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2.1.2 Entwicklungsursprung II – Stabilisierung und Sicherung

Die gesellschaftsstabilisierende und systemsichernde Aufgabe von Sozialer Arbeit wird noch stärker aus der Perspektive von Marx betont. Nach Marx manifestiert sich in der sozialen Arbeit der Klassenkampf selbst (Carillo, 2013). Demnach gibt es zwei Gruppen von Personen in einer Gesellschaft. Carillo (2013: 86 ff. sinngemäß übersetzt) beschreibt diese beiden Gruppen folgendermaßen: Eine Gruppe installiert das normative System, bei dem nur die grundlegendsten Bedürfnisse zur Befriedigung der anderen Gruppe gedeckt werden müssen, während die andere Gruppe marginalisiert und möglichst ohne persönliche Ressourcen die zunehmende Ausbeutung, bedingt durch den Kapitalismus, hinnimmt und erträgt.

In diesem Konflikt übernimmt die Soziale Arbeit die Vermittlung zwischen diesen beiden Gruppen, wobei die eine Gruppe den Elitegedanken und ihre Privilegien in der sozialen Struktur verteidigt und verteidigen kann und die andere Gruppe dazu nicht in der Lage ist und auch nicht dazu befähigt wird. Ausgehend von dieser Dialektik kann die Soziale Arbeit von zwei entgegengesetzten Bewusstseinsebenen aus agieren und politisch handeln: Entweder ist Soziale Arbeit ein bewusster Akteur zur Beeinflussung der Massen zusammen mit den systemimmanenten Problemen aus den kapitalistischen Widersprüchen oder aber Soziale Arbeit ist ein professioneller Ignorant von Ungerechtigkeit und unterstützt die Reproduktion und Selbsterhaltung des Systems unbewusst. Je nach Bedarf an Befriedigung der grundlegendsten Bedürfnisse können diese durch die Soziale Arbeit individuell dosiert werden und somit für die Aufrechterhaltung des sozialen Gleichgewichts sorgen.

Abbildung 2: Doppelmandat (eigene Darstellung)

Zusammenfassend könnte die Wirkung der sozialen Arbeit nach Carillo als „anaesthetise the population from the origin of is problems“ (Carillo, 2013: 87) bezeichnet werden. Demnach wäre die Wirkung von Sozialer Arbeit nichts weiter als eine Methode zur Ruhigstellung der Massen. Dieser Logik folgend, ist die Entwicklung des Sozialwesens der Preis, welcher durch die kapitalistischen Profiteure zur Wahrung der politischen Stabilität aufzubringen ist. Mit anderen Worten: Die Kosten des Sozialwesens sind der Preis für die Aufrechterhaltung und Zuspitzung einer zunehmend ungleichen Gesellschaft, welcher zur Stabilisierung und Sicherung der gesellschaftlichen Verhältnisse erbracht werden muss. Die sozialen Probleme in der Gesellschaft sind demnach zurückzuführen auf die Ausbeutung der Arbeiterklasse, welche die Gewinne von Wenigen maximiert. Aus dieser Perspektive stellt die Soziale Arbeit nur eine Verschleierungsmethode dar, welche die zunehmenden Verschlechterungen in einer Gesellschaft verdeckt und mitträgt, ungeachtet dessen, ob dies bewusst oder unbewusst geschieht.

Infolge dieser beiden divergierenden Entwicklungsursprünge befindet sich die Soziale Arbeit in einem permanenten Spannungsverhältnis zwischen Hilfe und Kontrolle, welches auch als Paternalismus, Strukturdilemma oder Doppelmandat bekannt ist. Zur Verdeutlichung soll Abbildung 2 dienen.

Die hellgrauen Quadrate beinhalten hierbei die zwei Entwicklungsursprünge, während die dunkelgrauen Kreise den darin begründeten Handlungsrahmen von Sozialer Arbeit wiedergeben.

Trotz dieses immanenten Spannungsverhältnisses stehen sich diese Entwicklungsursprünge in einem Punkt nicht gegenüber, sondern bilden eine gemeinsame Schnittmenge in ihrer teilweise entpolitisierenden Wirkung,

Abbildung 3: Trippelmandat nach Staub-Bernasconi (eigene Darstellung)

sowohl auf die Gesellschaft (Entwicklungsursprung II), als auch auf die SozialarbeiterInnen selbst, bedingt durch die Klientenzentrierung, resp. die damit einhergehende individualisierende Problemkonstruktion (Entwicklungsursprung I). Damit eng verbunden, steht auch die Professionalisierung in der Sozialen Arbeit im Verdacht, zur Entpolitisierung in der Sozialen Arbeit wesentlich beigetragen zu haben und zwar auf Grund der zunehmenden Methodenund Klientenzentrierung in der Ausbildung und im Beruf. Damit einhergehend führte dies zur Vernachlässigung der politischen Dimension von Sozialer Arbeit (Seeck, 2008, Schimpf, 2012: 9, Stapf-Finé, 2013: 32). Die Thematisierung dieser entpolitisierenden Neigungen gehört somit, aufgrund ihrer Folgen für die Profession und die Arbeitsbedingungen (Kap. 3.2) in der sozialen Arbeit zur Verantwortung der Hochschulen. Staub-Bernasconi erweitert in diesem Sinne das Strukturdilemma oder Doppelmandat um ein weiteres Mandat (das eigene): die Autonomie von SozialarbeiterInnen (Staub-Bernasconi, 2007, zit. n. Wolf, 2014: 12), welche als Konsequenz einer professionellen und reflektierten sozialen Arbeit entsteht. Eine moderne Darstellung der Mandatsübersicht sähe wie in Abbildung 3 dargestellt aus.

Zusammenfassend wird deutlich, dass die Entwicklungsursprünge zu einer Entpolitisierung führen können, wenn die politische Dimension der sozialen Arbeit in der Ausbildung oder im Beruf nicht erörtert werden. Diese Entpolitisierung kann einen Beitrag dazu leisten, die Herausbildung einer sozialen Bewegung zu hemmen. Welche weiteren Faktoren darüber hinaus die Herausbildung einer sozialen Bewegung beeinflussen und wie eine soziale Bewegung definiert wird, wird im Weiteren anhand der Geschichte von sozialen Bewegungen verdeutlicht.

 
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