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1.1 Medienaneignung und soziale Ungleichheiten

Einen umfassenden Einblick in die Mediennutzungsformen von Heranwachsenden liefern seit Jahren die alljährlich erhobenen JIM-Studien des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest . Die heterogene Gruppe der Jugendlichen wird in den quantitativen Studien entlang der sozialen Kategorien Geschlecht, Altersklassen und Bildungshintergrund ausdifferenziert. Die regelmäßig erhobenen Daten geben einen allgemeinen Einblick in die sich schnell wandelnden Medienvorlieben von Jugendlichen . Es bilden sich differente Medienpraktiken ab und werfen die Frage nach den daraus resultierenden Konsequenzen wie mögliche Benachteiligungsvarianten auf . Dies kann zu einer reduzierten Lesart der Studien führen und kann eine Reproduktion sozialer Kategorien mit den dazugehörigen Zuordnungsmechanismen darstellen . Am Beispiel der Forschungsergebnisse der JIM-Studie hinsichtlich einer kritischen Haltung gegenüber Medienberichterstattungen lassen sich Differenzen entlang o .g . sozialer Kategorien aufzeigen . Auf die Frage, welchem Medium sie bei einer widersprüchlichen Berichterstattung am ehesten vertrauen, nennen 47 % der 18-19-Jährigen die Tagesszeitung, wohingegen es bei den 12-13-Jährigen nur 37 % sind und das Fernsehen von dieser Gruppe von 29 % als vertrauenswürdig eingeschätzt wird . Neben dieser Differenz lassen sich Unterschiede hinsichtlich des formalen Bildungshintergrundes erkennen . So vertrauen 29 % der Schüler_innen von Haupt- und Realschulen im Zweifelsfalle der Tageszeitung, wohingegen bei den Gymnasiast_innen es sich um eine Gruppe von 48 % handelt . Ergänzen lässt sich noch, dass das Fernsehen mit 30 % von Jugendlichen, die eine Hauptoder Realschule besuchen, eher herangezogen wird, um unklare Berichterstattungen aufzuklären (mpfs 2014) . Zusammenfassend bedeutet dies: Entlang der besuchten Schulform bilden sich Unterschiede im Kontext einer kritischen Medienaneignung ab, die sich in daraus resultierenden Benachteiligungsformen niederschlagen können . Auch Studien, welche Medienpraktiken nach Aspekten der gesellschaftlichen Teilhabe unterscheiden, verweisen auf die Differenzlinie des formalen Bildungshintergrunds . Diese Daten knüpfen insgesamt an Ergebnisse zu non-medialen Beteiligungsformen[1] im Jugendalter an (Kutscher und Otto 2014, S . 290) .

Die Bildungsteilhabe erhält eine hervorgehobene Stellung, da jugendliches Medienhandeln zunächst geprägt wird von dem Bildungshintergrund und die unterschiedlichen Nutzungsweisen auch wieder unterschiedliche ,Verwertungsprozesse' hervorbringen, was in der medienpädagogischen Debatte als digital divide bezeichnet wird . Kerngedanke des Diskurses um den digital divide ist die zweifache Relevanz von Bildung bezogen auf den Umgang mit digitalen Medien: „Sie ist zum einen Voraussetzung für die Aneignung von Fähigkeiten und Wissen im Kontext von Medien . Hier spielen institutionelle (wie Schulen) und informelle (wie Freundeskreis und Familie) Strukturen eine Rolle, die beispielsweise spezifische Formen von Reflexivität und Aneignung fördern und damit eine Mediennutzung in umfangreicherem Maße ermöglichen . Zum anderen ist Bildung Ziel und Ergebnis der Mediennutzung im Sinne einer Erweiterung […] von Handlungsoptionen und Kompetenzen, die auch Möglichkeiten im ‚wirklichen' Leben erweitern können“ (Kutscher 2012, S . 24) . Zugespitzt bedeutet dies, dass auch in pluralisierten Lebensformen der formale Bildungsgrad die Mediennutzung sowie die Formen der Medienaneignung prägt, ohne dass deterministische Erklärungsmuster herangezogen werden können . Dennoch erscheint auch bei einer umsichtigen Lesart von Mediennutzungsstudien ungleiches Medienhandeln entlang der Differenzlinie des formalen Bildungshintergrunds eine exponierte Stellung einzunehmen . Wie Iske et al . (2007) herausgestellt haben, lässt sich eine unterschiedliche Nutzung des Internets bei Jugendlichem mit höherem und bei Jugendlichem mit niedrigerem Bildungshintergrund feststellen . Diese Unterscheidung ist sowohl in den inhaltlichen Nutzungsformen als auch in den Fähigkeiten der Bewertung von Informationen aus dem Internet erkennbar; sodass zusammenfassend Mädchen und Jungen mit einer formal höheren Bildung eine höhere Recherchefähigkeit zugewiesen wird . Erkennbar ist, dass benachteiligte Lebenslagen Bedingungsfaktoren für ein ungleiches Medienhandeln sein können und eine erweiterte Form der Benachteiligung zugleich Ergebnis dieser heterogenen Mediennutzung ist .

Weiterhin lässt sich in Rückgriff auf das Konzept der Mediensozialisation die eigenaktive kreative Mediennutzung der Heranwachsenden und das Verständnis der Mediennutzung als soziales Handeln betonen . Niesyto weist zu Recht darauf hin, dass diese handlungstheoretischen Grundlagen, sowohl aus wissenschaftlicher Perspektive als auch in konkreten pädagogischen Kontexten, die Souveränität von Jugendlichen im Kontext ihres Medienhandelns überschätzen (2009, S . 2f .) . Medienpädagogische Konzepte müssen auf der einen Seite die hegemonialen Strukturen innerhalb der Medienangebote berücksichtigen und auf der anderen Seite müssen machtvolle Strukturen innerhalb der Lebenswelten – auch oder gerade weil diese durch Individualisierung und Pluralisierung gekennzeichnet sind – wahrgenommen werden .

Die Problematik eines überwiegend Differenzen zugrunde legenden Blickes auf Medienaneignung zeigt sich dann, wenn kleine Unterscheidungen in den Nutzungsgewohnheiten durch pädagogische Bedeutungszuweisungen dramatisiert und verstärkt werden . Exemplarisch kann dies an den Ergebnissen der JIM Studie 2014 zur Nutzung brutaler bzw . besonders gewalthaltiger Bildschirmspiele verdeutlicht werden . 45 % der Schülerinnen und Schüler, die eine Hauptoder Realschule besuchen, spielen brutale und besonders gewaltige Bildschirmspiele, wohingegen es sich bei den Gymnasiastinnen und Gymnasiasten um 41 % handelt . Aufgrund des formalen Bildungshintergrunds zeichnen sich demnach fast keine Differenzen ab . Dennoch wird in der öffentlichen Wahrnehmung Jugendlichen mit niedrigem formalem Bildungshintergrund eine Affinität zu gewalthaltigen Medieninhalten zugewiesen . Bezüglich der Nutzung dieser Gewaltspiele ist die Geschlechtszugehörigkeit die Unterscheidung, ‚die den Unterschied macht' (mpfs 2014) . Auch ohne Berücksichtigung weiterer Sozialisationsbedingungen entkräften die vorliegenden quantitativen Daten Stigmatisierungsprozesse gegenüber Jugendlichen mit niedrigem formalen Bildungsgrad hinsichtlich möglicher riskanter Mediennutzungen . Werden soziale Kategorien Mediennutzungspraktiken zugeordnet, so laden sie zu vorschnellen Erklärungsmustern im Sinne einer einseitigen Ursache-Wirkung-Zuweisung ein . Eine Möglichkeit zur Überwindung dessen kann mittels einer Verortung der Medienpraktiken in das Sozialisationsgefüge der Heranwachsenden erfolgen – wobei auch hier die strukturelle Einbettung des individuellen Aufwachsens berücksichtigt werden muss .

Im Folgenden soll ein weiteres Element im Spannungsfeld von jugendlichem Medienhandeln und sozialer Ungleichheit diskutiert werden: Die Frage nach den Bildungspotenzialen prägt die erziehungswissenschaftliche Debatte in starkem Maße . Hierzu wird das Konzept der Medienkompetenz aufgrund seiner noch immer exponierten Stellung innerhalb der Medienpädagogik herangezogen .

  • [1] Kritisch anzumerken sei an dieser Stelle, dass die Definition einer gesellschaftlichen Beteiligungsform aus der Perspektive der Erwachsenen mit einem hohen formalen Bildungshintergrund erfolgt .
 
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