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1 Einleitung

Das Schweizer Berufsbildungssystem wird weithin – sowohl von Schweizer Vertretern aus Wirtschaft und Politik (Dubs, 2006) als auch von entsprechenden Vertretern vieler westlicher Länder, die sich von diesem System inspirieren lassen – anerkannt und geschätzt. Ausserdem entscheiden sich etwa zwei Drittel der Jugendlichen für diesen Weg, wobei sie nach der obligatorischen Schule das duale System bevorzugen, wo sich eine theoretische Ausbildung in der Schule und eine praktische Ausbildung im Unternehmen abwechseln (OFFT, 2012). Einer der Erfolgsfaktoren dieses Systems ist das starke Engagement der Unternehmen in der Berufsausbildung, insbesondere in der dualen Form (Schweri & Müller, 2007; Wolter, Mühlemann, & Schweri, 2006). Ein anderer Grund ist der geregelte und progressive Übergang in den Arbeitsmarkt, den es ermöglicht (Cohen-Scali, 2001; Meyer, 2005).

Dieser Vorteil wird jedoch weniger stark betont als in der Vergangenheit. Denn seit einigen Jahren erleben wir das Phänomen, dass der Übergangsprozess länger und komplexer wird (Bergman, Hupka-Brunner, Keller, Meyer, & Stalder, 2011). Die Studie TREE, die eine Kohorte von Jugendlichen ab dem Ende der Sekundarstufe I begleitet, hat es ermöglicht, die verschiedenen Etappen des Übergangsprozesses nachzuvollziehen und dieses Phänomen sichtbar zu machen (Bergman, et al., 2011; vgl. auch Hupka-Brunner et al. in diesem Band). Dieses äussert sich insbesondere durch Umorientierungen, vorzeitige Lehrvertragsauflösungen, Wartezeiten oder sogar Irrfahrten und stellt die vermeintlichen Vorteile des dualen Systems sehr stark in Frage.

Der vorliegende Beitrag untersucht die jüngsten Veränderungen ausgehend von dem besonderen Fall der vorzeitigen Lehrvertragsauflösungen und den daran anschliessenden Wegen. Zunächst ziehen wir in Betracht, dass die Analyse der Situationen, in denen Lehrverträge aufgelöst werden, also ein Blick auf einen Randbereich des Übergangsphänomens, die ablaufenden Prozesse in besonderer Weise erhellen kann. Der gewählte qualitative Zugang, der in diesem Feld noch selten ist, ermöglicht anschliessend eine Analyse des Prozesses, der zur Lehrvertragsauflösung führt, sowie der verschiedenen konstitutiven Phasen der nachfolgenden Wege, die als aufschlussreiche Elemente für die Veränderungen betrachtet werden, die im Rahmen des Übergangs eingetreten sind. Diese Elemente werden an anderer Stelle aus dem Blickwinkel der beruflichen Sozialisation untersucht (Nägele & Neuenschwander, in diesem Sammelband). Das Berufsbildungssystem

– und insbesondere das duale System – wurde häufig aus dem Blickwinkel der beruflichen Sozialisation analysiert (Chaix, 1996; Dubar, 1996; Kaddouri, 2008). Dieser Raum macht es möglich, sich mit einem Beruf, mit Handlungswissen und Wissen über Verhaltensweisen, also mit den Erwartungen der Arbeitswelt, vertraut zu machen. Wir schlagen an dieser Stelle vor, den Prozess in seiner Gesamtheit zu betrachten, d. h. Eintritt in die Berufsausbildung, Lehrvertragsauflösung, aber auch Übergangsphasen genauso wie Phasen der Sozialisation.

 
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