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1 Wahrgenommene Passung beim Übergang in die Berufsbildung

Ein wichtiges Ergebnis des Berufswahlprozesses ist, dass die Schülerinnen und Schüler einen Lehrberuf gewählt haben, den sie als zu ihren Interessen, Fähigkeiten und Neigungen passend wahrnehmen. Beim Übergang in die berufliche Grundbildung (Lehrberuf) wird diese wahrgenommene Passung mit dem Lehrberuf aufgrund neuer Erfahrungen angepasst. Die wahrgenommene Passung mit dem Lehrberuf ist folglich auch ein wichtiges Ergebnis der betrieblichen Sozialisation und ein Indikator für eine erfolgreiche Anpassung. Eine erfolgreiche Anpassung und damit eine hohe wahrgenommene Passung führen zu einer hohen Zufriedenheit mit dem Lehrberuf und dem Lehrbetrieb, einer hohen Absicht, die Lehre abzuschliessen und einer positiven Einschätzung des eigenen Lernfortschritts (Kammeyer-Mueller & Wanberg, 2003). Vermittelt über soziale Prozesse führt die wahrgenommene Passung auch zu einem hohen beruflichen Commitment und zu einem hohen betrieblichen Commitment (Nägele & Neuenschwander, 2014).

Dieses Kapitel trägt zur Diskussion der betrieblichen Sozialisation von neu in eine Organisation eintretenden Personen beim Übergang von der Schule in Arbeit und Beruf bei und gibt Hinweise zur Optimierung des Übergangs von der Schule in die berufliche Grundbildung mit Blick auf den Berufswahlprozess und die Einführung von Lernenden in den Ausbildungsbetrieben. Es wird zuerst der Frage nachgegangen, wie sich die wahrgenommene Passung mit dem Lehrberuf im 9. Schuljahr und in den ersten fünf Monaten der beruflichen Grundbildung verändert. Es wird dann die Frage gestellt, welchen Einfluss Ergebnisse des Berufswahlprozesses auf die wahrgenommene Passung im ersten Monat der beruflichen Grundbildung haben. Schliesslich wird die Frage bearbeitet, welchen Einfluss die wahrgenommene Passung mit dem Lehrberuf im fünften Monat der beruflichen Grundbildung auf die distalen Ergebnisse betrieblicher Sozialisation (die Zufriedenheit mit der Lehre und dem Ausbildungsbetrieb, die Einschätzung des Lernfortschritts und die Absicht, die Lehre abzuschliessen) hat.

1.1 Wahrgenommene Passung

Passung wird definiert als die Übereinstimmung eines Individuums mit seinem Ausbildungs- und Arbeitsumfeld, wenn Eigenschaften der Person und seiner Umwelt gut zusammenpassen (Kristof, 1996). Das Arbeitsumfeld kann die Tätigkeit, die Arbeit, den Beruf, den Betrieb, die Arbeitsgruppe oder andere Aspekte umfassen (Kristof-Brown, Zimmerman, & Johnson, 2005). Die Passung kann anhand objektiver Kriterien festgelegt sein (z.B. Qualifikationserfordernisse der Arbeit und Qualifikation der Person) oder sie kann auf einer subjektiven Wahrnehmung der Situation beruhen.

Die Frage nach der wahrgenommenen Passung wird in Zusammenhang mit der Berufswahl (Bergmann, 2007; Holland, 1959), der Personalselektion (Görlich & Schuler, 2007; Lengnick-Hall, Lengnick-Hall, Andrade, & Drake, 2009), und den betrieblichen Einführungs- und Sozialisationsprozessen diskutiert (Kammeyer-Mueller & Wanberg, 2003). Die Wichtigkeit der wahrgenommenen Passung begründet sich generell in frühen Theorien zur Berufswahl von Holland (1959), in aktuellen, konstruktivistischen Berufswahl- und Laufbahntheorien (Hirschi, 2013) und auch darin, dass ein Beruf nur dann ein positiver und sinnhafter Ausdruck der eigenen Person sein kann, wenn dieser zu den eigenen Interessen und Fähigkeiten passt.

Eine hohe Passung von Person und Beruf führt zu einer höheren beruflichen Zufriedenheit und Einschätzung des beruflichen Erfolgs, die sich auch in einem besseren Verlauf der Karriere zeigt (Hirschi, Niles, & Akos, 2011; Holland, 1959; Neuenschwander, Gerber, Frank, & Rottermann, 2012). Die Frage nach der wahrgenommenen Passung ist auch wichtig, da eine geringe wahrgenommene Passung mit der gewählten Lehre und damit dem Beruf, eher dazu führt, dass Probleme in der beruflichen Grundbildung entstehen, die zu einer sinkenden Motivation, zu Konflikten oder zu Lehrvertragsauflösungen führen (Neuenschwander & Nägele, 2014). Jugendliche mit einer hohen wahrgenommenen Passung haben ein geringeres Risiko nach Abschluss der beruflichen Grundbildung arbeitslos zu werden oder den Beruf zu wechseln (Neuenschwander et al., 2012). Personen mit einer hohen antizipierten Passung mit der zukünftigen Arbeit, dem Betrieb und Beruf fällt der Einstieg und die Anpassung in der neuen Arbeit leichter, als Personen mit einer tiefen wahrgenommenen Passung (Cable & Judge, 1996). Diese Personen verbleiben eher in einer Organisation, sind leichter zu motivieren und erbringen bessere Leistungen (Kristof, 1996; Taris, Feij, & Capel, 2006). Eine hohe wahrgenommene Passung von Person und Beruf wird als eine Voraussetzung zur Entwicklung einer hohen wahrgenommenen Passung von Person und Betrieb gesehen (Vogel & Feldman, 2009) und ist deren Entwicklung vorgelagert. Diese Aussage ist bedeutsam für die Wahl einer beruflichen Grundbildung, da im Berufswahlprozess in aller Regel zuerst der Lehrberuf gewählt wird und erst in einem nachfolgenden Schritt der Ausbildungsbetrieb.

In diesem Beitrag steht die wahrgenommene Passung der Jugendlichen im Sinne einer wahrgenommenen Ähnlichkeit mit der gewählten beruflichen Grundbildung (Lehre) und damit dem gewählten Lehrberuf im Vordergrund. Mit der wahrgenommenen Passung mit dem Lehrberuf bezeichnen wir eine subjektive, selbst eingeschätzte Übereinstimmung der eigenen Interessen und Fähigkeiten mit der gewählten, respektive realisierten Lehre. Die wahrgenommene Passung entwickelt sich aufgrund der subjektiven Wahrnehmung der Situation, individueller Vergleichsprozesse und der Interaktion der Person mit der Situation.

 
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