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1.1.5 Interventionsmöglichkeiten bei fiktionalen, non-fiktionalen und „neuen“ Medieninhalten

Nicht zuletzt aufgrund der zahlreichen Belege für die Gefahr von Nachahmungssuiziden infolge von Suizidberichterstattung und auch fiktionalen Suiziddarstellungen entwickelte die WHO in Zusammenarbeit mit der Task Force „Medien“ der Internationalen Gesellschaft für Suizidprävention (IASP) Guidelines für journalistische Produkte verschiedener Medien. Insgesamt existieren über 30 solcher Guidelines in verschiedenen Ländern (Pirkis & Nordentoft, 2011, S. 534), die sich inhaltlich weitgehend überschneiden (Pirkis, Blood et al., 2006, S. 84). Darin wird unter anderem empfohlen, auf eine sensationsorientierte Berichterstattung mit umfassender Bebilderung und prominenter Platzierung zu verzichten, keine Details zur Methode und zum Ort zu nennen, und dies insbesondere dann zu befolgen, wenn es sich um einen prominenten Suizidenten handelt (Pirkis & Nordentoft, 2011, S. 534). Sonneck, Etzersdorfer und Nagel-Kuess (1994, S. 456–457) ergänzen als ein weiteres Merkmal der Suizidberichterstattung, das einen Werther-Effekt begünstigt (vgl. auch Pellegrini, 1996, S. 301), die Darstellung des Suizids als nicht nachvollziehbar (z. B. „Er führte das perfekte Leben“) sowie die Simplifizierung von Suizidmotiven (z. B. „brachte sich wegen schlechter Neuigkeiten um“). Ebenso schädlich sind eine den Suizid romantisierende Berichterstattung („im Tod vereint“) oder Berichte, die einen Suizid als unausweichlich darstellen („wurde in den Suizid getrieben“). Hingegen wird das Nachahmungsrisiko minimiert, wenn im Artikel erwähnt wird, dass ein Suizid immer auch Ausdruck für psychische Probleme ist. Auch Hinweise auf suizidale Risikofaktoren, Warnsignale für Suizidalität und Hilfsangebote können suizidpräventiv wirken (vgl. Niederkrotenthaler et al., 2010). Die formalen Kriterien von Suizidberichten, die einen Werther-Effekt begünstigen, sind:

• Der Suizidbericht steht auf der Titelseite einer Zeitung.

• Der Begriff „Suizid“ kommt in der Überschrift vor.

• Es gibt ein Foto der Person, die sich das Leben genommen hat.

• Der Medienbeitrag heroisiert die Person, die sich das Leben genommen hat („musste in dieser Situation so handeln“).

Eigenschaften von Suizidberichten, die einen Werther-Effekt abschwächen oder verhindern können, sind nach Sonneck, Etzersdorfer und Nagel-Kuess (1994, S. 457):

• Alternative Handlungsmöglichkeiten zum Suizid werden genannt (z. B. Anlaufstellen bei Suizidgedanken).

• Überwinden einer suizidalen Krise.

• Darstellung von Hintergrundinformationen zu Suizidalität im Allgemeinen (z. B. Hilfestellungen zum Umgang mit suizidalen Personen).

Medienguidelines orientieren sich also stark an den Befunden zum Werther-Effekt und unterstreichen somit dessen gesellschaftliche Relevanz nachdrücklich. In einigen Ländern werden auch Preise für vorbildliche Suizidberichterstattung vergeben, um die Journalisten zu motivieren, die Guidelines zu berücksichtigen, und um diese auf breiter Basis publik zu machen (Dare et al., 2011). Dies erscheint sinnvoll, da vor einigen Jahren noch Jamieson, Jamieson und Romer (2003) feststellen mussten, dass viele Journalisten nicht über die Auswirkungen ihrer Suizidberichte Bescheid wussten. Eine Befragung von US-amerikanischen Journalisten, die für ihre Berichterstattung zu psychischen Erkrankungen ausgezeichnet wurden, zeigt allerdings auch, dass Journalisten durchaus hart mit den inhaltlichen Vorschlägen in den Guidelines ins Gericht gehen (Subramanian, 2014): Die befragten Journalisten glaubten zwar grundsätzlich an eine Nachahmungswirkung als Folge von Suizidberichten, zweifelten allerdings an der vereinfachten Wirkungsvorstellung des WertherEffekts. Die preisgekrönten Journalisten gehen von einem ohnehin vorhandenen Wissen über die verschiedenen Suizidmethoden in der Gesellschaft aus und sehen in detaillierten Suizidberichten sogar wichtiges suizidpräventives Potenzial (Subramanian, 2014, S. 11). Einzelne Details zur Suizidberichterstattung, wie in den Medienguidelines beschrieben, rufen bei den Journalisten gemischte Reaktionen hervor. Während einige zustimmen, beispielsweise in Berichten über psychisch Kranke, diese auch tatsächlich als Personen mit einer psychischer Krankheit zu beschreiben, um einer Stigmatisierung entgegenzuwirken, betonen andere (im Gegensatz zum Framing psychischer Krankheiten) vor allem die Wichtigkeit korrekter Informationen. Ein weiterer Punkt, der einer Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen in der Gesellschaft entgegenwirken kann, ist die Verbreitung prosozialer Botschaften in den Medien, also guter Nachrichten über beispielsweise erfolgreiche Therapien. Die preisgekrönten Journalisten standen dem skeptisch gegenüber, weil sie keine Propaganda schreiben wollten, und betonten stattdessen die Bedeutung detailgetreuer Hintergrundberichte in Verbindung mit einem aktuellen Anlass (Subramanian, 2014, S. 12).

Medienguidelines sind ein erfolgreiches Mittel der Suizidprävention, wenn sie von den Journalisten tatsächlich berücksichtigt werden (Fu & Yip, 2008). Dann können sie einen unmittelbaren (Etzersdorfer & Sonneck, 1998, 1999; Etzersdorfer, Sonneck & Nagel-Kuess, 1992; Etzersdorfer et al., 2004; Michel et al., 2000; Pirkis et al., 2009) Rückgang der Suizidzahlen bewirken, der auch über Jahre hinweg beobachtbar bleibt (Niederkrotenthaler & Sonneck, 2007). Insbesondere die Wiener Interventionsstudie zeigt, dass die Einführung von Medienguidelines zur Suizidberichterstattung zu einer deutlich reduzierten Berichterstattung, einem Rückgang methodenspezifischer Suizide um 75% und einem Rückgang aller Suizide eines örtlich beschränkten Gebietes um 20% führen kann. Die Erfahrungen aus Australien zur Implementation von Medienguidelines belegen die Wichtigkeit der Einbindung von Verantwortlichen aus dem Medienbereich während aller Stufen der Entwicklung und Implementierung (Chambers et al., 2005; Pirkis, Blood et al., 2006). Verschiedene Maßnahmen wurden dabei ergriffen, um den Kontakt zu den Journalisten, Medienverantwortlichen und Medienkontrollgremien zu halten. Pirkis und Nordentoft (2011, S. 537) beschreiben, wie in Australien diese Maßnahmen auch für die Darstellung fiktionaler Medieninhalte über Suizide umgesetzt wurden – auch in diesem Punkt existieren zum Teil gravierende Länderunterschiede (vgl. beispielsweise für Indien Chandra et al., 2013). Dazu wurden beispielsweise Workshops angeboten sowie schriftliches und online verfügbares Informationsmaterial, das sich explizit an Drehbuchautoren und Verantwortliche aus dem Bereich der Unterhaltungsmedien richtet und auf die Gefahren der Suizidnachahmung hinweist. Neben den Medienverantwortlichen werden auch Psychiater und suizidale Personen in den Entwicklungs- und Implementierungsprozess eingebunden, um die Relevanz und Passgenauigkeit des Programms sicherzustellen. Die Materialien zu fiktionalen Inhalten wurden in Zusammenarbeit mit Ärzten entwickelt. Während das australische Projekt mittlerweile Vorbildcharakter besitzt, zeigt das wesentlich weniger erfolgreiche Beispiel aus Neuseeland, in dem gesellschaftliche Akteure nicht in den Entwicklungs- und Implementationsprozess eingebunden worden sind, wie wichtig tatsächlich bereits der Planungsprozess von Medienguidelines ist. Dabei sind neuere Medien noch nicht einmal in den Mittelpunkt dieser Diskussion gerückt. Für das Internet existieren verschiedene Vorschläge zur Einführung freiwilliger Guidelines. Zum Einsatz von Filtersoftware oder der bewussten Positionierung von Hilfe-Websites für suizidale Personen (Becker, Mayer, Nagenborg, El-Faddagh & Schmidt, 2004; Mishara & Weisstub, 2007) stehen Vorschläge im Raum. Eine empirische Überprüfung dieser Vorschläge existiert bislang jedoch nicht (Pirkis & Nordentoft, 2011, S. 539).

Vor dem Hintergrund der genannten Defizite und des Forschungsstands zum Werther-Effekt sollen hier abschließend die zentralen Erkenntnisse dieses Kapitels verdichtet dargestellt werden. Die Einzelbefunde, die in den vorangegangenen Kapiteln diskutiert wurden, werden dafür in einer tabellarischen Übersicht (Tabelle 1) zusammengefasst. Diese beinhaltet die Kernbefunde, die Richtung der aus der Forschungsliteratur extrahierten Zusammenhänge sowie einen zentralen Quellennachweis für den Zusammenhang. Ausgangspunkt ist die zugrunde liegende allgemein formulierte Hypothese des Werther-Effekts, dass mediale Suiziddarstellungen zu Veränderungen der Suizidrate bzw. der individuellen Suizidalität führen. Die Tabelle zeigt spezifische Eigenschaften der medialen Suiziddarstellungen und deren Auswirkung auf die Suizidrate bzw. auf die individuelle Suizidalität.

Tabelle 1.

Übersicht über Kernbefunde zum Werther-Effekt

Studie Beschaffenheit medialer Suiziddarstellungen Auswirkungen auf Suizidrate

Phillips (1974) Titelseite von Tageszeitungen +

Kessler et al. (1989) Suiziddarstellung im Fernsehen 0

Alao et al. (2006) Internet 0

Eichenberg (2010) Pro/Anti-Suizid-Websites 0

Dunlop, More und Romer (2011)

Scherr und Reinemann (2014) Diskussionsforen 0

Chung (2014, S. 652) soziale Medien, Blogs 0

Phillips (1974) hohe Reichweite des Mediums +

Stack (2005) non-fiktionale Suizidberichte +

Schmidtke und Häfner (1986) fiktionale Suiziddarstellungen +

Niederkrotenthaler, Fu et al. (2012,

S. 1040) Prominentensuizid +

Ueda, Mori und Matsubayashi (2014) Politikersuizid +

Veysey, Kamanyire und Volans +

(1999) spezielle Suizidmethode

Gould, Kleinman, Lake, Forman und +

Midle (2014) ungewöhnliche Suizidform

Phillips (1974) Ethnozentrismus/Suizid in eigenem +

Land

Etzersdorfer, Voracek und Sonneck

(2004) wiederholte Suiziddarstellung +

Hagihara, Abe, Omagari, Motoi und Nabeshima (2014)

Hagihara, Abe, Omagari, Motoi und Nabeshima (2014)

Pirkis und Nordentoft (2011, S. 534) Sonneck, Etzersdorfer und NagelKuess (1994, S. 456–457) „Echoing“ von Suizidberichten

in Tageszeitungen 0

Missachtung journalistischer Leitli-

nien +

Einhaltung von journalistischen Richtlinien zur Suizidberichterstat- tung

Niederkrotenthaler et al. (2010)

Studie Rezipienteneigenschaften Auswirkungen auf Suizidalität

Cheng, Hawton, Chen, Yen, Chang et al. (2007) Depression +

Fu und Yip (2009, S. 871–873) Ähnlichkeit zu Suizidvorlage +

Fu und Yip (2009, S. 871–873) hohes Alter 0

Schmidtke und Häfner (1986) niedriges Alter +

Anmerkung. Schematische Übersicht über zentrale Befunde der Forschung zum Werther-Effekt. + = Anstieg der Suizidrate/höhere Suizidalität; – = Rückgang der Suizidrate/geringere Suizidalität; 0 = keine eindeutige Veränderung.

 
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