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1.2.2 Ausblenden von Rezipienteneigenschaften

Depressionen (vgl. Kapitel 2.2) zählen zu den wichtigsten individuellen Eigenschaften, die sowohl mit Suizidalität als auch mit bestimmten Medieninhalten und spezifischem Mediennutzungsverhalten (vgl. Kapitel 4) verbunden sind. Diese werden allerdings bisher in viel zu geringem Umfang bei der Erklärung des Werther-Effekts berücksichtigt. Im Gegensatz zum bisherigen kommunikationswissenschaftlichen Verständnis von Nachahmungssuiziden sind Depressionen in der Suizidforschung eine wichtige Voraussetzung für Suizidalität (vgl. Kapitel 2.1.2; insb. Abbildung 3). Depressionen werden in der psychiatrischen Diagnostik als affektive Störung klassifiziert (vgl. Kapitel 2.2.1), deren Symptome auf verschiedenen Ebenen angesiedelt werden können (emotional, kognitiv, behavioral; vgl. Kapitel 2.2.4). Dementsprechend überschneiden sich die Symptome von Depressionen mit den Wirkungsbereichen fiktionaler und non-fiktionaler Medieninhalte, die ebenfalls eng mit der Regulation von Emotionen (Bartsch, Vorderer, Mangold & Viehoff, 2008; Friedman, Gordis & Förster, 2012; Schramm & Wirth, 2008), sozialen Vergleichen mit Figuren aus den Medien (Hawkins, Richards, Granley & Stein, 2004; Nabi & Keblusek, 2014, S. 213–214) und/oder handlungsrelevanten Realitätsvorstellungen (Caputo & Rouner, 2011; Dunlop, Wakefield & Kashima, 2008; Egbert, Miraldi & Murniadi, 2014; Nabi & Keblusek, 2014) verbunden sind. Interaktionseffekte zwischen Mediennutzung und Depressionen sind daher nicht unwahrscheinlich und können entscheidend dazu beitragen, dass das gegenwärtige Verständnis von Medien und Suiziden differenzierter als bisher betrachtet wird. Letztlich spiegeln die Mediendarstellungen von Suiziden selbst wider, dass Rezipientenmerkmale zu selten thematisiert werden: Boudry (2008, S. 62–63) kritisiert beispielsweise, dass nur in 7 bzw. 15% der Suiziddarstellungen in US-Tageszeitungen im Jahr 1993 bzw. 2003 psychische Störungen im Zusammenhang mit Suiziden thematisiert werden – diese Zahlen entsprechen bei Weitem nicht den Schätzungen zur Prävalenz psychischer Störungen im Zusammenhang mit Suiziden, die auf über 90% beziffert werden (vgl. Kapitel 2.3).

1.2.3 Defizitärer Umgang mit Forschungsbefunden

Pirkis und Blood (2010b, S. 2) identifizieren insgesamt über 95 englischsprachige Studien, die bis zum Jahr 2010 zu den Zusammenhängen zwischen Suiziddarstellungen in aktuellen Nachrichtenmedien und suizidalen Verhaltensweisen publiziert wurden. Nur ein kleiner Teil (15 von 97 Studien) analysiert dabei überhaupt Zusammenhänge auf individueller Ebene (Pirkis & Blood, 2010b, S. 3), obwohl gerade individuell verschiedene Rezipienteneigenschaften, wie beispielsweise Depressionen, wichtige Erklärungsansätze liefern könnten. Die meisten Literaturübersichten (Gould, 2001; Pirkis & Blood, 2001a, 2001b, 2010b; Scherr, 2013; Sisask & Värnik, 2012) und Meta-Analysen (Niederkrotenthaler, Fu et al., 2012; Stack, 2000a, 2005, 2009) deuten darauf hin, dass Suizidberichte und fiktionale Suiziddarstellungen tatsächlich Nachahmungssuizide auslösen können. Gleichzeitig hat sich in den letzten Jahren die Perspektive auf Medienwirkung vergrößert: Gerade in jüngerer Zeit mehren sich Hinweise auf eine umgekehrte Wirkungsrichtung, also ein Rückgang an Suiziden als Folge bestimmter Medienberichte. Diese Perspektive wurde als Papageno-Effekt bezeichnet (Niederkrotenthaler et al., 2010; Ruddigkeit, 2010; Schäfer & Quiring, 2013b). Dabei ist die Vorstellung einer allenfalls dichotomen Medienwirkung vorherrschend: Suizidberichte führen demnach zu zusätzlichen Suiziden oder verhindern diese. Ebenso gut kann ein Wirkungskontinuum angenommen werden (Scherr & Steinleitner, 2015), wenn man neben vollendeten Suiziden auch Suizidgedanken, -versuche oder -pläne als Bestandteile von Suizidalität begreift (vgl. Kapitel 2.1.2; insb. Abbildung 4). Ferner gibt Hittner (2005, S. 197–198) zu bedenken, dass eine Erklärung dafür, dass viele Studien zum WertherEffekt keine einheitlichen Befunde fördern, nur schwer ermittelt werden kann, da viele Studien methodisch und statistisch nicht gut vergleichbar sind (Hittner, 2005,S. 198; Pirelli & Jeglic, 2009).

Der bisherige Umgang mit Forschungsbefunden spricht auch dafür, dass neuere theoretische Entwicklungen aus der suizidologischen Forschung noch nicht stark genug rezipiert wurden und die Wirkungsbedingungen und -prozesse auf Individualebene dementsprechend noch weitgehend verschlüsselt sind (vgl. Kapitel 3).

Schließlich konnten bisher auch noch keine genaueren Aussagen über kausale Abläufe getroffen werden – ein weiterer blinder Fleck in den Forschungsbefunden.

 
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