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1 Zum Forschungsfeld „Medien und Suizide“

Medien sind ein Risikofaktor für suizidgefährdete Personen. Die Erforschung der Verbindungslinien zwischen Medien und Suiziden ist dementsprechend ein fächerübergreifendes Forschungsfeld von hoher gesellschaftlicher Relevanz, das gerade nach dem Suizid von Robert Enke im November 2009 eine Renaissance erlebte (Hegerl, Koburger et al., 2013; Ladwig, Kunrath, Lukaschek & Baumert, 2012; Ruddigkeit, 2010; Schäfer & Quiring, 2013a, 2013b). Der WHO zufolge sterben jährlich beinahe eine Million Menschen durch Suizid (Hawton & van Heeringen, 2009, S. 1372). In den jüngeren Bevölkerungsgruppen sind Suizide nach Unfällen weltweit die zweithäufigste Todesursache (Hawton, Saunders & O'Connor, 2012). Im Jahr 2012 starben in Deutschland insgesamt 9.890 Menschen durch Suizid (Statistisches Bundesamt, 2013), damit sind im Jahr 2012 die Zahlen seit 2007 erstmals wieder zurückgegangen (Hegerl, Mergl et al., 2013). Schätzungen gehen davon aus, dass die Zahl der Suizidversuche bei Männern um das 6-Fache und bei Frauen sogar um das 18-Fache höher liegen dürften, so dass jährlich wohl mehr als 100.000 Suizidversuche in Deutschland unternommen werden (Fiedler, 2007). Aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive ist der sogenannte „Werther-Effekt“ [1] (Phillips, 1974; Scherr, 2013) von besonderer Relevanz, wonach Medienberichte zusätzliche Suizide auslösen können, die ohne diese Berichterstattung nicht stattgefunden hätten (Phillips, 1989, S. 307–308; Phillips & Lesyna, 1995; Pirkis & Nordentoft, 2011, S. 533; Schmidtke, Löhr & De Leo, 2004, S. 216). Umgekehrt kann eine angemessene Suizidberichterstattung Suizide auch verhindern, weshalb weltweit den Medien eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit Suiziden zugesprochen wird (Blood, Pirkis & Holland, 2007; Bohanna & Wang, 2012; Chandra, Doraiswamy, Padmanabh & Philip, 2013; Fu, Chan & Yip, 2011; Gunn & Lester, 2012; Hawton & Williams, 2002; Machlin et al., 2012; Machlin, Pirkis & Spittal, 2013; Marshburn, 2012; Niederkrotenthaler & Sonneck, 2007; Pirkis, Blood, Beautrais, Burgess & Skehan, 2006).

Der Werther-Effekt wurde vor allem infolge von Medienberichten über einen prominenten Suizidfall beobachtet (Kim et al., 2013; Niederkrotenthaler, Fu et al., 2012; Yip et al., 2006). Der Effekt hängt von der Reichweite des untersuchten Mediums ab (Etzersdorfer, Voracek & Sonneck, 2004; Yip, Kwok, Chen, Xu & Chen, 2013) sowie vom Umfang der Berichterstattung zum Suizidfall (Fu, Chan & Botbol, 2013; Stack, 1987). Die Suizidnachahmung als Medienwirkung wurde auch für fiktionale Suiziddarstellungen nachgewiesen (Gould & Shaffer, 1986; Phillips & Carstensen, 1986; Schmidtke & Häfner, 1986). Ebenso prägte die methodische Vorgehensweise der Pionierarbeit von Phillips (1974) die Forschungsbemühungen dazu nachhaltig: Die meisten Studien untersuchen die Auswirkungen von Zeitungsberichten über Suizidfälle (Pirkis & Blood, 2010b, S. 3), speziell von Prominentensuiziden, auf die (örtlich und zeitlich begrenzte) Suizidstatistik. Früh wurde die Vorgehensweise in der Tradition von Phillips (1974) als Forschungsparadigma mit Grenzen kritisiert (Baron & Reiss, 1985a, S. 372). Die den Nachahmungssuiziden zugrunde liegende Idee der sozialen Imitation sowie die „Möglichkeit der Vermittlung von Suizidhandlungen durch Medienberichte“ (Etzersdorfer, 2008, S. 207) wurde also bereits längst außerhalb (Baron & Reiss, 1985a, 1985b; Phillips & Bollen, 1985) und auch aktuell in der Kommunikationswissenschaft diskutiert (Reinemann & Scherr, 2011; Roloff, 2010; Ruddigkeit, 2010, 2011). Damals wie heute wird von einem Zusammenhang zwischen der Suizidberichterstattung oder fiktiven Suiziden und einem Anstieg darauf folgender Suizide in der Gesellschaft ausgegangen (Brosius & Ziegler, 2001, S. 14; Pirkis & Machlin, 2013, S. 168; Scherr, 2013, S. 100). Nicht neu ist der Gedanke, dass eine deutlich reduzierte Suizidberichterstattung (z. B. in Zeiten von Pressestreiks; vgl. Blumenthal & Bergner, 1973; Motto, 1967, 1970) oder angemessene Medienberichterstattung (Etzersdorfer, 2008; Niederkrotenthaler et al., 2010; Niederkrotenthaler & Sonneck, 2007; Ruddigkeit, 2010) einen Rückgang der Suizidraten zur Folge hat. Die suizidpräventive Wirkung von Massenmedien bekam einen eigenen Namen – die Medienwirkung wird als „Papageno-Effekt“ bezeichnet (Niederkrotenthaler et al., 2010).

Diese theoretische Erweiterung brachte einerseits neuen Schwung in die Erforschung medial induzierter Nachahmungssuizide, andererseits drängt sich zunehmend die Frage auf, wodurch genau die Richtung des Effekts beeinflusst wird (Scherr & Steinleitner, 2015). Weshalb sollten sich (gesunde) Menschen aufgrund von realen oder fiktiven Mediendarstellungen von Suiziden das Leben nehmen? Zur Beantwortung dieser Frage müssen auch psychische Erkrankungen wie Depressionen berücksichtigt werden, die weltweit nicht nur sehr häufig vorkommen, sondern auch massiv die menschliche Wahrnehmung beeinflussen und damit potenziell mit anderen Medienwirkungen interagieren können. Depressionen sind von zahlreichen internen und externen Faktoren abhängig, zu denen nicht nur zählt, wie man lebt, sondern auch, was man erlebt. Depressionen sind daher prinzipiell durch Medien beeinflussbar und können damit bislang unberücksichtigte Erklärungen für Medienwirkungen im Zusammenhang mit Suiziden liefern (vgl. Scherr & Reinemann, 2011). Und obwohl zahllosen Suizidfällen eine Depressionserkrankung vorausgeht, wurden Depressionen im Zusammenhang mit Medienwirkungen auf die individuelle Suizidalität bisher kaum berücksichtigt.

Wenn auf einem Forschungsfeld ein so großer Bereich wie depressive Erkrankungen bei der Untersuchung von Nachahmungssuiziden ausgeblendet bleibt, lohnt es sich, an dieser Stelle tiefer zu bohren und weitere Defizite auszumachen. Dementsprechend fassen Reinemann und Scherr (2011) die fünf größten Defizite bei der Erforschung von Nachahmungssuiziden unter dem Schlagwort „Werther-Defekt“ zusammen. Diese fünf zentralen Schwachstellen der existierenden Forschung zum Werther-Effekt sind gleichzeitig der Ausgangspunkt für die vorliegende empirische Arbeit. Sie setzt sich das Ziel, sowohl die theoretisch-konzeptionellen als auch die empirischen Schwachstellen im Rahmen einer breit angelegten empirischen Untersuchung anzugehen und damit Bausteine für die weitere Aufarbeitung des Forschungsfeldes Medien und Suizide zu liefern. Dies soll den bisherigen Horizont kommunikationswissenschaftlicher Forschung erweitern. Dafür wurden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt, was es ermöglichte, eine belastbare, repräsentative Stichprobe der bundesdeutschen, erwachsenen Bevölkerung zu ziehen und zu dem Themenbereich Medien und Suiziden telefonisch (CATI) zu befragen. Gleichzeitig zu der telefonischen Querschnittsbefragung wurde eine nicht-repräsentative Stichprobe von Personen aus einem Online-Access-Panel im Rahmen einer zweiwelligen Panelbefragung zu den gleichen Themenkomplexen online befragt. Dadurch konnten zusätzliche Hinweise auf die Richtung identifizierter Zusammenhänge erhalten werden. Die beiden Datenerhebungen bilden die empirische Grundlage der vorliegenden Arbeit.

Zuerst werden die Befunde zum Werther-Effekt zusammengetragen, die mehrfach empirisch bestätigt werden konnten, einschließlich der Impulse, die in der bisherigen Forschung sonst nur knappe oder gar keine Erwähnung finden (vgl. Kapitel 1.1). Anschließend werden die angesprochenen fünf theoretischen, konzeptionellen und methodischen Defizite bei der bisherigen Erforschung des WertherEffekts aufgezeigt (vgl. Kapitel 1.2; Reinemann & Scherr, 2011). Die folgenden Kapitel 2 bis 5 greifen die Defizite dann der Reihe nach auf. Zunächst werden in Kapitel 2 die identifizierten, theoretisch-konzeptionellen Defizite betrachtet. Der erste Teil des Kapitels widmet sich der Suizidalität und zeigt für diese eine aktuelle Definition und Modellvorstellung auf (Kapitel 2.1). Der zweite Teil des Kapitels wendet sich der Krankheit Depression zu. Um die Krankheit konzeptionell stärker zu würdigen, als dies in der bisherigen „Werther-Forschung“ der Fall ist, wird in Kapitel 2.2 sowohl eine tragfähige Definition (Kapitel 2.2.1) als auch eine aktuelle Modellvorstellung von Depression präsentiert (Kapitel 2.2.4). Ferner wird die gesellschaftliche Relevanz der Krankheit Depression durch deren Diagnostik (Kapitel 2.2.2) und Verbreitung in der Bevölkerung (Kapitel 2.2.3) gewürdigt. In den Kapiteln 2.2.5 bis 2.2.7 wird eine Depression von negativen Emotionen oder schlechten Stimmungen abgegrenzt und ihre konzeptionelle Anschlussfähigkeit an die Emotionsregulations- und Kognitionsforschung herausgearbeitet. Kapitel 3 widmet sich der defizitären Aufarbeitung der theoretischen Erklärungen für Nachahmungssuizide, indem zuerst ein grundlegendes Medienwirkungsverständnis beschrieben wird (Kapitel 3.1), bevor anschließend bekannte Risikofaktoren für Nachahmungssuizide zusammengetragen (Kapitel 3.2) und die in der bisherigen Forschung am prominentesten wahrgenommenen Erklärungsansätze für Nachahmungssuizide besprochen werden (Kapitel 3.3). Kapitel 4 versammelt die Befunde zur Mediennutzung, rezeption und -wahrnehmung im Kontext von Depressionen, um diese wichtige Prädisposition für Suizidalität und deren Relevanz im Medienkontext herauszuarbeiten. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse dienen anschließend in Kapitel 5 dazu, ein eigenes theoretisches Gesamtmodell für den empirischen Teil der vorliegenden Untersuchung zu entwerfen, das die theoretischen und konzeptionellen sowie zugleich die empirischen Defizite des Forschungsfeldes beheben kann (vgl. dazu Kapitel 1.2.4 und 1.2.5). Um die formulierten Forschungsfragen (Kapitel 6) zu beantworten, besprechen die folgenden Kapitel die methodische Vorgehensweise der empirischen Studien (Kapitel 7) und diskutieren die zentralen empirischen Befunde (Kapitel 8 und 9).

  • [1] Der Begriff gilt historisch als umstritten (Jack, 2014, S. 6; Steinberg, 1999; Thorson & Öberg, 2003; Ziegler & Hegerl, 2002, S. 41–42), ist jedoch zweifelsohne als eingängig zu bezeichnen (Niederkrotenthaler, Herberth & Sonneck, 2007, S. 286) und wird daher bis heute für die Auswirkungen aller Arten von suizidbezogenen Medieninhalten verwendet.
 
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