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1.5 Cultural studies und cultural turn

Die so genannten cultural studies und der cultural turn (grundlegend BachmannMedick 2004 und Bachmann-Medick 2009) führten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Theoriebildung und in der akademischen Arbeit der verschiedenen Geistesund Sozialwissenschaften zu einer signifikanten Aufwertung der Kulturforschung. Nahezu alle denkbaren menschlichen Lebensund Handlungszusammenhänge wurden in einen kulturellen Bezugsrahmen integriert. Im Umkehrschluss führte dies aber auch zu einer nicht selten unkritischen Ausweitung des Kulturbegriffs und zu dessen in der Alltagssprache zu beobachtendem inflationärem Gebrauch.

Auf die Forscher des Centre of Contemporary Cultural Studies (CCCS) in Birmingham geht seit Mitte der 1960er Jahre der Ansatz zurück, die jugendlichen Subkulturen in den Mittelpunkt der Kulturanalyse zu stellen. Sie definieren Kultur als „die Art, wie die Beziehungen einer Gruppe strukturiert und geformt sind; aber sie ist auch die Art, wie diese Formen erfahren, verstanden und interpretiert werden“ (Clarke 1979, S. 14–15). Ihr Kulturbegriff greift damit zunächst den traditionellen Aspekt der eine Gemeinschaft konstituierenden Rolle der Kultur auf. Die Innovation besteht jedoch darin, dass sie ihrer Kulturanalyse einen den ganzen Alltag – „whole way of life“ (Williams 1977, S. 50) – umfassenden Kulturbegriff zugrunde legen und subkulturelle Milieus zu ihrem bevorzugten Forschungsgegenstand machen. Anders als im Konzept der Massenkultur, das die Jugendlichen als bloße Rezipienten versteht, werden diese als Subjekte interpretiert, die sich ihre Umwelt anhand von kultureller Symbolik aktiv erschließen (Müller-Bachmann 2002; Vogt 2005). Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen dabei nicht die kulturellen Phänomene, sondern deren Beziehung zu der sozialen Gruppe, deren Leben sich in diesen Objekten widerspiegelt.

Im Verständnis der cultural studies werden diese Subkulturen als Untersysteme der Kultur der Arbeiterschicht verstanden. Sie grenzen sich damit einerseits gegen die Stammkultur – vor allem der Eltern – ab, andererseits bemühen sie sich mit dieser gemeinsam um eine Abgrenzung zu der Kultur der gesamtgesellschaftlichen Konvention. Es entsteht somit eine Rangordnung von Kulturen, für die – das Gesellschaftsmodell von Karl Marx (1818–1883) aufgreifend – „die Reproduktionsbedingungen, materieller Reichtum und Macht“ (Müller-Bachmann 2002, S. 31) verantwortlich gemacht werden.

Das Aufkommen der cultural studies und der wachsenden Einfluss der Kultursoziologie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts führten zunächst in den Geistesund Sozialwissenschaften und danach in der Gesellschaft insgesamt zu Entwicklungen, die mit dem Begriff „cultural turn“ beschrieben werden.

Im Mittelpunkt steht dabei ein erweitertes Kulturverständnis, das eine Hierarchie und Weiterentwicklung kultureller Werte – wie sie beispielsweise Herder postuliert hat – infrage stellt. Die Populärkultur und die Alltagskultur werden der Hochkultur als in der Wertung zumindest ebenbürtig und in der gesellschaftlichen Relevanz höher stehend gegenübergestellt. Der cultural turn beinhaltet im Wesentlichen eine Abkehr des Kulturbegriffs von der Kultur der Eliten und des Außergewöhnlichen hin zu einer Populärkultur der Durchschnittlichen und des Alltags.

Vor allem initiiert durch die Arbeiten Ludwig Wittgensteins (1889–1951), in deren Mittelpunkt die Auffassung steht, dass sich das menschliche Denken vor allem durch die Sprache definiere und dass jede Philosophie deshalb vor allem Sprachkritik sein müsse („All philosophy is ‚Critique of language'“ – Wittgenstein 1922, 4.0031), gab es im frühen 20. Jahrhundert bereits einen „linguistic turn“. Der cultural turn kann als dessen Weiterentwicklung verstanden werden, weil er das Interesse an dem Alltagsphänomen Sprache auf alle Arten der Kommunikation ausweitert.

Der cultural turn verschob in allen Geistesund Sozialwissenschaften den Akzent von historischen Ereignissen sowie gewichtigen politischen und wirtschaftlichen Fragen auf bisher eher als belanglos eingeschätzte Alltagserscheinungen und Manifestationen des Lebensstils als Vermittler eines kulturellen Systems. Für die Arbeit kultureller Institutionen und Projekte bedeutete dies eine Integration von Alltagsphänomenen in den Ausstellungsund Aufführungsbetrieb. Gleichzeitig kamen neben ausstellbaren oder aufführbaren künstlerischen Produkten zunehmend Handlungen und Prozesse in den Blick. Die Unterscheidung zwischen Hochkultur und Massenkultur verlor dabei an Bedeutung. Phänomene der Populärkultur wie die Popart und die Massenmedien unterstützten und beschleunigten diesen Prozess. Der cultural turn ist damit auch ein Gegenentwurf zu der Vereinzelung und Unübersichtlichkeit der kulturellen Manifestationen, von der die Moderne geprägt ist. Mit ihrem umfassenden und interdisziplinären Ansatz versucht die Kulturwissenschaft Beschreibungsmodelle zu entwickeln, die sehr verschiedene Aspekte des gesellschaftlichen Lebens integrieren können. Da dabei nicht selten auch stark unterschiedliche und sogar widersprüchliche Phänomene zusammengefasst werden, wird häufig mit „cultural turns“ auch der Plural als die der Vielfältigkeit der Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften angemessene Terminologie verwendet.

Konkrete Auswirkungen auf das Kulturmanagement hatte der cultural turn vor allem im Bereich der Museen und Ausstellungen, in dem sich sowohl das Spektrum der Objekte des Sammelns als auch deren Präsentation unter seinem Einfluss wesentlich wandelten.

Während beispielsweise Technikmuseen traditionell Verkehrsmittel gegliedert nach ihrem Einsatzbereich zu Luft, zu Wasser, auf der Straße und auf der Schiene jeweils in ihrer chronologischen Entwicklung darstellten, werden sie in neueren Ausstellungskonzepten in ihren jeweiligen kulturellen Kontext eingebunden. So ist die rasante Entwicklung der Eisenbahn untrennbar mit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts verbunden, die Geschichte der Seefahrt eng mit dem Sklavenhandel verknüpft.

Einen besonderen Stellenwert hat die Einbeziehung des zeitgeschichtlichen Kontextes für die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft. So hat das Museum in Peenemünde, wo Wernher von Braun (1912–1977) die erste funktionsfähige Rakete entwickelte und erprobte, die Geschichte der dortigen Ereignisse zunächst als „Geburtsort der Raumfahrt“ dargestellt, während die aktuelle Ausstellung die Ambivalenz von bahnbrechender Ingenieurleistung und unkritischer Verstrickung in das nationalsozialistische Rüstungsprogramm in den Vordergrund stellt. Dieselben Strukturen gelten für das US-amerikanische Projekt der Mondlandung und dessen Bedeutung für den Kalten Krieg zwischen Ost und West (Hoppe 2004).

Während diese Kontextualisierung in den großen Technikmuseen inzwischen weitestgehend abgeschlossen ist, haben die Kunstmuseen diesen Schritt in weiten Bereichen noch nicht vollzogen. Dort steht vielfach immer noch ein vermeintlich autonomes Kunstwerk im Mittelpunkt, über das nicht viel mehr als Titel, Entstehungsjahr und Lebenszeit des Künstlers mitgeteilt werden. Die durch den so genannten Schwabinger Kunstfund aus dem Besitz Cornelius Gurlitts im Jahr 2012 ausgelöste Debatte (Koldehoff 2014) hat allerdings einer breiteren Öffentlichkeit verdeutlicht, dass auch Kunstwerke und deren Provenienzgeschichte von komplexen gesellschaftlichen Einflüssen geprägt sind.

 
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