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1.1.1. Befunde zu verscbiedenen Medien

Das am häufigsten untersuchte Medium ist die Tageszeitung, für das der Zusammenhang zwischen Suiziddarstellungen und Suizidalität weitgehend als gesichert gelten kann (McKenna et al., 2010; Pirkis & Blood, 2010b, S. 31). Gerade für das Fernsehen finden sich vor allem Untersuchungsdesigns, bei denen Suizidraten zeitreihenanalytisch dahingehend untersucht werden, ob Ausstrahlungstermine von Sendungen, die eine Suiziddarstellung beinhalten, zur Erklärung von Veränderungen in den Suizidraten zu verwenden sind (Baron & Reiss, 1985b; Berman, 1988; Bollen & Phillips, 1982; Collins, 1993; Gould & Shaffer, 1986; Hawton et al., 1999; Kessler, Downey, Milavsky & Stipp, 1988; Kessler & Stipp, 1984; Martin, 1996; Neuner et al., 2009; Phillips & Carstensen, 1986; Schmidtke & Häfner, 1986; Simkin, Hawton, Whitehead, Fagg & Eagle, 1995). Die Forschungslage zum Einfluss des Fernsehens ist weniger eindeutig als zur Tageszeitung und spricht eher für eine vorsichtige Bestätigung des Werther-Effekts. Stack (2003) hielt fest, dass Studien, die den Werther-Effekt am Medium Fernsehen überprüften, mit 82% geringerer Wahrscheinlichkeit Nachahmungseffekte aufdeckten als Studien, die Suiziddarstellungen in Zeitungen untersuchten. Stack (2003, S. 239) führt dies unter anderem darauf zurück, dass Fernsehbeiträge insgesamt flüchtiger rezipiert werden, während Zeitungsbeiträge dagegen etwa auch mehrmals gelesen werden können. Ein neuerer Forschungsstrang untersucht die Bedeutung des Internets für die Suizidalität, die sich zunächst verstärkt mit sogenannten Suizidforen auseinandergesetzt haben (Schmidtke, Schaller & Kruse, 2003, S. 160), wobei vor allem die Chancen und Risiken der neuen Medienumgebung gegenübergestellt wurden. Konkrete Bedenken waren anfänglich die Verabredung zum Suizid oder der Austausch über Suizidmethoden in sogenannten Suizidforen (Bronisch, 2002; Fiedler & Lindner, 2002; Fiedler & Neverla, 2003), während später auch speziellere Probleme diskutiert wurden (z. B. die Gefahr von Anfeindungen für nicht „authentisch suizidale“ Personen in Foren; Horne & Wiggins, 2009). Der kritischen Sichtweise stehen Studien gegenüber, welche die Chancen der neuen Medienumgebung diskutieren (Eichenberg, 2004, 2010; Eichenberg, Wolters, Brähler & Coyne, 2013; Winkel, Groen, Waldmann & Petermann, 2003). Beide Positionen wurden bereits in Übersichtsarbeiten zusammengefasst (Alao, Soderberg, Pohl & Alao, 2006). Im Unterschied zu Studien über die Wirkung von Tageszeitungen oder das Fernsehen ist bei den meisten Studien zum Internet zumindest sichergestellt, dass die Probanden auch tatsächlich mit suizidalen Inhalten in Kontakt gekommen sind. Die Befundlage zum Internet wird als konsistent und kohärent beschrieben (Pirkis & Blood, 2010b, S. 4). Auch Studien zu mehreren Medien, die der Realität der Mediennutzung besonders gerecht werden, zeigen konsistent eine Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen der Menge der genutzten suizidalen Inhalte und suizidalen Verhaltensweisen (Pirkis & Blood, 2010b, S. 4–5). Nur ein Viertel dieser Arbeiten (5 von 20 Studien) untersucht allerdings Medienwirkungen auf individueller Ebene (Pirkis & Blood, 2010b, S. 4). Dabei sind die Studien, die auf individuellen Daten basieren und die gleichzeitig die Nutzung mehrerer Medien berücksichtigen, besonders vielversprechend.

 
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