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Medienaneignung im Jugendalter

Zwischen sozialer Ungleichheit und Anerkennung von Heterogenität

Sabine Kaiser

Das Medienhandeln von Jugendlichen ist in ihr Alltagshandeln eingebettet und stellt Optionen gesellschaftlicher Partizipation bereit . Medienpraktiken Jugendlicher erfahren aus pädagogischer Perspektive eine positive oder negative Konnotation, dabei berücksichtigen Bewertungskriterien für mediale Praktiken häufig deren Optionen zur Förderung von Medienkompetenz. Der vorliegende Beitrag möchte das Potenzial und die Risiken einer Anerkennung heterogener Medienpraktiken und die Frage nach der Reproduktion von Stereotypen durch das Konzept der Medienkompetenz diskutieren . Ausgangspunkt des Beitrags sind die jugendlichen Lebenswelten, gerahmt von einer allgemeinpädagogischen Debatte zu Vielfalt und Heterogenität und ihrer Anerkennung .

Jugendliches Medienhandeln ist gekennzeichnet durch eine hohe Vielfalt an Erscheinungsformen . Der folgende Beitrag greift diese Praktiken vor dem Hintergrund daraus resultierender Ungleichheiten auf . Anregungen liefern dabei allgemeinpädagogische Diskurse zu Heterogenität und Differenz .

1 Jugendliche Lebenswelten sind Medienwelten

Bereits vor der Jahrtausendwende konstatierten Baacke et al . (1990), dass jugendliche Lebenswelten Medienwelten seien . Durch die zunehmende Verbreitung des Internets und die technische Entwicklung zu einer zunehmend mobilen Mediennutzung hat diese These an Bedeutsamkeit gewonnen . [1] Die Verschmelzung von einzelnen Medien, verdeutlicht durch den Begriff der Medienkonvergenz, drückt auf technischer Ebene die Unmöglichkeit aus, Medienformate wie z . B . Serien einem technischen Gerät zuzuordnen, da die multimedialen Funktionen von Geräten wie dem PC, Tablet oder Smartphone den Zugriff auf unterschiedliche Medienformate sowie Praktiken diverser medialer Kommunikationsformen ermöglichen . Auch auf der inhaltlichen Ebene entstehen durch die technischen Entwicklungen innovative Angebote, wie am Beispiel digitaler Spiele sehr gut verdeutlicht werden kann: Soziale Netzwerke integrieren Online-Spiele in ihr Angebot, Heranwachsende produzieren Video-Tutorials zu digitalen Spielen oder bloggen über ihre Spielerfahrungen (Fleischer und Kroker 2015, S . 128) .

Krotz hat mit dem Begriff der Mediatisierung des Alltags (2001) bereits vor über einem Jahrzehnt ein medienwissenschaftliches Konzept eingebracht, welches die exponierte Stellung von Medien im Kontext von alltäglicher Kommunikation hervorhebt und zugleich die daraus resultierenden Wandlungsprozesse innerhalb der Kulturen und Lebenswelten von Menschen aufgreift . Die gesellschaftlichen und technischen Dynamiken haben auch innerhalb der Sozialisationsforschung zu einem Perspektivenwechsel geführt: Medien sind nicht mehr als eigenständige Sozialisationsinstanz zu fassen, sondern stellen ein zum Teil dominantes Element in den traditionellen Sozialisationsinstanzen wie Schule, Familie und Peer-group dar (Vollbrecht und Wegener, S . 9) . Eine Potenzierung dieser Veränderung lässt sich durch die rasante Verbreitung portabler Endgeräte erkennen . Nach der möglichen Überwindung von Zeit und Raum durch das World Wide Web lässt der allzeit verfügbare Online-Zugang über mobile Endgeräte eine konsequente Zeit-Raum-Entgrenzung zu . Nachdem das Handy in den 1990er Jahren mit den Funktionen der Telefonie und Textnachrichten jugendliche Kommunikationsstrukturen erweitert und verändert hat (Schulz 2012), ermöglicht das Smartphone die mediale Konvergenz im Taschenformat, mit der Folge, dass die Heranwachsenden die zentralen Elemente ihrer Lebenswelt – denn Lebenswelten sind Medienwelten – immer bei sich tragen und allzeit in ihr Handeln integrieren .

Diese einleitende Skizze weist bereits unterschiedliche Fachtermini für das Medienhandeln aus: in Abgrenzung zu dem Begriff der Mediennutzung verweisen die Konzepte Medienhandeln, Medienpraktiken oder gar Medienrituale auf die starke Einbindung in den Alltag . Im folgenden Beitrag soll insbesondere der Terminus der Medienaneignung verwendet werden, da er die Verinnerlichung von Handlungen in medienbezogenen Kontexten, Alltäglichkeit und subjektive Selbstverständlichkeit hervorhebt (Kaiser 2007, S . 8) Angeregt durch die deutschsprachige Rezeption der cultural studies aus dem englischsprachigen Raum lässt sich im Kontext der Medienpädagogik eine stärkere Hinwendung zu diesem Terminus feststellen . In diesem theoretischen Rahmen verweist Medienaneignung aufgrund der Unterteilung in verschiedene Lesarten medialer Texte auf deren Einbettung in den sozialen Alltag und die subjektiven Deutungsmuster sowie auf hegemoniale Strukturen, welche in Medienangeboten enthalten sind (Hepp 2010) .

  • [1] Unter dem Begriff der Medien werden alle Medienformate und Medienpraktiken gefasst, deren Rezeption und Produktion mittels eines elektronischen Mediengeräts erfolgen .
 
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