Desktop-Version

Start arrow Erziehungswissenschaft & Sprachen arrow Berufliche Passagen im Lebenslauf

< Zurück   INHALT   Weiter >

5.2 Entscheidungsprofile

Auf Grund des Hinweises, dass die drei Merkmale der Entscheidungsfindung eher zu den personengebundenen gehören, kann darüber nachgedacht werden, inwiefern im Konzept der Entscheidungsprofile Hinweise zu finden sind, dass bezogen auf die berufliche Entscheidungsfindung eine Art weitergehende, persönlichkeitsbezogene Unterstützung angedacht werden kann. Diese liesse sich auf die Entwicklung von Berufsentscheidungskompetenz ausrichten und damit Individuen unterstützen, Informationen zu suchen und zu organisieren, Entscheidungen zügig voranzubringen, bzw. das Streben nach einem idealen Beruf situativ angemessen zu balancieren. Das untergräbt ein grundsätzlich als interaktiv gedachtes Verständnis zwischen Person und Umwelt nicht, sondern unterstützt einzig die Möglichkeit, das Instrument der Entscheidungsprofile bei beruflichen Entscheidungsfindungen möglichst differenziert einzusetzen. Angepasst auf die jeweilige Zielsetzung liessen sich dann jene Merkmale spezifisch auswählen, die auch zielführend die bestehenden Bedürfnisse und Notwendigkeiten abdecken. Als zusätzliche Erweiterung des Konzepts der Entscheidungsprofile liesse sich andenken, die hier gefundenen Zusammenhangsmuster zwischen den Merkmalen der Entscheidungsfindung und der Passungswahrnehmung auf weitere Entscheidungssituationen auszudehnen, eventuell auf solche, die sich durch Lehrabbrüche oder auf Grund von Jugendarbeitslosigkeit ergeben, oder die sich durch andere, lebensbiografisch zentrale Ereignisse aufdrängen. Solche Analysen würden die vorliegende Untersuchung und gegebenenfalls auch die darauf bezogene Beratungspraxis erweitern.

5.3 Beratungspraxis

Soll in der Beratungspraxis nicht nur ein möglichst nahtloser Anschluss an die obligatorische Schulzeit oder an die berufliche Ausbildung erreicht, sondern auch eine möglichst passende Anschlusslösung angestrebt werden (Herr, Cramer & Niles, 2003), scheinen die Merkmale „zielführende Informationssuche“, „wenig Entscheidungsverzögerung“ und „Anstreben eines idealen Berufs“ dies positiv zu unterstützen. Die Frage ist jedoch, inwiefern sich diese Merkmale spezifisch fördern lassen. Wie können also Heranwachsende beispielsweise lernen, Informationen zielführend zu suchen, diese zu prüfen und sie ins bestehende Wissen zu integrieren? Hinweise zu diesem Aspekt sind verbreitet aufgearbeitet und brauchen hier nicht weiter ausgeführt zu werden (Düggeli & Kinder, 2013). Schwieriger scheint dieser Anspruch jedoch in Bezug auf die Entscheidungsverzögerung zu sein. Ein Ansatz hierzu könnte heissen, die zeitliche Dimension, in der Entscheidungsfindungen geschehen, mit den Heranwachsenden zu reflektieren, beispielsweise indem realistische Zeitplanungen gemacht werden. An diesen liesse sich der Entscheidungsprozess ausrichten, allenfalls mit nötig werdenden Anpassungen. So kann vielleicht vermieden werden, dass langandauernde Unterbrüche oder sich einstellende Verzögerungen zur Einschätzung führen, nie einen anstehenden Entscheid treffen und damit die Entscheidungsherausforderung abschliessen zu können. Berufliche Entscheidungsprozesse zu begleiten scheint für Unterstützungs- und Beratungspersonen also auch die Aufgabe zu beinhalten, die zeitliche Taktung gut zu balancieren, vielleicht zwischen Phasen des aktiven Vorangehens und solchen der reflexiven Besinnung.

Ähnlich herausfordernd ist es, auf das dritte Merkmal zu reagieren, nämlich dem "Anstreben eines idealen Berufs". Wie gesehen werden konnte, scheint zu gelten, dass die Überzeugung, einen Beruf finden zu können, der die eigenen Wünsche, Erwartungen und Vorlieben erfüllt, eher mit einer positiven Passungswahrnehmung korrespondiert. Einen idealen Beruf erreichen zu können, kann bedeuten, eine bei Entscheidungssuchenden bestehende Idealvorstellung möglichst bei zu behalten. Dies ist gegebenenfalls dahingehend zu reflektieren, dass das Vorherrschen einer Idealvorstellung Fixierungen mit sich bringen kann, die sich blockierend auf andere mögliche Wege auswirken könnten. Einen idealen Beruf anzustreben kann aber auch heissen, Heranwachsende darin zu bestärken, berufliche Idealvorstellungen überhaupt zu entwickeln. Damit ist nicht ein naives Streben nach einem Wunschberuf gemeint. Es ist die Fähigkeit angesprochen, eine ideale berufliche Orientierung zu gewinnen, die trotz gegebenenfalls notwendig werdender Anpassungsleistungen, realisierbar bleibt. Das heisst also zu versuchen, gemeinsam mit jungen Menschen eine Art realistischen Ehrgeiz zu balancieren, zwischen extremer Ausschliesslichkeit eines Ideals und orientierungsfreier Offenheit ohne Ideal (Zihlmann, 2009).

Die Diskussion der vorliegenden Befunde zeigt, dass die vorliegende Studie nur einen begrenzten Ausschnitt zum Zusammenwirken von Entscheidungssituation, Entscheidungsfindung und Passungswahrnehmung aufnimmt. So wäre es beispielsweise wichtig, weitere berufliche Entscheidungssituationen zu analysieren oder weitere Merkmale der Entscheidungsfindung auf ihren Zusammenhang mit der Passungswahrnehmung hin zu betrachten. Möglicherweise erhalten die drei untersuchten Merkmale der Entscheidungsfindung in weniger normierten Entscheidungssituationen einen anderen Stellenwert. Eine weitere noch zu klärende Frage wäre, ob die drei Merkmale der Entscheidungsfindung nicht nur für die Passungswahrnehmung, sondern auch für weitere Merkmale von Entscheidungen bedeutungsvoll sind, beispielsweise für die berufliche Produktivität oder die Berufstreue im Lebenslauf. Zusätzlich verweist der Umstand, dass es sich vorliegend um querschnittliche Analysen handelt, auf die Einschränkung, dass hier keine kausalen Aussagen möglich sind und auch, dass keine Verläufe abgebildet werden können. Gerade diese könnten aber helfen zu verstehen, wie die Passungswahrnehmungen in den verschiedenen Kohorten mit dem Umsetzungshandeln zusammenhängen, das auf einen Entscheid folgt. Antworten auf solche Fragen werden aller Voraussicht nach durch die Fortsetzung des BEN-Projekts möglich, so dass als vierter Aspekt, neben der Entscheidungssituation, der Entscheidungsfindung und der Passungswahrnehmung, in kommenden Arbeiten auch die handlungsbezogene Umsetzung von Berufsentscheidungen analysiert werden kann. Dies ermöglicht ein differenzierteres Verstehen von Berufsbildungsentscheidungen und deren Bedeutung im Zusammenhang mit der Gestaltung individueller Berufsbiografien.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics