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2.2.1 Soziale Bewegungen ab der Nachkriegszeit

Die Betrachtung von sozialen Bewegungen ist, bedingt durch zwei Weltkriege und den Faschismus, erst ab der Nachkriegszeit wieder möglich. Roth und Rucht nehmen in ihrem Buch „Die sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945“ eine in zeitlichen Etappen gegliederte Aufteilung vor, da sich die sozialen Bewegungen in ihren Strukturen in verschiedenen zeitlichen Abschnitten ähnelten, aber jeweils ein unterschiedliches Verständnis des Begriffes „soziale Bewegung“ vorlag.

In den Jahren zwischen 1945 bis ungefähr 1960 war das Verständnis stark angelehnt an die vorangegangenen historischen Sozialbewegungen wie die Arbeiterbewegung, die Frauenbewegung oder auch die faschistische Mobilisierung. Mit diesem Verständnis wurden auch die Parteienlandschaft und die Verbände als Ergebnis der historischen sozialen Bewegungen angesehen. Hingegen wurde sozialen Bewegungen, welche diesem traditionellen Bild nicht entsprachen, der Begriff „soziale Bewegung“ verwehrt und damit einhergehend die Anerkennung und Wertschätzung vorenthalten. Zwischen 1960 und 1970 hat vor allem die Außerparlamentarische Opposition (ApO) versucht, sich von den tradierten Vorstellungen über Sozialbewegungen abzugrenzen, und wurde zu einer der berühmtesten sozialen Bewegung jener Zeit. Zu einem Synonym für die ApO wurde der Begriff „Studentenbewegung“, da es hauptsächlich Studierende waren, welche sich engagierten und protestierten gegen die Notstandsgesetze und den Vietnamkrieg. Ihren traurigen Höheund Wendepunkt fand die Studentenbewegung in der Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg, am 2. Juni 1967 durch einen Polizisten. Für einige Personen dieser Bewegung hatte dies eine katalysierende Wirkung. Ab diesem Zeitpunkt begann sich der größte Teil der Bewegung aufzulösen und ein kleiner Teil radikalisierte sich. Die radikalste Form bildete in dieser Zeit die Rote Armee Fraktion (RAF). Hieran wird deutlich, wie sehr sich der Charakter einer sozialen Bewegung innerhalb relativ kurzer Zeit verändern kann. Dementsprechend fiel es sowohl den AkteurInnen, als auch der Wissenschaft schwer, diesbezüglich eine angemessene Definition zu bestimmen. Erst in den Jahren 1970 bis 1990 entstand durch neue konzeptionelle Ansätze und ein immer deutlicheres Leitthema („Demokratisierung“) eine klarere Vorstellung von sozialer Bewegung. Im Wesentlichen ist diese auf die Bemühungen der neuen sozialen Bewegungen (NSB) selbst zurückzuführen. Ab Mitte der 1980er Jahre wurden die sozialen Bewegungen aufgrund einer veränderten Sichtweise zunehmend positiver konnotiert und fanden im Sinne einer „Anerkennung von Pluralität“ mehr Zuspruch in der Gesellschaft (Roth & Rucht, 2008: 637). In diesem Sinne fassten zu Beginn der 1990er Jahre die NSB die thematische Verschiedenheit von sozialen Bewegungen zusammen zu einem Leitthema, welches übergreifend im Kern als Demokratisierung bezeichnet wurde. Diese politische Eindeutigkeit ging in den Jahren von 1990 bis 2000 verloren, da zunehmend weitere Mobilisierungen aufkamen, geleitet von rechtsradikalen und ausländerfeindlichen Aktivitäten. Diese orientierten sich zunehmend an den Methoden der Arbeiterbewegung, der ApO und der NSB, indem sie Kundgebungen am 1. Mai abhielten oder zivilgesellschaftliches Engagement imitierten, wie z. B. Sozialberatung und Jugendarbeit (Roth & Rucht, 2008: 637). Trotz der Bemühungen von rechter und linker Seite, soziale Bewegungen ausschließlich für sich selbst zu beanspruchen, blieben diese politischen Versuche der Inanspruchnahme immer erfolglos und somit offen als Strategie für alle AkteurInnen. Diesbezüglich ist jedoch die Mobilisierung von AktivistInnen nur ein Merkmal neben weiteren, welche für eine soziale Bewegung erforderlich sind. Heute geht man von vier charakteristischen Eigenschaften aus (Roth & Rucht, 2008: 638, leicht verändert):

§ Anspruch auf gesamtgesellschaftliche Veränderung

§ Zusammenschließen von Akteuren zu einem Netzwerk

§ Kollektive Identität

§ Protesthandlung als konstituierendes Merkmal

Diese vier Charakteristika sind demnach notwendige Voraussetzungen zur Bildung einer sozialen Bewegung. Im Weiteren werden bei der Untersuchung der Forschungsfrage, warum sich in der Sozialen Arbeit keine Bewegung formiert, lediglich die drei erstgenannten Merkmale zugrunde gelegt, da erst bei einer ausreichenden Herausbildung eine Protesthandlung als Folge angenommen werden kann.

Neben obiger Definition einer sozialen Bewegung wurde seit den 1980er Jahren auch hinsichtlich der Erklärungsmodelle mehr Klarheit erlangt. In den letzten Jahren haben sich hierbei verschiedene Paradigmen für die Erklärung von sozialen Bewegungen entwickelt, welche im folgenden Kapitel separat erörtert werden und als Grundlage für die anschließende Analyse der Forschungsfrage dienen.

 
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