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4.2 Berechnungsmodelle

Vorangegangene Forschungsarbeiten zu Faktoren des Erfolgs in der Berufsbildung haben eine beeindruckende Vielfalt von Einflussfaktoren festgestellt. Allerdings beschränken sich die meisten Studien auf einige wenige Faktoren und weisen darauf hin, dass eine grössere Anzahl von Faktoren berücksichtigt werden sollte, um mehr über die Gewichtung und das Zusammenspiel dieser zu erfahren (vgl. Häfeli & Schellenberg, 2009, S. 7f.).

Genau das ist das Ziel der vorliegenden Studie, indem die Abschlussnoten der dualen kaufmännischen Berufslehre unter Berücksichtigung einer Vielzahl von möglichen Faktoren des Ausbildungserfolgs erklärt werden. Dazu werden in einem explorativen, datengestützten Vorgehen Faktoren identifiziert, welche unter Kontrolle von anderen Faktoren den Ausbildungserfolg vorhersagen. Dabei wurden alle Variablen aus dem Forschungsprojekt ‚Fit für den Job' berücksichtigt, für welche aufgrund von theoretischen Überlegungen und der bestehenden Forschungsergebnisse eine Beeinflussung der Abschlussnoten zu erwarten ist. Die Variablen werden im Folgenden erläutert.

4.3 Messinstrument

Erfasst wurde eine Vielzahl unterschiedlicher Personen- und Persönlichkeitsmerkmale anhand von psychologischen Skalen und Itemeinschätzungen auf der Mikroebene sowie unterschiedliche Indikatoren auf der Mesoebene.

Der Grossteil der erfassten Faktoren sind auf der Mikroebene anzusiedeln (vgl. Tabelle 1). Da interessieren einerseits Personenmerkmale wie Geschlecht, erreichter Schulabschluss auf der Sekundarstufe I, Berufsbildung der Eltern und Deutsch Leseverständnis. Andererseits interessieren psychologische Skalen und Selbsteinschätzungen. Das sind in der vorliegenden Untersuchung sechs grundlegende Persönlichkeitsdimensionen, unterschiedliche berücksichtigte Kriterien bei der Berufswahl, wahrgenommene Belastung des Qualifikationsverfahrens, eingeschätztes persönliches Arbeitslosigkeitsrisiko nach der Berufslehre, Zufriedenheit mit der Berufsfachschule, dem Ausbildungsbetrieb und dem erlernten Beruf, Wichtigkeit der Leistungen in der Berufsfachschule und im Ausbildungsbetrieb, zukünftige Bildungsaspirationen, verschiedene Arten der Misserfolgsattribution in der Berufsfachschule und im Ausbildungsbetrieb, Identifikation

Tabelle 1 Mit Messinstrument erfasste Daten.

Indikatoren auf der Mikroebene Personenmerkmale

- Geschlecht

- Erreichter Schulabschluss in der Sekundarschule nach 9 Jahren obligatorischer Schulzeit

- Berufsbildung der Mutter und des Vaters

- Deutsch Leseverständnistest (LGVT 6-12, Schneider, Schlagmüller & Ennemoser, 2007)

Psychologische Skalen und Einschätzungen

- 6 Persönlichkeitsdimensionen nach HEXACO-60-PI-R (Ashton & Lee, 2009):

- Emotionalität (10 Items, Cronbachs α in Stichprobe n=320: .77)

- Extraversion(10 Items, Cronbachs α .69)

- Gewissenhaftigkeit (10 Items, Cronbachs α .77)

- Ehrlichkeit-Bescheidenheit (10 Items, Cronbachs α .72)

- Verträglichkeit (10 Items, Cronbachs α .65)

- Offenheit für Erfahrungen (10 Items, Cronbachs α .69)

- Kriterium der finanziellen Unabhängigkeit bei der Berufswahl (4 Items, Cronbachs α .68)

- Kriterium der persönlichen Entfaltung bei der Berufswahl (5 Items, Cronbachs α .68)

- Kriterium der Karriere bei der Berufswahl (3 Items, Cronbachs α .63)

- Kriterium des Wunschberufs/Interessen verwirklichen bei der Berufswahl (4 Items, Cronbachs α .68)

- Kriterium der Arbeitsplatzsicherheit bei der Berufswahl (2 Items, Cronbachs α .75)

- Wahrgenommene Belastung des Qualifikationsverfahrens (Einzelitem)

- Wahrgenommenes Arbeitslosigkeitsrisiko nach der Berufslehre (Einzelitem)

- Zufriedenheit mit der Berufsfachschule, dem Ausbildungsbetrieb und dem Beruf (je Einzelitems)

- Wichtigkeit der Leistungen in der Berufsfachschule und im Ausbildungsbetrieb (je Einzelitems)

- Zukünftige Bildungsaspirationen mehr als EFZ (Einzelitem)

- Misserfolgsattribution in der Berufsfachschule:

- Internal variabel (3 Items, Cronbachs α .70)

- Internal stabil (3 Items, Cronbachs α .63)

- External (3 Items, Cronbachs α .70)

- Misserfolgsattribution im Ausbildungsbetrieb:

- Internal variabel (3 Items, Cronbachs α .60)

- Internal stabil (3 Items, Cronbachs α .72)

- External (3 Items, Cronbachs α .68)

- Identifikation mit dem Beruf (mod. nach Schreiber, 2008; 9 Items, Cronbachs α.82)

- Berufliche Selbstwirksamkeitserwartung (mod. nach Neuenschwander et al., 2012; 6 Items, Cronbachs α .77)

- Allgemeine Kontrollüberzeugung (Schweizer Gesundheitsbefragung, 2002; 4 Items, Cronbachs α .82)

Indikatoren auf der Mesoebene

- Anzahl Mitarbeiter im Ausbildungsbetrieb

- Anzahl Lernende Kaufmann/-frau im Ausbildungsbetrieb

- Ausbildung in einem Ausbildungsbetriebsverbund

- Ausbildungsbetriebswechsel während der Berufslehre

- Klassenzugehörigkeit in der Berufsfachschule

mit dem erlernten Beruf, berufliche Selbstwirksamkeitserwartung und allgemeine Kontrollüberzeugungen.

Erfasste Faktoren, welche der Mesoebene zuzuordnen sind, bilden Merkmale des Ausbildungsbetriebs und der Berufsfachschule. So wurde für den Ausbildungsbetrieb die Betriebsgrösse, die Anzahl der Lernenden im Beruf Kaufmann/-frau im Betrieb, ob die Berufslehre in einem Ausbildungsbetriebsverbund absolviert wird und ob während der aktuellen Berufslehre der Ausbildungsbetrieb gewechselt wurde erhoben. Auf Seiten der Berufsfachschulen wird der Einfluss der Klassenebene mitberücksichtigt.

In Bezug zum dargestellten Rahmenmodell werden Faktoren der Mikro- und der Mesoebene auf der stukturellen Dimension und Input- und Prozessfaktoren auf der dynamischen Dimension in der Analyse berücksichtigt.

Die erreichten Abschlussnoten der Berufslernenden wurden von den Berufsfachschulen nach dem Lehrabschluss von jenen Lernenden übermittelt, die bei der Befragung ihre Einwilligung dazu gegeben haben (94.4%).

 
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