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1.6 Kultur als Wirtschaftsfaktor

Dass Kultur auch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor ist, wird in erster Linie auf dem Wege der Umwegrentabilität insbesondere im Zusammenhang mit kulturtouristischen Angeboten und kulturellen Großereignissen evident: Die Besucher nehmen am Veranstaltungsort vor allem Verpflegungsund Übernachtungsleistungen in Anspruch und kaufen in den örtlichen Geschäften ein.

Für die als eines der Hauptprojekte der Kulturhauptstadt Europas 2007, Luxemburg und Großregion, in Trier gezeigte Landesausstellung „Konstantin der Große“ des Landes Rheinland-Pfalz, der Stadt Trier und des Bistums Trier hat die Universität Trier diese ökonomischen Effekte systematisch untersucht (Universität Trier 2008).

An den 156 Öffnungstagen vom 2. Juni bis zum 4. November 2007 besuchten an den drei Standorten (Rheinisches Landesmuseum Trier, Bischöfliches Domund Diözesanmuseum Trier, Stadtmuseum Simeonstift) insgesamt 799.034 Besucher die Ausstellung. Aus deren Tagesausgaben wurde ein zusätzliches volkswirtschaftliches Einkommen in der Region Trier in Höhe von rund 28,4 Mio. € erwirtschaftet. Der von den drei Partnern Land, Stadt und Bistum zur Verfügung gestellte Ausstellungsetat von 6,6 Mio. € wurde bezüglich der volkswirtschaftlichen Auswirkungen also mehr als vervierfacht. Es ist damit gelungen, mit einem wissenschaftlich anspruchsvollen Projekt von hoher fachlicher Qualität eine namhafte materielle Rendite für die Stadt und für die Region zu erwirtschaften.

Dieses Ergebnis resultierte vor allem daraus, dass 83 % der Besucher von außerhalb der Region anreisten, zwei Drittel sogar von außerhalb des Landes RheinlandPfalz. Jeder zehnte Besucher kam aus dem Ausland. Aufgrund dieser Publikumsstruktur konnte ein besonders hoher Anteil von Übernachtungsgästen gewonnen werden. Mehr als die Hälfte der für die Studie befragten Besucher hatte wegen des Ausstellungsbesuchs mindestens eine Übernachtung in Trier gebucht.

Auf die Ausgaben dieser Übernachtungsgäste war mit rund 23 Mio. € der größte Teil des Gesamtumsatzes zurückzuführen, und zwar nicht nur wegen der eigentlichen Übernachtung, sondern auch wegen der erhöhten Tagesausgaben dieser Besucherschicht. Die durchschnittlichen Tagesausgaben pro Person inklusive Eintritt lagen bei 58,63 €. Differenziert nach den verschiedenen Gästearten zeigen die Übernachtungsgäste mit Durchschnittsausgaben in Höhe von 88 € den höchsten Ausgabewert. Die Ausstellungsbesucher waren damit auch konsumfreudiger als der Durchschnitt der Übernachtungsgäste in der Fremdenverkehrsregion MoselSaar, die ca. 80 € pro Kopf und Tag ausgeben. Tagesgäste aus der Region Trier wendeten im Schnitt ca. 19 € auf, Tagesgäste mit Wohnsitz außerhalb der Region Trier 30 €.

Rund 43 % der Gesamtausgaben entfielen auf den Bereich Beherbergung und rund 27 % auf den Bereich der Gastronomie. Damit konnten vor allem diese beiden Sektoren von den Ausstellungsbesuchern profitieren. Immerhin 5,5 % der Ausgaben kamen den Kultureinrichtungen durch Eintrittsgebühren unmittelbar zugute. Gleichzeitig gelang es, in einer namhaften Größenordnung Neukunden für einen Aufenthalt in der Stadt Trier zu gewinnen: Ein Viertel der Kurzurlauber besuchte Trier zum ersten Mal (Universität Trier 2008, S. 50).

Die Berechnung der regionalwirtschaftlichen Effekte der Konstantin-Ausstellung für die Region Trier bestätigte damit auch Zahlen, die für die alle fünf Jahre in Kassel stattfindende „documenta“ als einer der weltweit bedeutendsten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst vorliegen. Die direkten Wirkungen der documenta IX (1992) auf die Stadt Kassel wurden auf 8,4 Mio. DM beziffert. Zusammen mit den indirekten ökonomischen Wirkungen entstanden nachfragewirksame Effekte auf die Kasseler Wirtschaft in Höhe von 40,9 Mio. DM. Auch hier entfiel der überwiegende Teil auf das Gastgewerbe (Hellstern und Oehmcke 2008, S. 5).

Darüber hinaus kann belegt werden, dass kulturelle Veranstaltungen deutlich höhere wirtschaftliche Effekte erzielen können als Sportereignisse.

Die inhaltlich wie geographisch benachbarte Studie „Ökonomische Auswirkungen des 1. FC Kaiserslautern für Kaiserslautern und Rheinland-Pfalz“, die der 1. FC Kaiserslautern für einen zur Landesausstellung „Konstantin der Große“ fast parallelen Zeitraum in Auftrag gegeben hat, um festzustellen, welche zusätzlichen Mittel durch die Teilnahme des 1.) FC Kaiserslautern am Spielbetrieb der 2.) Fußball-Bundesliga im Verlauf einer Saison in die beiden Betrachtungsregionen Kaiserslautern und Rheinland-Pfalz fließen (Johannes Gutenberg-Universität Mainz 2010), ermöglicht den direkten Vergleich mit dem Sportsektor. Demnach entstand durch die Konsumausgaben der insgesamt fast 600.000 Zuschauer von Spielen der Bundesliga-Mannschaft des 1. FC Kaiserslautern in der Saison 2008/09 ein wirtschaftlicher Primärimpuls für Kaiserslautern in Höhe von 5,8 Mio. €.

Neben der Umwegrentabilität wird die Rolle der Kultur als so genannter weicher Standortfaktor als weiterer wirtschaftlicher Aspekt der Kultur in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Bei der Standortwahl von Unternehmen sind neben den „harten“ Faktoren wie beispielsweise einer guten Infrastruktur vor allem vor dem Hintergrund der Aussichten auf Gewinnung der erforderlichen Fachkräfte und der langfristigen Sicherung des Fachkräftebedarfs in zunehmendem Maße „weiche“ Faktoren relevant. Dazu zählt neben der Umweltsituation, dem Image der Region, der Verfügbarkeit von Wohnraum, von sozialen Einrichtungen und guten Freizeitmöglichkeiten wesentlich auch ein gutes Kulturangebot.

Im Zusammenhang mit der für die nächsten Jahre und Jahrzehnte zu erwartenden zunehmenden Konkurrenz um qualifizierte Mitarbeiter wird dieser Aspekt nachhaltig an Bedeutung gewinnen. Derzeit ist ein ausreichendes Angebot an qualifizierten Arbeitskräften noch das wichtigste Kriterium bei Standortentscheidungen von Unternehmen. Der weiche Standortfaktor des Kulturangebots wird demgegenüber als nachrangig eingestuft. Im Branchenvergleich zeigt sich aber, dass die Kultur bei den Dienstleistungsunternehmen einen deutlich höheren Stellenwert bei der Standortentscheidung genießt als bei der Industrie. Da die Dienstleistungen bereits in den letzten Jahren und zukünftig in noch stärkerem Maße die Wachstumsträger waren und sein werden, wird damit auch die Bedeutung der Kultur als standortförderndes Argument in der Wirtschaft insgesamt ein höheres Gewicht erhalten, zumal sie zum Hauptargument der Fachkräfterekrutierung nicht nur nicht im Gegensatz steht, sondern ein Teil dieser Strategie ist. „Insbesondere Manager und Führungskräfte machen ihre Entscheidung für eine berufliche Mobilität von der Qualität des örtlichen Kulturangebots abhängig. Eine vielseitige Kulturlandschaft muss in erreichbarer Nähe sein. Kulturund Freizeitwerte einer Stadt oder Region entscheiden über die Attraktivität für Arbeitskräfte. Die traditionelle Leistungs-Lohn-Beziehung wird in Zukunft nicht mehr allein das Arbeitsverhältnis bestimmen. In einem sind sich beinahe alle Berufsgruppen einig: Wenn die Lebensqualität vor Ort nicht stimmt, ist auch die Neigung gering, einen Wohnortwechsel dorthin vorzunehmen. Für fast ein Drittel der Arbeitnehmer gehört ein vielseitiges Kulturangebot zu den wichtigsten Anreizen für einen solchen Wechsel“ (Opaschowski 2006, S. 251).

Neben den weiterhin bestehenden Argumentationen der Umwegrentabilität und der Kultur als Standortfaktor hat sich seit den 1990er Jahren in den kulturpolitischen und in den volkswirtschaftlichen Debatten die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Kultur auch auf direktem Weg einen wesentlichen Beitrag zum Wirtschaftsleben leistet. Für dieses Phänomen haben sich die Termini „Kulturwirtschaft“ und „Kreativwirtschaft“ (mit dem synonymen Begriff „Creative Industries“) etabliert. Die Kulturund Kreativwirtschaft ist der marktwirtschaftliche Teil des Kultursektors. Ihm werden – in Abgrenzung von expliziten Non-Profit-Einrichtungen und allen sonstigen Betrieben, die nicht auf kommerzielle Ziele ausgerichtet sind – alle Unternehmen und wirtschaftlichen Aktivitäten zugeordnet, die gewinnorientiert arbeiten.

Die Wirtschaftsministerkonferenz definiert die Kulturund Kreativwirtschaft folgendermaßen:

Unter Kulturund Kreativwirtschaft werden diejenigen Kulturund Kreativunternehmen erfasst, welche überwiegend erwerbswirtschaftlich orientiert sind und sich mit der Schaffung, Produktion, Verteilung und/oder medialen Verbreitung von kulturellen bzw. kreativen Gütern und Dienstleistungen befassen.

Das wesentliche Kriterium der Definition der Kulturund Kreativwirtschaft ist damit der erwerbswirtschaftliche Charakter der Unternehmen. Zu diesem Kreis der Unternehmen gehören demnach alle Unternehmen, die sich über den Markt finanzieren, die zumindest grundsätzlich mehrwertsteuerpflichtig sind und mit Kunst, Kultur und Kreativität Geld verdienen wollen. Nicht zu diesem Kreis zählen unabhängig von ihrer Rechtsund Betriebsform alle Unternehmen, Einrichtungen oder vereinsbasierten Konstrukte, die sich weitgehend nicht durch den Markt finanzieren, sondern durch öffentliche Finanzierung getragen, durch Gebührenfinanzierung unterhalten oder durch gemeinnützige Gelder bzw. private Geldgeber gefördert werden.

Die klare Bezugnahme auf den erwerbswirtschaftlichen Unternehmenstypus ist damit von zentraler Bedeutung für das Grundverständnis des kulturund kreativwirtschaftlichen Bereiches.

Auch die Kernbranchen, die zur Kulturund Kreativwirtschaft gezählt werden, werden von der Wirtschaftsministerkonferenz identifiziert:

Die neun Teilmärkte Musikwirtschaft, Buchmarkt, Kunstmarkt, Filmwirtschaft, Rundfunkwirtschaft, darstellende Kunst, Designwirtschaft, Architekturmarkt und Pressemarkt werden unter dem Begriff „Kulturwirtschaft“ zusammengefasst. Zusätzlich werden die beiden Teilmärkte Werbemarkt sowie Software bzw. GamesIndustrie als so genannte Kreativbranchen mit einbezogen. Mit diesen elf Teilbranchen ist das Wirtschaftsfeld Kulturund Kreativwirtschaft insgesamt abgegrenzt.

Die Wirtschaftsministerkonferenz hat sich damit für eine branchengegliederte oder teilmarktbezogene Gliederung der Kulturund Kreativwirtschaft ausgesprochen, alle anderen bisherigen deutschen Kulturwirtschaftsberichte sind ihr darin gefolgt (vgl. Tab. 1.2). Die Branchengliederung stellt die in der Kulturund Kreativwirtschaftsforschung damit am weitesten verbreitete Form der Erfassung dieses Wirtschaftsfeldes dar.

Es bestehen jedoch auch alternative Vorschläge zur Strukturierung des Wirtschaftsfeldes der Kulturund Kreativwirtschaft wie der britisch-australischen Ansatz, der nicht nach Branchen, sondern nach Berufsgruppen gliedert. Diese Gliederungsstruktur geht von der Unterscheidung nach Kunst-, Kulturund Kreativberufen aus, da die Forscher der Auffassung sind, dass der „kreative Kern“ durch die beruflichen Aktivitäten und Tätigkeiten besser erfasst werde als in der Darstellung nach wirtschaftlichen Aktivitäten bzw. nach wirtschaftlichen Branchen.

Ein anderer prominenter Ansatz wird von der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD) im Creative Economy Report 2008 vertreten. Die Autoren des UNCTAD-Reports stellen in der internationalen Debatte zu den Creative Industries eine starke Heterogenität der Zuordnung von Teilbranchen fest und plädieren deshalb für die grundsätzliche Orientierung des Wirtschaftsfeldes nach Gütern und Dienstleistungen.

Für alle Teilbranchen der Kulturund Kreativwirtschaft lassen sich in der Gestalt unterschiedlicher Unternehmenstypen verschiedenartige Akteure identifizieren. Die Binnensegmentierung nach Unternehmenstypologien unterscheidet dabei in idealtypischer Form drei Unternehmenstypen: selbständige Künstler und

Tab. 1.2 Kulturund Kreativwirtschaft nach Teilmärkten: Unternehmen, Umsätze, Erwerbstätige (jeweils bezogen auf das Jahr 2012). (Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie 2014, S. 18 f.)

Teilmarkt

Erwerbstätige Anzahl

Unternehmen Anzahl

Umsatz in Mio. Euro

Musikwirtschaft

46.606

13.858

6931

Buchmarkt

79.290

16.942

14.148

Kunstmarkt

18.958

13.208

2468

Filmwirtschaft

60.348

18.043

9334

Rundfunkwirtschaft

40.433

18.186

7341

Markt für darstellende Künste

35.438

16.448

3938

Designwirtschaft

132.829

54.401

18.767

Architekturmarkt

108.151

41.018

9092

Pressemarkt

160.035

32.974

31.315

Werbemarkt

140.665

33.158

24.855

Software-/Games-Industrie

299.933

32.048

30.124

Sonstige

15.579

7915

1718

Summe

1.138.265 Entspricht einem Anteil von 3,17 % an der Gesamtwirtschaft

298.199 Entspricht einem Anteil von 7,58 % an der Gesamtwirtschaft

160.031 Entspricht einem Anteil von 2,36 % an der Gesamtwirtschaft

Abb. 1.2 Beitrag der Kulturund Kreativwirtschaft zur Bruttowertschöpfung im Branchenvergleich 2011. (© Eigene Graphik, Daten: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie 2014, S. 5)

Kleinstunternehmen, die kleinund mittelständischen Unternehmen sowie die Großunternehmen.

Die Bedeutung der Kulturund Kreativwirtschaft wird insbesondere anschaulich in ihrem Beitrag zum Bruttosozialprodukt (vgl. Abb. 1.2). Im Vergleich mit anderen Branchen nimmt die Kulturund Kreativwirtschaft insgesamt den dritten Platz zwischen dem Maschinenbau und der Energieversorgung ein. Auffallend ist, dass die Kulturund Kreativwirtschaft in der öffentlichen Aufmerksamkeit jedoch weit hinter den in der Bedeutung vergleichbaren Branchen liegt. Einer der Gründe dafür ist mutmaßlich die Heterogenität der Produkte der Kulturund Kreativwirtschaft. Die Autoindustrie kann sich beispielsweise trotz ihrer hohen Komplexität mit dem Auto auf ein gemeinsames Produkt beziehen. Der Kulturwirtschaft steht ein derartiger generalisierender Begriff für ihre Produkte zumindest jenseits der Fachterminologie nicht zur Verfügung.

Mit der üblichen Betrachtung der direkten Bruttowertschöpfung und der generierten Beschäftigung wird lediglich der so genannte primäre Effekt der Kulturund Kreativwirtschaft auf die Gesamtwirtschaft in den Blick genommen. Dazu kommen sekundäre Effekte wie alle positiven Auswirkungen in Form von indirekten Beiträgen zur Gesamtwirtschaft. Diese bestehen bei der Kulturund Kreativwirtschaft insbesondere in ihrer Nachfrage nach Gütern aus den ihr vorgelagerten Branchen, insbesondere der Informationsund Kommunikationstechnik (IKT), der Materialwirtschaft, aber auch aus den wissensintensiven Dienstleistungen. Des Weiteren entstehen tertiäre Effekte der Kulturund Kreativwirtschaft, die sich aus positiven Wirkungen in Form der Entwicklung und Einführung neuer Geschäftsmodelle, hybrider und neuer Märkte sowie so genannter Kreativspillovers beispielweise auf die Wertschöpfung bei Kunden, Kooperationspartnern und Zulieferer zusammensetzen. Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene entstehen durch die Aktivitäten der Kulturund Kreativwirtschaft schließlich quartäre Effekte, die wiederum als Rahmenbedingungen für alle anderen drei Arten von Effekten rückwirken. Dazu gehören Einflüsse auf das Sozialgefüge, neue Formen der Arbeitsgestaltung oder Paradigmenwechsel in der Problemanalyse (Prognos und Fraunhofer 2012, S. 30 f.).

In Erkenntnis der gesellschaftlichen Relevanz der Kulturund Kreativwirtschaft haben neben dem Bund inzwischen auch alle Länder Berichte zur Kulturund Kreativwirtschaft veröffentlicht, die zumeist auch fortgeschrieben werden. Die Federführung liegt dabei teils bei dem für Wirtschaft, teils bei dem für Kultur zuständigen Ressort. Darüber hinaus haben zahlreiche Metropolregionen und Städte wie beispielsweise Aachen, Bochum, Dortmund, Frankfurt, Karlsruhe, Köln, Offenbach und Stuttgart Kulturwirtschaftsberichte erarbeitet.

Die zunehmende öffentliche Wahrnehmung der Kulturund Kreativwirtschaft stellt die kulturellen Institutionen und Projekte auch vor besondere Herausforderungen im Spannungsfeld von Kooperation und Abgrenzung. Einerseits kann und soll die öffentliche Ausstrahlung der Kulturund Kreativwirtschaft für den Kultursektor insgesamt genutzt werden, andererseits müssen Non-Profit-Organisationen ihr spezifisches Profil wahren und verdeutlichen, dass viele Bereiche kultureller Arbeit in einem marktwirtschaftlichen Umfeld nicht wahrgenommen werden können. Auf lange Sicht sollte sich daraus ein Verhältnis kooperativer Koexistenz entwickeln, das Zusammenarbeit und Eigenständigkeit ermöglicht. Dabei kann es vielleicht hilfreich sein, dass die Strukturen und die Bedingungen der Akteure durchaus nicht so unterschiedlich sind, wie beispielsweise mit Blick auf die großen Medienkonzerne vermutet werden könnte. Auch im Bereich des gewinnorientierten Kultursektors wird äußerst kleinteilig und in vielfach prekären sozialen Situationen gearbeitet. Beispielsweise erwirtschaften über die Hälfte aller selbstständigen Künstler einen Jahresumsatz zwischen 17.500 und 50.000 €.

Eine Perspektive, die für viele Städte noch zukunftsweisend ist, liegt in der Entwicklung eines partnerschaftlichen Konzepts zwischen Kulturförderung und Kulturwirtschaft, das nicht nur darüber befindet, welche Kunstund Kulturbereiche unter Umständen privatisiert werden können, sondern auch weitergehende Angebote entwickelt, die es den betroffenen Kultureinrichtungen und Kulturschaffenden ermöglichen, bessere Chancen am Markt zu erhalten.

Diese Angebote können zum einen in einer besseren Beratung für Kulturschaffende liegen, die sich selbständig machen wollen. Eine weitergehende Möglichkeit liegt jedoch darin, bestimmte Kunstoder Kulturprojekte durch (kultur-)wirtschaftliche Maßnahmen zu flankieren.

Wenn zum Beispiel eine Stadt ein Künstlerhaus einrichtet, das ortsansässigen jungen Künstlern Arbeitsund Ausstellungsgelegenheit bietet, so ist dies eine sinnvolle und wichtige Maßnahme der Kunstund Künstlerförderung. Wenn diese Stadt jedoch nicht über einen starken Kunstmarkt verfügt, der den Künstlern genügend Marktchancen bietet, müsste in einem zweiten Schritt überlegt werden, wie gemeinsam mit Partnern aus der Wirtschaft, der regionalen Wirtschaftsförderung, von ortsansässigen Galerien, Kunstvereinen und Museen usw. Impulse für die Entwicklung eines Kunstmarktes gegeben werden können.

In diesem Zusammenhang ist zu bedenken (Kunzmann 1995, S. 331), dass kulturwirtschaftliche Betriebe und Unternehmen an einem Ort ein wesentliches Element des lokalen Kulturlebens sind. Sie zeigen sich in der Regel an lokalen bzw. regionalen Kulturaktivitäten stark interessiert, die auf entsprechende kulturwirtschaftliche Produkte und Dienstleistungen angewiesen sind. Ein vielfältiges, innovatives kulturelles Milieu am Ort und in der Region ist daher für kulturwirtschaftliche Betriebe und Unternehmen wichtig. Es schafft ihnen einen aufnahmebereiten regionalen Markt und es garantiert die Verfügbarkeit von vorgebildeten, interessierten und qualifizierten Arbeitskräften. Das kulturelle Image der Region ist gleichzeitig auch ein nicht zu unterschätzender und vor allem kostenloser Marketingfaktor, und je besser dieses kulturelle Image ist, umso mehr profitieren kulturwirtschaftliche Unternehmen davon. Doch weil sie dies tun, sind sie in der Regel auch eher bereit, im Rahmen ihrer Möglichkeiten oder Marketingstrategien das kulturelle Leben am Ort oder zumindest einzelne kulturelle Projekte zu unterstützen.

Daraus ergibt sich eine gegenseitige Abhängigkeit von lokaler Kultur und lokaler Kulturwirtschaft, die in vielerlei personellen Netzwerken ihren Ausdruck findet, in Netzwerken, aus denen beide Seiten ihre Vorteile ziehen.

Im Sinne einer moderierenden Kulturpolitik (Hippe 1995) ist es dann auch denkbar, Überlegungen darüber anzustellen, ob die öffentliche Kulturförderung (unter Umständen gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung) über einen begrenzten Zeitraum kommerziell ausgerichtete Kulturangebote fördert, wenn es in einem größeren Zusammenhang sinnvoll erscheint.

Ebenso würden sich unter dieser Maßgabe auch neue Anforderungen an Kulturentwicklungspläne und an Konzepte eines kommunalen Marketings stellen, die unter dem Aspekt der ressortübergreifenden Zusammenarbeit flankierende Maßnahmen, die in die Kulturwirtschaft hineinwirken, für bestimmte kulturelle oder künstlerische Vorhaben entwerfen (Heinze et al. 1994).

 
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