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1.1.6 Chancen und Gefahren von Suiziddarstellungen im Internet

Schließlich nehmen die Forschungsbemühungen zu Nachahmungssuiziden in wiederkehrender Weise das Internet ins Visier (vgl. Jacob, Scourfield & Evans, 2014). In der zuvor abgebildeten Übersichtstabelle wurden die Befunde zum Internet noch mit einem Kreis-Symbol für Uneindeutigkeit der Befunde versehen. Dies liegt im Falle des Internets sicherlich auch an der überwiegend zweigeteilt geführten Diskussion über dessen Chancen und Gefahren für die Suizidalität der Nutzer. Daher sollen abschließend zum Forschungsstand einige Befunde zu Suizidalität und Online-Medien herausgegriffen und näher besprochen werden. Kemp und Collings (2011, S. 143) bezeichnen einige dieser Arbeiten als eine Ansammlung von Einzelfallstudien mit Einzelmeinungen, die kein systematisches Verständnis des Internets als Kommunikationsraum entwickeln (Beatson, Hosty & Smith, 2000; Becker et al., 2004; Becker & Schmidt, 2004; Dobson, 1999; Naito, 2007; Prior, 2004; Rajagopal, 2004; Thompson, 1999). Der oftmals spezielle Zuschnitt vieler Studien erschwert die Erkenntnis übergreifender Zusammenhänge zwischen Nachahmungssuiziden und dem Internet. Die subjektive Wahrnehmung von Internetangeboten durch unterschiedlich prädisponierte Personen (z. B. Depressive; hinterbliebene Angehörige eines Suizidenten; vgl. Kemp & Collings, 2011, S. 143) wird dabei wiederum weiterhin außer Acht gelassen. Von diesen werden die Angebote unterschiedlich wahrgenommen und bewertet. So kann beispielsweise auch eine sogenannte „ProSuizid-Website“ für Angehörige eine erste Anlaufstelle nach einem Suizid sein, die eine unterstützende Funktion für sie hat (Baker & Fortune, 2008; Eichenberg, 2004). Harris, McLean und Sheffield (2009) zeigen anhand einer Online-Befragung zum Internetnutzungsverhalten von suizidalen Personen, dass diese besonders die Anonymität von Suizidforen schätzen, in denen sie offene Diskussionen führen können, was selbstverständlich mit geschulten Moderatoren auch grundsätzlich anonym möglich ist. Ein anderer Bereich widmet sich insbesondere der Frage nach der Sichtbarkeit und Zugänglichkeit von Internetangeboten in Zusammenhang mit Internetsuchmaschinen (Biddle et al., 2012; Biddle, Donovan, Hawton, Kapur & Gunnell, 2008; Recupero, Harms & Noble, 2008). Hierzu gibt es insgesamt noch immer gemischte Befunde: Sowohl „Pro-Suizid-Websites“ als auch suizidpräventive Internetangebote und Internetseiten zu Suizidmethoden sind prinzipiell auffindbar und miteinander vernetzt. Kemp und Collings (2011) präsentieren eine erste netzwerkanalytische Arbeit, in der sie die Hyperlinkstruktur von Pro- und Anti-SuizidWebsites abbilden. Die Studie belegt mithilfe von Web-Crawlern, dass „Pro-SuizidWebsites“ tatsächlich seltener und auch weniger stark vernetzt sind, während suizidpräventive Angebote sehr einfach zugänglich und deutlich stärker vernetzt sind. Der Ansatz der Studie geht über die Analyse suizidbezogener Suchanfragen hinaus (Chang, 2011), weil sie auch die Verlinkungs-Struktur der Websites untereinander berücksichtigt und damit bessere Rückschlüsse auf die Sichtbarkeit dieser Angebote für Internetnutzer zulässt, worauf Suchmaschinentreffer letztlich basieren.

Bei jüngeren Personen scheinen dagegen ohnehin traditionelle Medienangebote und soziale Netzwerke von größerer Bedeutung zu sein als klassische Websites. Anhand einer Befragung von Jugendlichen zeigen Dunlop, More und Romer (2011) allerdings, dass im Gegensatz zu diesen Medienangeboten vor allem Diskussionsforen sowohl als wichtige Quelle für suizidbezogene Informationen genannt werden als auch mit einer erhöhten Suizidalität in Verbindung stehen (vgl. auch Scherr & Reinemann, 2014; Sueki, 2013). Daine et al. (2013) verdichten in einem systematischen Literaturreview die Befunde aktueller empirischer Studien aus insgesamt acht Ländern zu den Zusammenhängen zwischen der Internetnutzung und der Suizidalität insbesondere bei jüngeren Personen. Methodisch waren die Studien sowohl qualitativ als auch quantitativ konzipiert. Die empirischen Befunde beruhen vor allem auf Selbstaussagen im Rahmen von Befragungsstudien, einige Arbeiten basieren jedoch auch auf Beobachtungsdaten. Die Studien beruhen außerdem auf Daten sowohl von aktiven als auch von passiven Nutzern (Daine et al., 2013, S. 2). Die Gesamtschau der Befunde weist in die angesprochenen zwei Richtungen: Die Chancen und Gefahren des Internets für die Suizidalität. Zu den Chancen zählt der soziale Kontakt mit anderen Personen, durch den Empathie und soziale Unterstützung auf Augenhöhe erlebt werden kann (Baker & Fortune, 2008). Dazu gehört auch der Austausch mit anderen suizidalen Personen, der zur subjektiven Problembewältigung beitragen kann (Baker & Fortune, 2008; Barak & Dolev-Cohen, 2006, S. 188–189; Eichenberg, 2008; Jones et al., 2011). Schließlich sind zwei weitere Gesichtspunkte als Chancen von Online-Kommunikation anzusehen: Betroffene können erstens online eine positive Bestärkung ihres eigenen gezeigten Verhaltens und zweitens nicht zuletzt dadurch größere Wissenszuwächse zur Suizidalität als etwa über die Nutzung von Informationsseiten erfahren (Daine et al., 2013, S. 4).

Zu den empirisch festgestellten Gefahren der Internetnutzung für die Suizidalität zählen einerseits die Normalisierung von suizidalem Verhalten durch den Austausch in speziellen Diskussionsforen und der Austausch über Suizidmethoden. Problematisch ist auch, dass suizidale Personen über entsprechende Internetangebote einen suizidalen Partner für sich suchen. Dabei war die Nutzung von Diskussionsforen mit erhöhten Suizidgedanken verbunden, nicht aber die Nutzung sozialer Netzwerkseiten. Zu den Hauptursachen für die Nutzung von Diskussionsforen zählt Hoffnungslosigkeit bei gleichzeitig niedrigem Stressniveau (Barak & Dolev-Cohen, 2006, S. 188–189), wobei die Nutzung von Internetforen das Stressniveau der Nutzer nicht durchweg positiv beeinflusst. Generell stellt die Internetnutzung gerade für Jugendliche eine wichtige Informationsquelle zum Thema Suizid dar. In einer US-amerikanischen Studie gaben 59% der befragten Jugendlichen an, über das Internet (Nachrichtenseiten, Onlineforen, Diskussionsplattformen, Selbsthilfewebsites) Informationen über Suizidalität erhalten zu haben, 24% gaben außerdem soziale Netzwerke an (Dunlop et al., 2011, S. 1076). Daine et al. (2013, S. 4) zitieren eine neuseeländische Studie, in der Personen, die sich selbst Verletzungen zugefügt haben, zu Medieneinflüssen befragt wurden. 80% gaben an, zuvor mit suizidbezogenem Material im Internet konfrontiert worden zu sein. Bei Mitchell und Ybarra (2007) finden sich außerdem Hinweise darauf, dass selbstschädigendes Verhalten bei Jugendlichen mit einer höheren Internetnutzung zusammenhängt. Empirische Unterstützung erfährt diese Einschätzung von Messias, Castro, Saini, Usman und Peeples (2011), die zeigen, dass Jugendliche, die exzessiv Zeit (= mehr als fünf Stunden pro Tag) im Internet oder mit Computerspielen verbringen, ein deutlich höheres Risiko für Depression, Suizidgedanken und Suizidpläne aufweisen. Dieser Zusammenhang war auch bei wiederholter Messung im Abstand von zwei Jahren zu beobachten. Diese Befunde weisen auf fundamentale, bisher noch unberücksichtigte Zusammenhänge zwischen Internetsucht, Depressionen und Suizidalität hin (vgl. Kim et al., 2006; Lam, Peng, Mai & Jing, 2009), die sich bereits in anderen Arbeiten abzeichneten (vgl. die Verbindung zwischen Computer-Spielsucht und geringer Lebenszufriedenheit bei Festl, Scharkow & Quandt, 2013).

Zusammenfassend bestätigt sich das zweigeteilte Bild von Chancen und Gefahren. Studien zeigen, dass das Internet einerseits eine Quelle sozialer Unterstützung sein kann, wo Problemlösungsstrategien vermittelt werden, andererseits die Internetnutzung aber nicht mit einer Verminderung von Stress einhergeht, sondern stattdessen mit einem Gefühl von Hoffnungslosigkeit und vermehrten Suizidgedanken. Insbesondere die Gefahr der Normalisierung von suizidalem Verhalten wurde bislang erst oberflächlich untersucht. Der Fokus vieler Studien liegt auf jüngeren Bevölkerungsgruppen. Die Befunde von Scherr und Reinemann (2014) zum Zusammenhang der Nutzung von Online-Gesundheitsforen und Suizidalität deuten darauf hin, dass auch ältere Internetnutzer (50-59 Jahre) näher betrachtet und dabei auch dringend geschlechterspezifische Unterschiede berücksichtigt werden sollten, weil selbst in älteren Personengruppen solche Zusammenhänge noch deutlich erkennbar waren. Ein weiterer noch wenig beleuchteter Aspekt ist die Bedeutung von Online-Selbsthilfegruppen für Personen, die einen Suizidversuch überlebten, sowie für Angehörige bzw. Hinterbliebene eines Suizidenten. Feigelman, Gorman, Beal und Jordan (2008, S. 233) zeigen, dass hier beispielsweise kein Stadt-Land-Gefälle unter den Nutzern besteht und dass als Nutzungsmotive in erster Linie die Erreichbarkeit von Ansprechpartnern rund um die Uhr genannt wurden. Auch die Möglichkeit, sehr viel Zeit in einer Online-Selbsthilfegruppe verbringen zu können, ist ausschlaggebend (Feigelman et al., 2008, S. 229). Gerade Personen, die eine starke Stigmatisierung von Seiten ihrer Familie und Bekannten erfahren haben, sowie depressive Personen suchten in Online-Selbsthilfeforen Hilfe und Unterstützung, die sie dort auch fanden (Feigelman et al., 2008, S. 234). Schließlich kann auch das aktuell häufiger beobachtbare Phänomen des sogenannten Cyber-Suizids problematisiert werden. Damit ist die Äußerung von Suizidgedanken im Internet gemeint.

Cotten, Ford, Ford und Hale (2014) definieren Cyber-Suizid als eine auf die eigene Person gerichtete Form jugendlicher Gewalt, die sich insbesondere auf Äußerungen von Suizidgedanken im Internet bezieht (vgl. detaillierter dazu Alao et al., 2006). Über die Relevanz von online geäußerten Suizidgedanken herrscht seit Längerem eine rege Diskussion. Cash, Thelwall, Peck, Ferrell und Bridge (2013) analysierten beispielsweise die Inhalte von über 1.038 Posts auf MySpace, die öffentlich zugänglich waren und bei denen man davon ausgehen konnte, dass es sich um kein professionell betriebenes Profil handelte (genauer bei Cash et al., 2013, S. 167). Letztlich wurden 64 potenziell suizidale Kommentare identifiziert und inhaltsanalytisch untersucht. Dabei zeigte sich, dass suizidbezogene Äußerungen in Verbindung mit Alltagsproblemen, sogenannten „daily hassles“, geäußert wurden. Dazu zählen beispielsweise Beziehungsprobleme, Missbrauch von Substanzen oder Probleme mit der eigenen psychischen Gesundheit. Die Autoren der Studie schlussfolgern daher, dass das Äußern von Suizidgedanken im Internet mit der Suche nach Anlaufstellen und Unterstützung einhergeht, mit dem Ziel, die Unwägbarkeiten des Alltags zu überwinden. Diese Einschätzung deckt sich mit den Befunden von Ruder, Hatch, Ampanozi, Thali und Fischer (2011), deren Studie zeigt, dass Facebook zwar einerseits zur Äußerung von Suizidgedanken genutzt wird, andererseits aber befreundete Personen in dem Netzwerk tatsächlich dagegen einschreiten und Suizidversuche verhindern. Die Autoren folgern aus den Befunden, dass Facebook grundsätzlich ein Potenzial zur Suizidprävention in sich birgt. [1] Solchen positiven Einschätzungen der Rolle des Internets (vgl. dazu auch Eichenberg, 2004, 2010; Winkel et al., 2003) steht die häufig geäußerte Angst gegenüber, das Internet biete gleichzeitig Raum für die Bereitstellung und den gegenseitigen Austausch von Wissen über Suizidmethoden, wodurch die Gefahr für zusätzliche Suizide erst entsteht (Bronisch, 2002; Fiedler & Lindner, 2002; Fiedler & Neverla, 2003; Horne & Wiggins, 2009).

In einem aktuellen Literaturreview (Hamm et al., 2014, S. 13) zur Bedeutung von sozialen Medien für die Gesundheit jüngerer Personen halten die Autoren fest, dass sich die meisten Studien auf Diskussionsforen beschränken und die Wirksamkeit sozialer Medien bisher vor allem im Rahmen weiterer Behandlungsmaßnahmen betrachtet wurde. Dadurch fällt es grundsätzlich schwer, den speziellen Einfluss von Social-Media-Angeboten auszuloten. Qualitative Untersuchungen deuten (im allgemeinen Gesundheitskontext) allerdings darauf hin, dass sich soziale Medien vor allem im akuten Stadium einer Krankheit für jüngere Personen als Unterstützung oder Informationsquelle eignen (gegebenenfalls über die Kontaktherstellung mit den Erziehungsberechtigten). Die zu beobachtende Euphorie in Bezug auf die neuen technischen und strukturellen Möglichkeiten, die das Social Web bietet, stützt sich im Gesundheitsbereich (und mit besonderem Fokus auf jüngere Zielgruppen) allerdings kaum auf empirische Belege (Hamm et al., 2014, S. 13). Bei der Abschätzung der Wirkung neuer Medienangebote im Zusammenhang mit Suizidalität und Depressionen ist daher Vorsicht geboten. Dabei spielt auch die Qualität der Studien eine nicht unwesentliche Rolle (Hamm et al., 2014, S. 13), die mithilfe standardisierter Bewertungsverfahren im Rahmen von Literaturübersichten ermittelt werden sollte (vgl. Higgins & Green, 2011). Übersichtsarbeiten, die nämlich nicht auf dieser Systematik aufbauen, zeigen mit höherer Wahrscheinlichkeit positive Befunde (Tricco, Tetzlaff, Pham, Brehaut & Moher, 2009). Und schließlich untersuchte etwa Chung (2014) die Bedeutung von Online-Supportgruppen im Umgang mit gesundheitsbezogenen Themen. Die Studie weist nach, dass Online-Diskussionsgruppen insgesamt am bedeutendsten sind, um sich über gesundheitsbezogene Themen auszutauschen, besonders wenn ein erhöhtes Informationsbedürfnis besteht (Chung, 2014, S. 651). Sind Nutzer dagegen primär auf der Suche nach emotionaler Unterstützung, gewinnen andere Angebote wie Blogs oder soziale Netzwerke an Bedeutung (Chung, 2014, S. 652). Social-Media-Anwendungen schreiben Gesundheitsforscher bislang (im Gegensatz zu klassischen Massenmedien) nur eine geringe Bedeutung zu (Grande et al., 2014, S. 6). Daher verwundert es nicht, dass das Potenzial von Online-Medieninhalten für die Suizidprävention bislang noch nicht ausgeschöpft erscheint (Jacob et al., 2014).

  • [1] An dieser Stelle soll mit Verweis auf die Literatur die grundsätzliche Problematik eines „BystanderEffekts“ online nicht näher beleuchtet werden (Markey, 2000; Quirk & Campbell, 2014).
 
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