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2.3.2 Collective Identity Ansatz

„Wenn wir von kollektiver Identität sprechen, so behaupten wir eine gewisse Ähnlichkeit der Angehörigen einer Gemeinschaft im Unterschied zu den Außenstehenden.“ (Giesen & Seyfert, 2013: 39). Es geht demnach um die Konstruktion von einem „Wir“ in Abgrenzung zu einem „Die“. Diesbezüglich ist dieser Ansatz eng verbunden mit dem Ansatz des Framing, da es sich hierbei ebenfalls um eine Konstruktionsund Kommunikationsleistung handelt. Ziel ist es, in der Bewegung eine Verbundenheit durch Identifikation und die Herstellung einer Einheit zu schaffen.

Im Gegensatz zu dem Framing Ansatz wird jedoch hier neben der Problemdimension auch noch Bezug genommen auf eine Sozialdimension, im Sinne von Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit bzw. Inklusion und Exklusion der Anhänger der sozialen Bewegung. Die Zuordnungen funktionieren dabei auf zwei Wegen: Eigendefinition oder Fremddefinition bzw. Zuschreibungen. Beispiele von häufigen Aufteilungscharakteristika bei der Konstruktion von einem „Die“ und einem „Wir“ sind: Nation, Ethnie, Kultur oder Sprache. In diesem Zusammenhang besteht seit Jahren in Deutschland ein Diskurs über eine nationale Identität. Dabei geht es im Kern um die Frage, ob eine nationale Identität existiert, nicht existiert oder überhaupt existieren darf. Weitere typische Aufteilungsmerkmale sind z. B.: Klasse oder Milieu. Trotz des einfachen Mechanismus, nach dem die Zuschreibungen erfolgen, entzieht sich kollektive Identität bisher jeder klaren Definition und Beschreibung, da jeder Versuch als unvollständig und verzerrt zurückgewiesen werden kann, weil die Konstruktion stets von individuellen Faktoren abhängig ist. Damit bleibt die „kollektive Identität eine unaufhebbar uneindeutige und vage Angelegenheit“ (Giesen & Seyfert, 2013: 39). Dass hinter dieser Unklarheit in der Konstruktion eine individuelle Notwendigkeit besteht, zeigt der Aspekt des „leeren Signifikanten“ (s. u.). Die Konstruktion einer kollektiven Identität bedarf zweierlei Voraussetzungen: Dazu gehören zum einen ein Diskurs, der diese normativ herstellt und gedanklich entstehen lässt, und zum anderen soziale Praktiken, wodurch das Kollektiv erst lebensweltlich erfahrbar wird. Auf der diskursiven Ebene sind Gründungsmythen wesentlich. Gemeint ist damit eine Geschichtsschreibung, deren Teil Schicksalsgemeinschaften, Legendenbildung oder auch Heldenerzählungen sind, mit dem Ziel, die Gemeinschaft zu vereinen.

Voraussetzung hierfür ist ein möglichst kritikfreier Glaube an die Gemeinschaft oder ein Ziel. Denn jede kritische Betrachtung würde zu Zweifeln am Kollektiv führen und damit den Prozess der Identifizierung erschweren. Dieser Prozess wird auch als „Arbeit am Mythos“ bezeichnet, welcher notwendig ist zur Konstruktion des Kollektivs. Erst dann beginnt es, gedanklich zu existierten und erkennbar zu werden. Die Arbeit am Mythos ist dabei ein wesentlicher Unterstützungsprozess, welcher zum einen auf vergangenen Mythen beruht, aber zur Fortexistenz durch Praktiken und Diskurse ständig reproduziert werden muss (Giesen & Seyfert 2013). Bei den Praktiken geht es um den Wiedererkennungswert, die Erfahrbarkeit des Kollektivs und die Manifestation des Mythos im Konkreten. Dies geschieht beispielsweise durch: Rituale, Symbole, Zeichen, Kleidungsmoden oder auch Denkmäler, Erzählungen und Lieder. Des Weiteren können Orte des Zusammentreffens bedeutsam werden, wie z.B. bewegungsspezifische Kneipen, Szenetreffs, Musikveranstaltungen oder öffentliche Plätze. Prozessual betrachtet, geht es dabei um das Miteinander, bei welchem sich die Bewegungsanhänger gegenseitig bestätigen und den Mythos permanent reproduzieren. Ein Kollektiv wird also nur erfahrbar, wenn es diskutiert und auch praktiziert wird.

Darüber hinaus ist eine interaktionsübergreifende Verständigungsbasis in Form eines Massenmediums für eine „bewegungsloyale Thematisierung und Kommentierung der Ereignisse“ (Hellmann, 1998: 20) von großer Bedeutung. Gerade dieser Aspekt wurde in den letzten Jahren immer stärker diskutiert, da Facebook, Twitter und anderen sog. sozialen Medien innerhalb sozialer Bewegungen eine entscheidende Rolle zugewiesen wurde. „Als die ägyptische Armeeführung am 11. Februar 2011 die Absetzung Husni Mubaraks bekanntgab, wurde dieser Diktatorsturz vielerorts als Facebook-Revolution gefeiert.“ (Richter, 2013: 37) Ein anderes Beispiel bietet die OccupyBewegung von 2011, welche sich ebenfalls stark auf die Kommunikation durch die sozialen Medien konzentrierte (Rucht, 2013: 133). Rucht beschreibt die Fokussierung der Bewegung auf das Internet als „Überschätzung der Rolle des Internet als ein Instrument der politischen Mobilisierung, relativ zu konventionellen sozialen Netzwerken wie Familie, Freundeskreis, Nachbarschaft Gewerkschaften etc.“ (Rucht, 2013: 133). Beide Experten kommen in ihrer Analyse unabhängig voneinander zu dem Schluss, dass soziale Medien zwar keine besondere Bedeutung für den Erfolg der sozialen Bewegung hatten, sehr wohl aber für die Mobilisierung von Bewegungsteilnehmern zunehmend wichtig geworden sind.

Ebenfalls von großer Bedeutung ist die initiierende und produktive Basis des Organisationsprozesses. Dieser ist oft von wenigen Persönlichkeiten abhängig (s. auch Resource Mobilization Ansatz oder Framing Ansatz). In diesem Ansatz ist die „Totalität der Ansprüche und die Einbindung aller auf ein Ziel hin, also die Konzentration auf eine Einheit“ (Hellmann, 1998: 20), von zentraler Bedeutung. Bei dem Verständnis von Einheit hat in den letzten Jahren die Begrifflichkeit des „leeren Signifikanten“ an Bedeutung gewonnen. Hierbei handelt es sich um eine individuelle Unbestimmtheit, welche frei nach persönlichen Motiven des Individuums mit dem Kollektiv oder Einheit konnotiert wird und der Einheit aus Perspektive des Individuums Sinn zuweist (Giesen & Seyfert, 2013). Es bedarf demnach eines gewissen Spielraums der Interpretation durch das Individuum bei der Zuschreibung von Sinn und Zweck des Kollektivs. Interessanterweise beschreibt Bader bereits 22 Jahre früher das Verhältnis zwischen Herausbildung einer kollektiven Identität und der analytischen Betrachtung des Bezugsrahmens als umgekehrt proportional (Bader 1991: 104, zit. n. Hellmann, 1998: 20). Die individuelle Konnotation des leeren Signifikanten erfolgt dabei auf drei Wegen (Hein-Kircher, 2013: 38, leicht verändert):

1) Identifikation auf kognitiver Ebene: Ergebnis eines Abwägungsprozesses aus sinnvollen Gründen

2) Identifikation auf kultureller Ebene: Sozialisation in ein kulturelles Geflecht aus Werten, Normen und Institutionen

3) Identifikation auf einer affektiv-emotionalen Ebene: Verbundenheitsund Zugehörigkeitsgefühle auf einer emotionalen Ebene, da diese nicht zwingend „gute Gründe“ oder eine Idee von kultureller Gemeinsamkeit brauchen

Wie bereits ersichtlich wird, ist die individuelle Identität für die kollektive Identität von großer Bedeutung. Dahingehend wurde 2012 eine größere Untersuchung von Hasan Kirmanoglu und Cem Baslevant durchgeführt. Diese versuchten individuelle Faktoren zu identifizieren, welche für ein gesellschaftspolitisches Engagement mitverantwortlich sind. Grundlage der Daten war die vierte Runde des European Social Survey, an dem 29 Länder teilnahmen, und insgesamt 56.752 Fälle analysiert wurden. Die ausgewerteten Items beziehen sich dabei auf die Grundlagen von Schwartz´ Theorie aus dem Jahr 1992 über die persönlichen Werte, welche im Kontext von gewerkschaftlicher Mitgliedschaft relevant sind. Im Ergebnis wurden folgende individuelle Charakteristika als signifikant identifiziert: „selftranscendence“ und

„selfconservation“ haben einen positiven Effekt, während „openness-tochange“ und „self-enhancement“ negative Effekte zeigen (Kirmanoglu & Baslevent, 2012: 687). Dieser Studie nach haben Personen eine höhere Wahrscheinlichkeit, sich gesellschaftspolitisch zu engagieren, wenn sie: a) über die eigene Verantwortung hinaus eine gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen im Sinne eines Universalismus und Wohlwollens (self-transcendence) und b) dazu ein Bedürfnis nach Sicherheit und Konformität verspüren (self-conservation). Dem gegenüber haben Personen eine niedrigere Wahrscheinlichkeit, wenn sie ein größeres Bedürfnis nach Leistungsanerkennung und Belohnung zeigen (self-enhancement) sowie eher selbstbestimmt handeln wollen und ein höheres Bedürfnis nach Stimulation aufweisen (consisting of stimulation and self-direction). Demzufolge besteht ein Spannungsverhältnis zwischen gesellschaftsverantwortlichem Handeln und den zunehmenden Individualisierungsprozessen (Kap. 3).

Weitere Faktoren, welche besonders die Konstruktion einer Einheit (das Zugehörigkeitsgefühl) und die Zuschreibungserfahrungen der Berufsgruppe beeinflussen, werden im Weiteren anhand der sozioökonomischen Daten zur sozialen Arbeit deutlich. Darüber hinaus sind aber nicht nur interne Faktoren der Bewegung von Bedeutung, sondern auch externe, wie die folgenden Ansätze darlegen.

 
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