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1.1.3 Befunde zur Ähnlichkeit zwischen medialen Modellen und Nachahmern

Nachahmungssuizide zeigen sich besonders deutlich, wenn die Ähnlichkeit zwischen den Suizidenten in den Medien und den Suizidnachahmern groß ist. Fu und Yip (2009, S. 871–873) stellten etwa fest, dass bei Personen gleichen Geschlechts wie ein prominenter Suizident der Anstieg der Suizide bei 40% (95% CI [27%, 55%]) lag, während sich für das jeweils andere Geschlecht kein Anstieg beobachten ließ (95% CI [–2%, 24%]). Unter denen, die sich mit der gleichen Methode das Leben nahmen wie das Vorbild, ergab sich infolge der Medienberichte ein Anstieg der Suizide um 63% (95% CI [45%, 82%]), während sich bei den anderen Methoden keine Wirkung zeigte (95% CI [–12%, 10%]). Der Anstieg an Suiziden derselben Altersgruppe lag bei 49% (95% CI [30%, 71%]). In anderen Altersgruppen zeigte sich dagegen eine geringere Zunahme an Suiziden in Höhe von 21% (95% CI [10%, 33%]). Für ältere Personengruppen (60 Jahre oder älter) war in den drei asiatischen Ländern keine Veränderung der Suizidzahlen mehr erkennbar (95% CI [– 6%, 27%]). Bei Nachahmern gleichen Alters und gleichen Geschlechts, die die medial dargestellte Suizidmethode wählten, lag die Veränderung in den drei Ländern bei durchschnittlich 148% (95% CI [91%, 221%]).

Stack (1990a, S. 202) gab bereits zu bedenken, dass soziale Vergleichsprozesse zwischen dem Suizidenten in der Medienberichterstattung und dem Suizidnachahmer den Werther-Effekt begünstigen können: Prominente eignen sich demnach grundsätzlich zum Aufwärtsvergleich und sind stärker mit Nachahmungssuiziden assoziiert (Stack, 1987; Wasserman, 1984; Yip et al., 2006), während der Faktor Ähnlichkeit beim Lateralvergleich mit nicht-prominenten Suizidenten aus den Medien gerade bei älteren Personen wichtig ist (Comstock, 1977, S. 191). Stack (2003, S. 238–239) stellte fest, dass Suizidberichte über Prominente aus den Bereichen Politik oder Unterhaltung mit fast 15-mal so großer Wahrscheinlichkeit Nachahmungssuizide auslösen als Suizidberichte über weniger bekannte Personengruppen mit vermeintlich geringerem Identifikationspotenzial. Dass auch nicht-prominente Suizidenten bei Jüngeren verheerende Nachahmungssuizide bewirken können, zeigten allerdings bereits die Studie von Schmidtke und Häfner (1986) zum „Tod eines Schülers“ besonders für Gleichaltrige und die Studie von Romer, Jamieson und Jamieson (2006) über weniger prominente Suizidfälle in der Lokalberichterstattung von sechs US-amerikanischen Städten. Andere Studien wiesen eine Nachahmungswirkung für spezielle Subgruppen in der Bevölkerung nach (jüngere Personen, vulnerable Personen; vgl. Cheng, Hawton, Chen, Yen, Chang et al., 2007; Phillips & Carstensen, 1986). Studien, in denen Medienwirkungen auf die Suizidstatistik von Frauen untersucht wurden, fanden zudem 4.89-mal häufiger Nachahmungseffekte (Stack, 2005, S. 128). Vor dem Hintergrund der Studien von Nabi und Keblusek (2014) sowie Cheng, Hawton, Chen, Yen, Chang et al. (2007) stellt sich beispielsweise die Frage, wie sich die individuelle Vulnerabilität auf soziale Vergleichsprozesse mit Medienfiguren und auf Nachahmungssuizide auswirkt. Inwiefern sich die Befunde zur Emotion „Traurigkeit“ auf klinisch relevante Depressionen übertragen lassen, die im suizidalen Kontext bedeutsam sind, bleibt fraglich. [1]

  • [1] Nabi und Keblusek (2014, S. 222) zeigen, dass der soziale Vergleich mit Medienfiguren mit verschiedenen Emotionen verbunden ist, die dafür verantwortlich sind, dass Handlungsintentionen entstehen. So ist beispielsweise eine größere Traurigkeit tendenziell mit weniger sozialen Vergleichsprozessen assoziiert, gleichzeitig mit einer höheren Motivation, den eigenen Selbstwert zu erhöhen („self-enhancement“), und einer niedrigeren Handlungsmotivation (i.d.F. „sich einer Schönheitsoperation unterziehen“).
 
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