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2.2 Soziale Bewegungen

„Viva la France“ war eine der berühmtesten Kampflosungen der Französischen Revolution, welche die Epoche der Aufklärung einleitete und als erste große „soziale Bewegung“ in die Geschichte einging. Doch was unterscheidet die Französische Revolution z. B. vom berühmten Spartacus-Aufstand im Jahre 73 v. Christus? Es ist der Anspruch einer sozialen Bewegung auf Gestaltung von gesellschaftlichem Wandel. So definieren Roth und Rucht eine soziale Bewegung in Abgrenzung zu anderen Protestbewegungen folgendermaßen: „Von Bewegungen sprechen wir erst, wenn ein Netzwerk von Gruppen und Organisationen, gestützt auf eine kollektive Identität, eine gewisse Kontinuität des Protestgeschehens sichert, das mit einem Anspruch auf Gestaltung des gesellschaftlichen Wandels verknüpft ist, also mehr darstellt als bloßes Neinsagen“ (Roth & Rucht, 2008: 13). Dabei stellt sich jedoch die Frage, ob es überhaupt eine soziale Bewegung ohne eine gesellschaftlich relevante Forderung geben kann. Auch wenn der Spartacus-Aufstand keine expliziten Forderungen stellte, war er trotzdem ein Ausdruck gegen die Sklaverei, gegen Unterdrückung und für ein eigenbestimmtes Leben. Somit zeigen solche Bewegungen immer den Wunsch nach einem gesellschaftlichen Wandel an, bei dem diese sowohl ein Produkt der bestehenden Gesellschaft sind als auch zu einem Produzent einer neuen Gesellschaft werden. Insofern sind soziale Bewegungen sowohl das Ergebnis von gesellschaftlichen Problemlagen (Structural Strains Approach), als auch im selben Moment Erzeuger von gesellschaftlichen Veränderungen.

Hierdurch können soziale Bewegungen auch als Träger von Demokratisierungsprozessen bezeichnet werden, welche abhängig von verschiedenen politischen Faktoren zugelassen oder gehemmt werden (Political Opportunity Approach). Der demokratische Grundgedanke, welcher eine soziale Bewegung zulässt, wird jedoch nicht automatisch von den Bewegungen selbst geteilt, wie z. B. bei rechtsextremen Bewegungen. Zudem kommt es ebenfalls nicht automatisch zu großen gesellschaftlichen Veränderungen. Vielmehr sind soziale Bewegungen als Anzeichen von gesellschaftlichen Umbruchprozessen und sozialem Wandel zu verstehen, welche auf ungelöste gesellschaftliche Probleme hinweisen. Eine soziale Bewegung kann auch als „Politik von unten“ (Institut für Protestund Bewegungsforschung, 2014) bezeichnet werden oder als „Feedback-Prozess“ (Hellmann, 1998: 18), welcher rekursiv auf die bestehende Gesellschaft einwirkt und die notwendige politische Aufmerksamkeit erzeugt.

Der Beginn einer sozialen Bewegung ist meist unspezifisch und lässt sich nicht klar bestimmen. Gekennzeichnet ist diese von einer ständig fluktuierenden Teilnehmeranzahl und sie endet generell in einer Institutionalisierung oder aber löst sich auf, wobei „Bewegungsreste“ (Wagner, 2009: 10) darüber hinaus bestehen bleiben können.

Trotz dieser Erkenntnisse in der Soziologie der sozialen Bewegungen, die auch einfach „Bewegungsforschung“ genannt wird, sind nach Raschke die theoretischen Defizite bei der Erklärung sozialer Bewegungen erstaunlich für ein Land, das diesbezüglich die ersten großen Theoretiker hervorgebracht hat, wie Marx und Engels. Die Erklärung hierfür hat zwei Ursachen: Zum einen gab es über viele Jahre hinweg einen wissenschaftlichen Traditionsabbruch, bedingt durch den Faschismus, zum anderen ein tief verwurzeltes inneres Misstrauen gegenüber sozialen Bewegungen in Deutschland, bedingt durch Kriege und ebenfalls den Faschismus. Dies hat in der Bevölkerung zu starken Verunsicherungen gegenüber sozialen Bewegungen geführt und den Wunsch nach Ruhe, Ordnung und Stabilität verstärkt. (Raschke, 1988)

 
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