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1.1.2 Befunde zur Dauer und Stärke der Wirkung

Der Werther-Effekt wird vor allem durch wiederholte Publikationen zu einem Suizidfall insbesondere an prominenter Stelle, wie auf der Titelseite einer Zeitung, ausgelöst (Etzersdorfer et al., 2004; Hassan, 1995) und hängt auch von der Reichweite des Mediums ab. Die Pionierarbeiten schätzen die Höhe des Werther-Effekts auf einen Anstieg der Suizidstatistik um durchschnittlich 3–14% für Tageszeitungsberichte (Phillips, 1974, S. 350) bzw. auf 0.5% für Fernsehsendungen (Phillips & Carstensen, 1986, S. 688). Für Jugendliche (im Alter zwischen 10 und 19 Jahren) wird die Steigerung der Suizidzahlen auf 7% beziffert (Phillips & Carstensen, 1986, S. 688), wobei deutliche Geschlechterunterschiede erkennbar sind (männlich: 5%; weiblich: 13%; Phillips & Carstensen, 1986, S. 689). Auf 7–8% wird der Anstieg der Suizidversuche geschätzt (Brent, Perper, Moritz, Allman, Schweers et al., 1993, S. 515). Hagihara, Abe, Omagari, Motoi und Nabeshima (2014, S. 228) beziffern den Nachahmungseffekt für national verbreitete Tageszeitungsartikel in Japan auf die Zahl der Suizide und Suizidversuche mit r = .08 (p < .20) und den entsprechenden Effekt lokaler Tageszeitungen auf r = .09 (p < .28). [1] Hagihara, Abe, Omagari, Motoi und Nabeshima (2014) untersuchten auch die Nachahmungswirkung einer speziellen Suizidmethode auf nachfolgende Suizidversuche mit derselben Methode und stellten fest, dass die Wirkung von Suizidberichten auf der Titelseite viermal so groß ist wie die Wirkung sonstiger Suizidberichte. Andererseits gibt es auch Beispiele für zeitliche Anhäufungen von Suiziden, bei denen die Presseberichterstattung explizit als „nicht prominent“ bzw. „ohne große Publizität“ beschrieben wird (Haw, 1994,

S. 263). In diesem Fall waren die Suizidenten allesamt Patienten in derselben psychiatrischen Klinik, in der sich die Suizide stattdessen über interpersonale Kommunikation verbreiteten (Haw, 1994, S. 263).

Prominentensuizide werden international besonders häufig untersucht (Kim et al., 2013; Queinec et al., 2011, Schäfer & Quiring, 2013a, 2013b; Tousignant, Mishara, Caillaud, Fortin & St-Laurent, 2005; Ueda, Mori & Matsubayashi, 2014; Yip et al., 2006). Eine Meta-Analyse zur Nachahmungswirkung prominenter Suizidfälle in den Medien (Niederkrotenthaler, Fu et al., 2012, S. 1040) ermittelte für den Zeitraum von einem Monat nach deren Erscheinen eine mittlere Effektstärke von r = .26 (95% CI [.09, .43]). Neuere Studien, die zwischen den Jahren 2000 und 2011 publiziert wurden, zeigen mittlere Effektstärken von r = .64 (95% CI [.55, .73]) für Nordamerika, von r = .58 (95% CI [.47, .68]) für Asien, von r = .36 (95% CI [–.10, .61]) für Australien und von r = .68 (95% CI [.51, .85]) für Europa. In Europa ist der Werther-Effekt nach Prominentensuiziden demnach am stärksten zu beobachten. Für die Darstellungen von Suiziden nicht-prominenter Personen beziffert die Studie die mittlere Effektstärke mit r = .16 (95% CI [.01, .31]), wobei sich deutliche regionale Unterschiede zwischen den Studien ergaben (z. B. Australien: r = –.13 (95% CI [–.35, .09]); Europa: r = .19 (95% CI [–.01, .40]). Die Befunde unterstreichen die Bedeutung der Berichterstattungspraxis der jeweiligen Regionen, die sich teilweise erheblich voneinander unterscheiden (Fekete et al., 2001; Pirkis, Blood et al., 2006). Hagihara, Abe, Omagari, Motoi und Nabeshima (2014) zeigten beispielsweise, dass der Werther-Effekt umso stärker ausfällt, je mehr die Suizidberichterstattung die journalistischen Vorgaben missachtet (vgl. auch Lee et al., 2014, S. 465– 467). Den Zeitraum, in dem sich die Nachahmungswirkung auf Suizidversuche am stärksten entfaltete, bezifferten Hagihara, Abe, Omagari, Motoi und Nabeshima (2014) auf Basis täglicher Suizidversuchszahlen für Japan auf ein bis drei Tage nach der Veröffentlichung von Berichten. Dieser Befund deckt sich annähernd mit den Befunden von Bollen und Phillips (1982), die die stärksten Medienwirkungen nach sechs bzw. nach zwei Tagen identifizierten. Fu und Yip (2008, S. 871–872) zeigten einen Anstieg der Suizidstatistik um jeweils 25% (95% CI [15%, 36%]) innerhalb der ersten vier Wochen nach der Veröffentlichung von jedem der drei untersuchten Prominentensuizide in Asien. In der ersten Woche betrug der Anstieg der Suizide in den drei untersuchten Ländern durchschnittlich 43% (95% CI [23%, 66%]), in der zweiten Woche immerhin noch 29% (95% CI [12%, 50%]) und in der dritten Woche noch immer 25% (95% CI [8%, 45%]). Auch nach Monaten stellten Fu und Yip (2007) die Auswirkungen von Medienberichten über einen Prominentensuizid in Hong Kong auf die Suizidgedanken in der Bevölkerung fest. Der Wirkungshorizont ist also insgesamt größer, als zunächst vermutet, insbesondere wenn man nicht nur Suizidzahlen betrachtet, sondern einen weitergefassten Suizidbegriff anlegt. Ueda, Mori und Matsubayashi (2014) wiesen nach, dass Politikersuizide stärker noch als Prominentensuizide zu einem Anstieg der Suizidstatistik am Tag der Veröffentlichung von Suizidberichten in den Medien führen können. Der Anstieg der Suizide betrug nach einem Prominentensuizid 4.7% (95% CI [2.9%, 6.5%]), nach dem Suizid eines bekannten Politikers sogar 14.8% (95% CI [10.9%, 18.7%]) innerhalb eines Zeitraums von zehn Tagen (Ueda et al., 2014). Yang et al. (2013) zeigten anhand komplexer raum-zeitlicher Modelle für umfangreiche Zeitreihen aus Taiwan, dass die Anzahl der Suizide synchron mit dem Umfang der Berichterstattung über Prominentensuizide anstieg. Im Gegensatz dazu stieg die Anzahl der Suizidberichte zeitversetzt, etwa einen Monat im Anschluss an nicht-prominente Suizidfälle. Die Befunde sprechen also für einen Werther-Effekt nur infolge von Prominentensuiziden. Nachahmungseffekte hinsichtlich der Suizidmethode wiesen ein weniger einheitliches Muster auf. [2] Außerdem ist die Medienwirkung dahingehend zu differenzieren, dass sie stärker in städtischen als in ländlichen Gebieten beobachtet werden konnte.

Ein methodischer Einwand gegenüber vielen Arbeiten ist der fehlende Beweis dafür, dass Suizidenten überhaupt mit einer suizidbezogenen Mediendarstellung in Kontakt gekommen sind. Cheng, Hawton, Chen, Yen, Chen et al. (2007, S. 864) zeigten anhand einer Befragung von Personen mit Suizidversuch, dass 23% (29 von 124 Befragten) von diesen nach eigener Aussage tatsächlich durch Medienbeiträge zum Suizidversuch beeinflusst wurden. Über diesen stichhaltigen Beleg hinaus lässt sich anhand der Hill-Kriterien diskutieren, inwiefern es sich bei Nachahmungssuiziden um eine kausal durch Medien verursachte Wirkung handelt (Hill, 1965): Die Befunde zum Zusammenhang non-fiktionaler Suiziddarstellungen in den Medien und Suiziden in der Bevölkerung sind dementsprechend konsistent, (statistisch) deutlich, zeitlich nacheinander beobachtbar, hinreichend spezifisch und kohärent (Pirkis & Blood, 2010b, S. 2; Pirkis, Blood et al., 2006, S. 83). Zum Teil treffen diese Kriterien auch für fiktionale Suiziddarstellungen zu, allerdings beschrieben Pirkis, Blood, Beautrais, Burgess und Skehan (2006, S. 83) die Befundlage hierzu als heterogener, so dass die Autoren nur eingeschränkt von einer Kausalbeziehung zwischen fiktionalen Suiziddarstellungen und Suiziden in der Bevölkerung ausgehen. Aus methodischer Sicht ist dabei sicherlich der Einwand am problematischsten zu bewerten, dass Studienbefunde häufig auf Querschnittsdaten beruhen, aber dennoch Kausalität unterstellt wird. Das Problem besteht dann in der Konfundierung der Einflüsse von Rezipientenmerkmalen auf die Medienselektion und der Einflüsse der Mediennutzung auf das Rezipientenmerkmal, wodurch Medienwirkung und selektion nicht mehr voneinander getrennt werden können.

  • [1] Die genannten ARIMA-Modelle sind nicht signifikant, geben aber dennoch eine aktuelle Größenordnung des Werther-Effekts eines beliebigen Suizidberichts in einer Tageszeitung am Beispiel Japans an. Deutliche Zusammenhänge konnte die Studie in erster Linie für Suizidberichte auf der Titelseite nachweisen. Die Studie weist ferner auf die Gefahr von Suizidberichten hin, die in national verbreiteten Tageszeitungen erscheinen und gleichzeitig von lokalen Tageszeitungen aufgegriffen werden („echoing“; vgl. darüber hinausgehend Hagihara, Abe, Omagari, Motoi & Nabeshima, 2014, S. 228; Reinemann & Huismann, 2007).
  • [2] Medienberichte über bestimmte Suizidmethoden führten nur in einem Fall zeitversetzt zu einem Anstieg der Suizide nach derselben Methode, während Medienberichte über andere Suizidmethoden mit einem Anstieg an Suiziden verbunden waren, die auch auf andere Weise vollbracht wurden.
 
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