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1.1.4 Darstellung von Suizidalität in den Medien

Suizide spielen in der internationalen Medienberichterstattung normalerweise keine große Rolle und entfalten dennoch zum Teil eine große gesellschaftliche Wirkung. Machlin, Pirkis und Spittal (2013, S. 307) zeigen für Australien, dass innerhalb eines Jahres insgesamt nur über 29 von 2.161 amtlich erfassten Suiziden in den Medien berichtet wurde, vor allem in Tageszeitungen (70% der Berichte), im Radio (23%) und im Fernsehen (7%), wobei die Anzahl der Berichte je nach Suizidfall zwischen einem und hundert schwankte, ohne dass in dem Untersuchungszeitraum ein Prominentensuizid stattgefunden hat. Über den Zeitraum eines Jahres (März 2000 bis Februar 2001) sammelten zuvor bereits Pirkis, Burgess, Francis, Blood und Jolley (2006) 4.635 Suizidberichte aus (regionalen und überregionalen) Tageszeitungen, im Radio oder im Fernsehen in Australien – eine der umfangreichsten Analysen zu Suizidberichten in den Medien, die bisher durchgeführt wurden. Es zeigt sich ein Anstieg der Suizidstatistik für Männer nach 39% dieser Berichte (in der Folge von 25% der Berichte konnten keine Veränderungen beobachtet werden, in der Folge von 36% der Suizidberichte gingen die Suizidzahlen zurück) und ein Anstieg der Suizidstatistik für Frauen nach 31% der Suizidberichte (nach 43% der Suizidberichte gab es keine Veränderung, nach 26% einen Rückgang der Suizidzahlen für Frauen) – ein Großteil der Suizidberichterstattung hat demnach keine beobachtbaren Auswirkungen auf die amtlichen Suizidzahlen.

Auch in Österreich liegt der Anteil berichteter Suizidfälle in der Tageszeitung ähnlich niedrig. Niederkrotenthaler, Till, Herberth et al. (2009, S. 361) geben an, dass 54 von insgesamt 1.392 Suiziden in Tageszeitungsberichten aufgegriffen wurden. Ähnlich hoch fallen die Schätzungen für die USA (Genovesi, Donaldson, Morrison & Olson, 2010) und Großbritannien (Lewison, Roe, Wentworth & Szmukler, 2012) aus. Für den Schweizer Printsektor finden sich zwischen vier und 35 Artikel über Suizide oder Suizidversuche in einem Untersuchungszeitraum von acht Monaten (Michel, Frey, Wyss & Valach, 2000, S. 73). Von ähnlichen Größenordnungen sprechen auch Pirkis, Burgess, Blood und Francis (2007, S. 279–280) für Australien und auch Ruddigkeit (2010) für Deutschland in einem dreijährigen Zeitraum (2001– 2003). Anders dagegen bei prominenten Suiziden, wie der des deutschen Fußballnationaltorhüters Robert Enke im Jahr 2009, der zu einer erheblich höheren Zahl an Suizidberichten geführt hat, wie Schäfer und Quiring (2013a, S. 148) für Deutschland zeigen. Die beiden Forscher identifizieren in sieben untersuchten Printmedien innerhalb von drei Wochen 193 Suizidberichte, von denen allein 85 der reichweitenstarken „Bild“-Zeitung zugerechnet werden können.

Inhaltlich fokussieren Medien vor allem auf spektakuläre oder gewaltsame Suizidmethoden (29% Erschießen, 20% Erhängen, 17% Sturz in die Tiefe) im Vergleich zu beispielsweise Selbstvergiftungen (8%) (McKenna et al., 2010; Niederkrotenthaler, Till, Herberth et al., 2009, S. 362). Auch die mediale Darstellung spezieller Suizidmethoden kann Nachahmungssuizide auslösen, wie zahlreiche Studien zeigen (Biddle et al., 2012; Blood et al., 2007; Chang, 2011; Leung, Chung & So, 2002; Veysey, Kamanyire & Volans, 1999; Yoshioka, Hanley, Kawanishi & Saijo, 2014, S. 7). Jüngsten Befunden zufolge können spezielle Suizidformen, wie beispielsweise sogenannte Suizidcluster bzw. Mehrfachsuizide trotz geringerem Bekanntheitsgrad der Suizidenten zu Nachahmungssuiziden führen, die wiederum der Anlass für weitere Suizidberichterstattung sein können (Gould, Kleinman, Lake, Forman & Midle, 2014; Yip et al., 2013, S. 99). Machlin, Pirkis und Spittal (2013, S. 310) zeigen, dass besonders häufig über Suizide in jüngeren Bevölkerungsgruppen berichtet wird, unter anderem über Anhäufungen von Suiziden (vgl. Gould et al., 2014). In den Medien spielt dagegen die Entwicklung von Suizidalität oder deren Dynamik (vgl. Pöldinger, 1968, S. 20–21) seltener eine Rolle. So berichten beispielsweise Frey, Michel und Valach (1997, S. 16) davon, dass in Schweizer Printmedien über einen Zeitraum von acht Monaten hinweg in nicht einmal der Hälfte aller Artikel (41.7%), die die Schlagwörter Suizid oder Suizidversuch beinhalteten (n = 151), Gründe bzw. Erklärungen für Suizidalität thematisiert wurden. Sofern Gründe für die Suizidalität angesprochen wurden, waren dies vor allem Depressionen (27%) und Beziehungsprobleme (27%). In 16 Artikeln wurde Suizidalität als sehr statisch beschrieben, in 23 Artikeln als plötzliches bzw. schicksalhaftes Ereignis ohne Möglichkeiten, dieses zu verhindern – immerhin ein Viertel der Artikel wird also keinem angemessenen Verständnis von Suizidalität gerecht. Zwischen verschiedenen Medien der gleichen Mediengattung existieren gravierende Unterschiede in der Qualität der Suizidberichterstattung (Michel, Frey, Schlaepfer & Valach, 1995). Das deutet darauf hin, dass auch Forschungsüberblicke, die nach Mediengattungen getrennt argumentieren, nur eingeschränkt aussagekräftig sind. Für die USA belegt beispielsweise Baker (1988), dass kleinere Tageszeitungen konservativer und weniger drastisch über Suizide berichteten oder dass Tageszeitungen, die mit ihrem Redaktionssitz weiter vom Ort des Geschehens entfernt sind, umso wahrscheinlicher drastische Bilder eines Suizids verwenden. Wenn im Verbreitungsgebiet von Zeitungen eine Konkurrenzsituation mit dem Fernsehen bestand, berichteten diese ausführlich über einen Suizidfall und zeigen mit höherer Wahrscheinlichkeit sehr drastische Bilder vom Suizid (Baker, 1988, S. 20). Auch in speziellen Mediengattungen wie deutschsprachigen Jugendzeitschriften finden Suizidversuche oder psychische Erkrankungen nur am Rande Erwähnung (Eisenwort, Hermann, Till & Niederkrotenthaler, 2012).

Myrick, Major und Jankowski (2014) legen eine umfassende Studie über einen Zeitraum von 18 Jahren zum Framing der nationalen TV-Nachrichtenberichterstattung über u.a. Depressionen (v.a. gain vs. loss framing; episodic vs. thematic framing) in den USA vor. Sie knüpfen damit an die Idee von Gould, Midle, Insel und Kleinman (2007) an. Der Studie zufolge werden psychische Erkrankungen in den TV-Nachrichten häufig im Zusammenhang mit Kriminalität oder aber mit Medikamenten dargestellt, was zur Stigmatisierung Betroffener beitragen kann (vgl. Philo et al., 1994; Wahl, Wood & Richards, 2002). Slopen, Watson, Gracia und Corrigan (2007, S. 9–10) zeigen anhand einer Inhaltsanalyse zur Zeitungsberichterstattung über psychische Erkrankungen in den USA im Zeitraum eines Jahres, dass ungefähr 25% der Artikel über Depressionen auch Suizidalität thematisieren. Pellegrini (1996, S. 303) untersucht inhaltsanalytisch, inwieweit Suizidenten in der Suizidberichterstattung diskriminiert bzw. kriminalisiert werden und in welchem Umfang die Berichterstattung auf individuelle Prädispositionen und Hintergründe eingeht. Außerdem wurde danach gefragt, welche Rolle die Suizidprävention in den Berichten spielt und inwieweit sich die Darstellungen in den Medien mit der Suizidstatistik decken. In der Studie blickt Pellegrini (1996) auf die Darstellung von Suiziden anhand zweier Boulevard-Tageszeitungen in Österreich für den Zeitraum von 1991 bis 1993 (schwerpunktmäßig April 1992 bis März 1993). Die Analysen zeigen für die Österreichische Suizidberichterstattung, dass 367 der 380 untersuchten Artikel Informationsbeiträge waren. Ein Drittel der Beiträge umfasst weniger als 15 Zeilen, beinahe die Hälfte der Artikel umfassen mehr als 30 Zeilen. Nahezu jeder Artikel (97%) bezieht sich auf einen konkreten Suizidfall und nicht etwa allgemein auf das Thema Suizidalität oder die Suizidstatistik. 8% der Beiträge werden auf der Titelseite angekündigt, 38% verwenden den Terminus „Selbstmord“ oder ein Synonym in der Schlagzeile. Die Suizidenten werden in „rund zwei Fünfteln“ (Pellegrini, 1996, S. 305) der Artikel einer Randgruppe zugeordnet (14% zur Gruppe der „Psychopathen“, 13% zur Gruppe der „Kriminellen“). Diskriminierung findet insbesondere in Bezug auf sozial schwache Gruppen statt, mit Ausnahme von Auszubildenden. In beinahe der Hälfte der Beiträge (44%) ging dem Suizid oder Suizidversuch ein Mord voraus, was Pellegrini (1996, S. 305) als „völlige Verzerrung der Realität“ wertet, „die den Eindruck erweckt, ein Selbstmordgefährdeter sei gleichzeitig gemeingefährlich“. Entgegen den Hypothesen der Untersuchung gehen die Artikel der Suizidberichterstattung in vielen Fällen auch auf soziale Hintergrundfaktoren für Suizidalität ein, die über das Individuum hinausweisen. Besonders problematisch ist der Befund, dass in 95% der untersuchten Beiträge keine Informationen über Anlaufstellen und Hilfsmöglichkeiten im Falle eigener Suizidalität oder bei anderen Menschen genannt werden (Pellegrini, 1996, S. 306).

Hinsichtlich der Darstellung von Suiziden in Filmen und fiktionalen Medienangeboten stellen Jamieson und Romer (2011) für die USA eine Verdreifachung in populären Filmen über den Zeitraum von 1950 bis 2006 fest. Ebenso zeigt die Inhaltsanalyse, dass die Darstellung von Suiziden in fiktionalen Programmen umso drastischer ausfällt, je höher die Altersempfehlung des Films ist. Mehr als die Hälfte der dargestellten Suizide bezieht sich auf Suizidenten im Alter von 10 bis 40 Jahren. Die Darstellung von Suiziden dieser Altersgruppe nimmt über den Untersuchungszeitraum hinweg ebenfalls deutlich zu (Jamieson & Romer, 2011, S. 283). Da im Allgemeinen davon ausgegangen wird, dass der Nachahmungseffekt bei jüngeren Personen häufiger auftritt, muss dieser Befund kritisch hinterfragt werden: Dadurch, dass jüngere Suizidentenmodelle in Filmen ein größeres Nachahmungspotenzial speziell für jüngere Zuschauer bergen, ist der Anstieg dieser Darstellungen in den letzten Jahrzehnten eine Gefahr. Eine weitere, umfangreichere Analyse von Suiziden im Film stammt von Stack und Bowman (2012). Die Studie stellt länderübergreifend für die USA und für Großbritannien fest, dass nur in etwa einem Fünftel der fiktionalen Suiziddarstellungen psychische Probleme thematisiert werden (Stack & Bowman, 2012, S. 229). Eine ungefähr gleiche Größenordnung trifft in Bezug auf Zeitungsberichte in den USA zu (Slopen et al., 2007) und basiert auf der bislang größten Stichprobe, die mehr als 1.000 Spielfilme mit suizidalen Inhalten umfasst (Stack & Bowman, 2012, S. 273).

 
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