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2.2 Duale Berufsausbildung und berufliche Sozialisation

Die Berufsausbildung, die oft als strukturierter Übergang von der Schule in die Arbeitswelt betrachtet wird, wird oft unter dem Aspekt der Sozialisation in den Blick genommen, dies ist insbesondere der Fall für das duale System, das als eine Instanz der beruflichen Sozialisation analysiert wurde (Chaix, 1996; Cohen-Scali, 2000; Dubar, 1996; Heinz, Kelle, Witzel, & Zinn, 1998; Kaddouri, 2008; Masdonati, Lamamra, Gay-des-Combes, & De Puy, 2007; Veillard, 2000).

Im Sinne einer sekundären Sozialisation im beruflichen Milieu (Berger & Luckmann, 1996), aber auch im Sinne einer spezifischen Form von Sozialisation deckt der Prozess der beruflichen Sozialisation im dualen System verschiedene Komponenten ab: Eine berufliche und organisationale Sozialisation, im Beruf und bei der Arbeit; sie findet in der Konfrontation des Einzelnen mit der Arbeit statt, das heisst in einem Kollektiv, in Situationen, in Tätigkeiten und Arbeitsabläufen (Heinz, et al., 1998; Kergoat, 2003). Diese Konfrontation ist zunächst der Ort einer beruflichen Sozialisation, die auf die Vermittlung und Integration von Kenntnissen, Techniken, Handlungswissen und Wissen über Verhaltensweisen verweist, die einer beruflichen Tätigkeit eigen sind (Jellab, 2001; Quenson, 2001; Tanguy, 1991). Es geht auch um eine berufliche Sozialisation, also um eine Konfrontation mit Normen, Werten, Regeln, Richtlinien, die für eine berufliche Domäne typisch sind; diese ermöglicht nach und nach die Entwicklung eigener Praktiken (Dubar, 1996; Kergoat, 2003; Masdonati, et al., 2007; Monchatre, 2010).

Ausbildungssituationen ermöglichen ebenso eine Gewöhnung an Werte und an die Kultur des ausbildenden Unternehmens (Kergoat, 2006), wo es eher um den Bezug zu einer organisationalen Sozialisation geht (Kramer, 2010). Schliesslich findet auch eine Arbeitssozialisation statt, also eine Gewöhnung an die Arbeitswelt, das heisst an die Organisation und Teilung von Arbeit, an die Hierarchie sowie an Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen (Castel, 1995; Heinz, et al., 1998; Kergoat, 2006; Lamamra & Duc, 2012; Moreau, 2003; Nicole-Drancourt & Roulleau-Berger, 2002). Die Ausbildung kann somit mit einer Situation verglichen werden, in der eine kulturelle Anpassung an die Erwerbsarbeit stattfindet, die sich wesentlich von der schulischen Vergangenheit des Auszubildenden unterscheidet (Arbeitszeit, Urlaub, Arbeitsrhythmus) (Moreau, 2003), oder sogar eine kulturelle Anpassung an den Beschäftigungsmarkt (Duc & Lamamra, 2014; Lamamra & Duc, 2012; Moreau, 2003).

Die berufliche Sozialisation geht demnach über eine einfache Vermittlung von Kenntnissen und Handlungswissen im Zusammenhang mit einem Beruf oder einem Tätigkeitsfeld hinaus. Sie besteht auch in einer Form der Gewöhnung an die Logik der Arbeit und des Arbeitsmarktes.

Auch wenn der Eintritt in den Arbeitsmarkt heutzutage durch Unregelmässigkeiten und Komplexität im Verlauf gekennzeichnet ist (Bergman, et al., 2011), gehen wir davon aus, dass die besagte berufliche Sozialisation während diesem ersten Kontakt mit der Arbeitswirklichkeit nichtsdestoweniger stattfindet. Die Sozialisation vollzieht sich entsprechend nicht nur im Kontakt mit der Arbeit bzw. im Verlauf der Berufsausbildung, sondern in der Gesamtheit der gemachten Erfahrungen.

 
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