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2.3.5 Framing Ansatz

Im Zentrum des Framing Ansatzes steht die öffentlichkeitswirksame Wahrnehmung der sozialen Bewegung durch entsprechende Kommunikation. Ziel ist es, eine in zwei Richtungen funktionierende Überzeugungsarbeit zu leisten. Zum einen müssen die Akteure weiterhin davon überzeugt sein, dass es sich um eine sinnvolle soziale Bewegung handelt, welche unterstützt werden muss. Zum anderen ist es notwendig, die Bewegungsexternen von der sozialen Bewegung zu überzeugen, mit dem Ziel der Akzeptanz und Unterstützung. Es geht dabei um die Legitimation des Handelns. Gerungen wird in diesem Prozess um die Definitionsund Deutungsmacht der Situation, welche erst im Verhandlungsund Aushandlungsprozess zur Wirklichkeit werden kann. Jede Art der Darstellung einer Situation impliziert die Meinung und Auffassung der darstellenden Person, welche dadurch zu einem Multiplikator von Meinung werden kann, wenn der Rezipient keine andere Darstellung kennt oder bereits eine andere Auffassung hat. Insofern ist es von Bedeutung, dass die Darstellung einer Situation nicht ausschließlich den Bewegungsexternen überlassen wird. Dieser Ansatz betont die konstruktivistische Inszenierung der Sozialen Bewegung, welche großen Einfluss auf den Protestund Mobilisierungserfolg ausübt.

Im Detail befasst sich dieser Ansatz mit drei unterschiedlichen Aspekten. Diese sind: der „Diagnostic Frame“, „Prognostic Frame“ und der „Motivational Frame“. Bei dem Diagnostic Frame geht es um eine überzeugende Problemkonstruktion. Hier wird erklärt, worin das Problem besteht, wie bedeutsam es für die Allgemeinheit ist und wer die Verantwortung dafür trägt. Darüber hinaus sind die plausible Relevanz, die hinreichende Bedeutsamkeit und die Zurechnung der Verursachung bzw. Verantwortlichkeit (Hellmann, 1998: 21) von Bedeutung. Von besonderer Bedeutung ist die Zurechnungsfrage. Denn diese erlaubt erst die Umstellung von Selbstauf Systemverantwortung. Bei dem Prognostic Frame geht es um das Aufzeigen von Lösungsmöglichkeiten, da erst auf Grundlage dieser eine Beteiligung am Protestaufwand rationell und die Bereitschaft, sich zu engagieren, wahrscheinlicher wird. Auch hier ist die Darstellung von großer Bedeutung, denn die Komplexität einer Problemlage darf nicht zu Lasten des Gefühls der Lösbarkeit des Problems gehen. Die Lösbarkeit des Problems ist die Voraussetzung für die Bereitschaft, den Protestaufwand überhaupt erst zu leisten. Der Motivational Frame versucht das Engagement und die Mobilisierungsbereitschaft bei den Betroffenen anzuregen. Neben den bereits genannten Bedingungen sind zudem von Bedeutung: eine hinlängliche Bezugnahme auf das allgemeine Wertesystem, eine gewisse Mindestreichweite und eine hinreichende Verdichtung und Verflechtung der einzelnen Aspekte selber. Die Bezugnahme auf das allgemeine Wertesystem ist die Voraussetzung der Kompatibilität von sozialer Bewegung und der gesellschaftlichen Allgemeinheit. Ist diese nicht gegeben, wird der Erfolg der sozialen Bewegung ungewiss. Mit dem Begriff der Mindestreichweite ist die gesellschaftliche Reichweite der sozialen Bewegung gemeint. Wenn diese nur einen sehr kleinen Teil der Gesellschaft betrifft, ist der Erfolg ebenfalls beeinträchtigt. Dem entgegenwirken kann der Ausbau eines Netzwerks von ebenfalls Betroffenen, welche weniger direkt, aber dennoch indirekt, davon berührt sind. Der Aspekt von Verdichtung und Verflechtung der einzelnen Aspekte meint die Argumentationsfähigkeit der Bewegungsmitglieder, welche gegeben sein muss, damit diese bei Belastung nicht sofort zerbricht. Ein weiterer wichtiger Aspekt betrifft die empirisch glaubwürdige Deutung der Ereignisse, welche sich nachvollziehbar mit den Erfahrungen der Betroffenen decken müssen und in einer erzählerisch-mitreißenden Wirkung überzeugen sollen.

Dem Framing Ansatz kommt somit ebenfalls eine entscheidende Bedeutung im Prozess der Mobilisierung zu, welche ohne die Thematisierung der Problemlage unmöglich wird. Einleitend zu dieser Arbeit wurden bereits einige der Thematisierungsprobleme hinsichtlich der Prekarisierung benannt (unzureichende statistische Erfassung und die Vergleichsproblematik durch die flächendeckende Prekarisierung in den sozialen Berufen). Darüber hinaus wird durch dieses Paradigma die Bedeutung der dringend notwendigen Thematisierung an den Hochschulen über die bestehenden Arbeitsbedingungen und die Veränderungen in dieser Berufsgruppe verdeutlicht, welche hierbei eine besondere Schlüsselposition einnimmt, wie die folgende Analyse und Interpretation der sozioökonomischen Daten zeigt.

2.4 Faktorenübersicht der theoretischen Erkenntnisse

Die wesentlichen Faktoren aus Sicht der Bewegungsforschung sollen in Abbildung 4 dargestellt und somit für die anschließenden Ausführungen praktikabel gemacht werden.

Zu kritisieren ist an dieser Übersicht die Reduzierung der jeweiligen theoretischen Paradigmen auf wenige Aspekte. Dennoch ist dieses Schema als Instrument für eine Analyse von sozialen Bewegungen geeignet, da hier die bestimmenden Faktoren für die Herausbildung einer sozialen Bewegung ersichtlich werden bzw. auch die Ursachen für das Ausbleiben einer solchen. Ebenso bedeutsam, aber nicht abgebildet in diesem Schema, sind die allgemeinen individuellen Voraussetzungen der Personen. Neben weiteren Faktoren sind hierbei drei Faktoren die grundsätzliche Voraussetzung. Erstens, dass Verständnis, dass die Verhältnisse in einer Gesellschaft als veränderbar begriffen werden, denn nur so kann Kritik überhaupt einsetzen (Wagner, 2009 oder auch Roth & Rucht, 2008), zweitens, dass die Deprivationserfahrungen der potenziellen BewegungsteilnehmerInnen nicht als individuelles Schicksal betrachtet werden, sondern als Folge von gesellschaftlichen Ursachen verstanden werden (Hellmann, 1998: 228), und drittens, dass die Personen ein gesellschaftliches Verantwortungsgefühl besitzen, welches über das individuelle hinausgeht. Dies ist jedoch ebenfalls von der gesellschaftlichen Sozialisation abhängig (Raschke, 1999).

Diese Faktorenübersicht wird im Folgenden mit den sozioökonomischen Verhältnissen, soweit verfügbar, analysiert und hinsichtlich der Herausbildung einer sozialen Bewegung innerhalb der sozialen Arbeit interpretiert.

 
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