Desktop-Version

Start arrow Medien und Kommunikationswissenschaft arrow Depression – Medien – Suizid

< Zurück   INHALT   Weiter >

1.1. Der Forschungsstand zum Werther-Effekt

Den Ausgangspunkt für die Erforschung von Nachahmungssuiziden bildet die vielbeachtete Studie von Phillips (1974), der retrospektiv für den Zeitraum von 1947 bis 1968 die Auswirkung von Suizidberichten auf der Titelseite USamerikanischer und britischer Tageszeitungen auf die absolute Anzahl von Suiziden im Erscheinungsmonat mit den zu erwartenden Suizidzahlen für diesen Monat (Mittelwert der Suizide des gleichen Monats im Vorjahr und im nachfolgenden Jahr) verglich und in der Mehrzahl der Monate einen deutlichen Anstieg der Suizide feststellen konnte. Phillips (1974, S. 350–351) differenzierte diese Befunde weiter hinsichtlich der Reichweite des Mediums (je größer die Reichweite, desto höher der Anstieg der Suizide) und der Einflussregion aus (US-Suizidberichte entfalteten in den USA eine stärkere Nachahmungswirkung als in Großbritannien). Seither wurden mehr als 100 wissenschaftliche Studien zum Zusammenhang zwischen Medienberichten über Suizide oder Suiziddarstellungen in den Medien und deren Auswirkungen auf tatsächliche suizidale Verhaltensweisen publiziert (Pirkis & Nordentoft, 2011, S. 532). Spätere Arbeiten verfeinerten die Pionierstudie durch die Berücksichtigung mehrerer Medien und indem durch die Anwendung komplexerer statistischer Modelle der Einfluss von Medienberichten auf die Suizidstatistik untersucht wurde (Bollen & Phillips, 1982; Stack, 1990b; Wasserman, 1984). Zunehmend hat sich die Perspektive auf die abhängige Variable erweitert, indem nicht nur Medienwirkungen auf Suizide, sondern auch auf Suizidversuche untersucht wurden, für die sich ebenfalls Medienwirkungen feststellen ließen (Cheng, Hawton, Chen, Yen, Chen et al., 2007; Hagihara, Abe, Omagari, Motoi & Nabeshima, 2014; Stack, Kral & Borowski, 2014; Williams, Lawton, Ellis, Walsh & Reed, 1987). Stack, Kral und Borowski (2014) untersuchten beispielsweise mithilfe der sogenannten „Beach-Methode“ (Sargent, Worth, Beach, Gerrard & Heatherton, 2008, S. 138–139) den Einfluss fiktionaler Suiziddarstellungen in Filmen auf das individuelle Risiko für Suizidversuche und hielten fest, dass jeder zusätzliche freiwillige Kontakt mit einem Film, in dem ein Hauptdarsteller durch Suizid verstirbt, dieses Risiko um 47% erhöht. Systematische Literaturanalysen und Meta-Analysen gehen mittlerweile fest davon aus, dass infolge von Suizidberichten in den Nachrichten vermehrt Nachahmungssuizide stattfinden (Insel & Gould, 2008, S. 300–302; Niederkrotenthaler, Fu et al., 2012; Pirkis & Blood, 2001a, 2010b; Schmidtke & Schaller, 2000, S. 689; Sisask & Värnik, 2012; Stack, 2000a, 2005; Tor, Ng & Ang, 2008). Zahlreiche Forschungsbefunde sprechen auch für einen Effekt von fiktionalen Suiziddarstellungen (Ellis, Walsh, Ellis & Walsh, 1986; Hawton et al., 1999; Platt, 1987; Schmidtke & Häfner, 1986), wenngleich die Befundlage dazu insgesamt ambivalenter ist (Pirkis & Blood, 2001b, 2010a, S. 3; Pirkis & Nordentoft, 2011, S. 536; Stack, 2009). Stack (2003) stellte fest, dass Studien zur Nachahmungswirkung echter Suizidfälle viermal häufiger einen Nachahmungseffekt zeigen als Studien zu fiktionalen Suiziden und das, obwohl die Mehrzahl der Befunde (64.2%) zum Werther-Effekt infolge von non-fiktionalen Suizidberichte keinen Nachahmungseffekt belegen (Stack, 2005, S. 129). Das spricht dafür, dass eine Vielzahl wichtiger Einflussvariablen bislang noch nicht hinreichend berücksichtigt worden ist (Lee, Lee, Hwang & Stack, 2014, S. 457). Pirkis und Blood (2010a, S. 13) identifizierten insgesamt 27 Studien zum Einfluss von fiktionalen TVProgrammen oder Spielfilmen auf die Suizidalität der Zuschauer, von denen 21 (78%) für eine negative Medienwirkung sprechen. Dabei ist zu bedenken, dass die Grenzen zwischen realen Suizidfällen und fiktionalen Darstellungen auch verschwimmen können, so wie im Fall der Fernsehserie „The Befrienders“ über die Arbeit der Samariter, die zu vermehrten Kontaktaufnahmen mit Einrichtungen von Samaritern, nicht aber zu Veränderungen der Suizide oder Suizidversuche führte (Holding, 1974). Untersuchungen zu (fiktionalen) Verfilmungen realer Suizidfälle liegen bisher nicht vor (Schmidtke & Schaller, 2000, S. 680). Die Befundlage zu fiktionalen und non-fiktionalen Suiziddarstellungen in den Medien lässt sich also hinsichtlich der in Studien beobachteten Effektstärken und der Konsistenz dieser Befunde schematisch wie in Abbildung 1 zusammenfassen. Zum besseren Verständnis der Darstellung nehmen wir an, dass es tatsächlich einen Werther-Effekt von bestimmter Effektstärke gibt. In der Literatur zu Nachahmungssuiziden finden sich nun besonders viele Studien zu Nachahmungseffekten infolge non-fiktionaler Suiziddarstellungen, die häufig ähnliche (tendenziell schwache) Effektstärken hervorbringen. Die Befundlage zu non-fiktionalen Suiziddarstellungen kann daher als konsistent beschrieben werden (= geringere Varianz der beobachteten Effektstärken). Demgegenüber gibt es deutlich weniger Studien zu fiktionalen Suiziddarstellungen, in denen Nachahmungseffekte beobachtet werden konnten, die im Bereich der angenommenen tatsächlichen Wirkung liegen. Im Kontext fiktionaler Suiziddarstellungen finden sich dagegen mehr Studien, die Nachahmungseffekte von ganz unterschiedlicher Stärke beobachten (= größere Varianz der beobachteten Effektstärken). Die Befundlage lässt sich also als vergleichsweise inkonsistent beschreiben. Studien mit hoher gefundener Effektstärke haben dabei grundsätzlich eine höhere Publikationswahrscheinlichkeit (Publication Bias [+]), während Studien, deren gefundene Effektstärken nahe null sind, verstärkt Gefahr laufen, überhaupt nicht erst publiziert zu werden (Publication Bias [–]).

Abbildung 1. Befundlage zum Werther-Effekt infolge fiktionaler und non-fiktionaler Suiziddarstellungen in den Medien

 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics