1985; Meffert, Chung, Joiner, Waks & Garst, 2006; Pratto & John, 1991) oder die Tendenz zur Verallgemeinerung von Einzelbeobachtungen (Carver & Ganellen, 1983; Epstein, 1992; Zillmann & Brosius, 2000). Es erscheint aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht gewinnbringend, Rezeptionsphänomene stärker als bisher als Vulnerabilitätsfaktor für Suizidalität zu berücksichtigen. Gerade hinsichtlich der Wahrnehmung von Medieninhalten und deren Verarbeitung sind Interaktionseffekte abzusehen. Erste Studienbefunde stützen diese Einschätzung empirisch (Pouliot, Mishara & Labelle, 2011). Hittner (2005, S. 199) spricht in diesem Zusammenhang von „qualitativen Faktoren“, wie der Wahrnehmung der Personen in den Suizidberichten (z. B. Attraktivität, Macht, Bekanntheitsgrad, Persönlichkeitsmerkmale) oder Prädispositionen und Eigenschaften der Rezipienten selbst (z. B. Depressivität, Angst, Pessimismus, Konformität; vgl. auch Gould, 2001, S. 212–213). Er nennt aber auch das Mediennutzungsverhalten der Rezipienten (Umfang der Nutzung, regelmäßig genutztes Medienrepertoire), das im Rahmen von multivariaten Analysen zu selten berücksichtigt wird.

 
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