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3 Sozioökonomische Verhältnisse aus Sicht der Paradigmen

Welche Wirkungen haben die gesellschaftlichen und sozioökonomischen Verhältnisse aus Sicht der Paradigmen für die Herausbildung einer sozialen Bewegung innerhalb der sozialen Arbeit? Damit hierzu eine Antwort gegeben werden kann, werden zunächst allgemeine gesellschaftlichen Entwicklungen und später die speziellen Entwicklungen bei den Beteiligten in der sozialen Arbeit betrachtet. Auf der allgemeinen gesellschaftlichen Ebene wird zunächst das Wachstumspotential im Sozialwesen deutlich.

Ein Blick in die Umsatzzahlen im Sozialwesen zeigt eine seit Jahren steigende Umsatzsteigerung, von zuletzt 5,6 % und für das kommende Jahr 2015 eine erneute Steigerung von 5,4 %, s. Abbildung 5.

Abbildung 5: Prognostizierte Umsatzentwicklung im Sozialwesen in Deutschland in den Jahren 2006–2016 (Statista 2014)

Abbildung 6: Demografischer Wandel (bpb 2012)

Neben der eindeutigen Tendenz zum Wachstum zeigen die Umsatzdaten außerdem eine wachsende Öffnung für den Markt und die damit steigende Ermöglichung von Profiten an. Die Zunahme der Vermarktlichung und der damit einhergehenden Prekarisierung für die Arbeitsleistungserbringer ist somit zu erwarten. Dies wird nach dem Stuctural Strains Ansatz zu weiteren Spannungen führen. Die Abbildung zeigt außerdem, dass sich die Umsätze bis 2016, gegenüber den Umsätzen im Jahr 2006 mehr als verdoppelt haben werden.

Eine weitere Entwicklung, welche ein Wachstum erwarten lässt, ist der demografische Wandel, s. Abbildung 6. Wie der Abbildung zu entnehmen ist, wird der Anteil der über 60-Jährigen zunehmen (jeweils rechts dargestellte Personen) und der Anteil der unter 20-Jährigen fortlaufend abnehmen (jeweils links dargestellte Personen), ebenso ist die Geburtenrate rückläufig. Daraus resultieren zwei zunehmende Aufgabenfelder für die sozialen Berufe, zum einen bedingt durch die sozialpolitische Notwendigkeit zur Förderung der Familien und zum anderen wird der Arbeitsbereich mit älteren Menschen an Bedeutung gewinnen und daraus folgend weiterhin wachsen. Somit wird der demografische Wandel zum Wachstum insgesamt beitragen und damit verbunden zu größeren Umsätzen in dieser Branche.

Aber nicht nur der demografische Wandel führt zu einem stärkeren Bedarf im Sozialwesen, sondern auch die zunehmende Kluft zwischen armen und reichen Menschen, welche in keinem anderen EU-Land so groß ist wie in Deutschland, wie der GINI-Koeffizient zeigt (Spiegel Online, 2014). Aus Sicht des Stuctural Strains Ansatzes und rückblickend auf die Entwicklungsursprünge stellt es eine zentrale Aufgabe des Sozialwesen dar, zum sozialen Frieden in der Gesellschaft beizutragen. Da diese aber zunehmend ungleicher wird, wird auch das Sozialwesen wachsen müssen, da sonst die sozialen Spannungen zu groß werden und es wieder zu unerwünschten Protesten kommt. Demzufolge sind es mindestens drei Entwicklungen, welche erwarten lassen, dass der Bereich des Sozialwesens weithin wachsen wird und damit auch die Prekarisierung.

Eine weitere allgemeine gesellschaftliche Entwicklung, welche die Herausbildung von sozialen Bewegungen beeinflusst, ist die zunehmend individualisierende Gesellschaft (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, 2009: 5). Wie die Ergebnisse von Kirmanoglu & Baslevent (Kap. 2.3.2) gezeigt haben, steht diese Entwicklung im Spannungsverhältnis zu einem gesellschaftspolitischen Verantwortungsgefühl, welches weiter fokussiert wird durch die Übernahme eines ökonomisierten Denkens und Handelns der Individuen (Kap. 1.1). Hierdurch wird das gesellschaftliche und soziale Engagement gehemmt. Raschke konstatiert dazu: „Die Ursachen liegen nicht nur im Sozialisationtyp, aber beginnen dort.“ (1999: 74) So zeigt sich, dass bereits aufgrund der Sozialisation in einer zunehmend individualisierenden Gesellschafft ein grundsätzliches Problem für soziale Bewegungen entsteht. Dabei liegt die Problematik nicht nur im steigenden individualistischen Denken der Personen, sondern auch in der individualisierenden Problemzuschreibung. Dies hat zur Folge, dass bereits zwei der drei im vorherigen Kapitel beschriebenen grundlegenden Voraussetzungen (die Betrachtung von gesellschaftlich bedingten Problemen als individuelles Schicksal und das gesellschaftliche Verantwortungsgefühl) hierdurch beeinträchtigt werden. Ein weiterer allgemein gesellschaftlicher Faktor aus Sicht der Bewegungsforschung ist die enge Verbindung zwischen der Sozialen Arbeit und dem Ehrenamt. In Deutschland engagieren sich seit Jahren gleichbleibend ca. zwölf Millionen Menschen im ehrenamtlichen Bereich, s. Abbildung 7.

Abbildung 7: Ehrenamtliche in Deutschland (Statista 2014)

Diese Zahl soll nach dem Willen der Bundesregierung zunehmen und ausgebaut werden, dies bezeugen verschiedene Kampanien und Veränderungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen, wie z. B. die Erhöhung der Aufwandspauschale für Ehrenamtliche und TrainerInnen im Jahr 2013. Bedenklich ist diese Entwicklung, da es besonders die sozialen Bereiche sind, in denen sich die Ehrenamtlichen engagieren (vgl. Abb. 8).

Diese Entwicklung fördert einerseits die Lohnkostenreduzierung auf staatlicher Seite, ist aber auch für die professionelle Identität und das klare Selbstverständnis von Bedeutung. Denn im Hinblick auf die Definition von beruflicher Identität wird diese entweder durch das Erlernen eines Berufs oder die ausgeübte Tätigkeit definiert (Wolf, 2014). Auch in Hinblick auf die Definition von SozialarbeiterInnen (Kap. 2.1.1) ergibt sich, dass sich im Prinzip jede Person mit einer sozialen Tätigkeit „Sozialarbeiter“ nennen kann. Dies ist aus Sicht des Collective Identity Ansatz problematisch, da es die Abgrenzung zu anderen erschwert und damit die Konstruktion einer Einheit hemmt. Diesbezüglich zeigt sich die Soziale Arbeit als ungeschützte Berufsgruppe in der auch Personen ohne entsprechende Ausbildung tätig werden können. Es geht hierbei nicht um eine Abwertung von ehrenamtlichem Engagement, sondern nur um die Problematik in Bezug auf die Auswirkungen auf die kollektive Identität.

Abbildung 8: Bereiche der ehrenamtlichen Tätigkeit (Statista 2014)

Weitere spezifischere Probleme ergeben sich aus den folgenden Daten zur Situation der Unternehmen, ArbeitskrafterbringerInnen und Studierenden, welche in den drei folgenden Abschnitten näher betrachtet werden.

 
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