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2 England, August 2011: London's burning

Im Sommer 2011 erschießt eine Spezialeinheit der Polizei einen jungen Schwarzen . Der 22-jährige Mark Duggan stirbt am 4 . August durch eine Polizeikugel, die angeblich aus Notwehr abgefeuert wurde . Freunde und Verwandte glauben der offiziellen Version des Tathergangs nicht und organisieren eine Demonstration vor der örtlichen Polizeistation des Nord-Londoner Stadtteils Tottenham . Ungefähr 200 Teilnehmer/innen fordern Aufklärung und Gespräche mit der Polizeileitung . Als die Behörde die Forderung ignoriert und zudem das Gerücht kursiert, Polizisten hätten einen Jugendlichen angegriffen, schlägt der zunächst friedliche Protest in gewaltsame Ausschreitungen um . Polizisten werden mit Wurfgeschossen angegriffen, Autos in Brand gesetzt und zahlreiche Geschäfte in Tottenham geplündert . In der zweiten Nacht der Aufstände greifen die Riots auf andere Londoner Stadtteile über . In Brixton werden fast alle größeren Geschäfte geplündert, später kommt es zu massiven Auseinandersetzungen mit der Polizei . Betroffen sind bekannte Ketten wie McDonalds, H&M, Topshop, T-Mobile, Foot Locker und Currys . Am dritten Tag gibt es auch in anderen englischen Städten riot-artige Unruhen, darunter Birmingham, Bristol und Liverpool . In Birmingham wird eine Polizeiwache mit Molotowcocktails angegriffen, in Bristol und Liverpool liefern sich Jugendliche Straßenschlachten mit der Polizei . Allein in London sind mehr als 20 Bezirke von Krawall, Plünderungen und Brandstiftungen betroffen . Im Stadtteil Ealing wird ein Mann so schwer verletzt, dass er einige Tage später an seinen Verletzungen stirbt . Am vierten Tag bleibt es in London – wohl vor allem aufgrund massiver Polizeipräsenz – weitgehend ruhig, in anderen Städten wie Nottingham oder West Bromwich gibt es weiterhin Ausschreitungen . In Birmingham werden drei Männer, die Geschäfte vor Plünderung und Brandschatzung schützen wollen, von einem Auto angefahren und versterben . Schätzungen gehen davon aus, dass sich etwa 15 .000 Menschen an den Massenausschreitungen beteiligt haben . Zu der Bilanz zählen 4 .000 Verhaftungen, 5 .175 dokumentierte Straftaten und etwa 2 .000 gerichtliche Schnellverfahren, in denen die jungen Randalierer zu überdurchschnittlich harten Strafen verurteilt werden (Altenried 2012; Liebig 2012) . Die Ausschreitungen gelten als "the worst bout of civil unrest in a generation" (The Guardian und LSE 2011) .

Nach den Riots wurde diskutiert, ob die Unruhen einen politischen Charakter hatten . Schließlich stellten die jugendlichen Randalierer keine expliziten Forderungen . Mit konventionellen Sozialprotesten wie den Massendemonstrationen von Studierenden gegen die Erhöhung von Studiengebühren im Herbst zuvor, haben die Ausschreitungen auf den ersten Blick kaum Gemeinsamkeiten . Für Premier Cameron waren die Aufständischen nichts anderes als Verbrecher, denen er die volle Härte des Gesetzes androhte, die viele Beteiligte wenig später auch spüren sollten . Doch die Umdeutung der Proteste als Akt der Barbarei ohne jede politische Bedeutung und die damit einhergehende Law-and-Order-Rhetorik verkennt den expressiven Charakter des Ereignisses, der auf tiefer liegende soziostrukturelle Ursachen verweist . Sie versperrt die Sicht auf die rasende Wut und die Unzufriedenheit, die viele Jugendliche und junge Erwachsene aus den unteren Positionen des sozialen Raums offenbar dazu bewegt haben, sich an den Riots zu beteiligen . Die Rede von Horden verwahrloster Heranwachsender aus der Unterschicht – der Londoner Bürgermeister Boris Johnson sprach in diesem Zusammenhang von einem "Unterschichtenmob" – aktualisiert die Figur des asozialen, arbeitsscheuen und kriminellen "chavs", die schon vor den Ausschreitungen im öffentlichen Diskurs Großbritanniens erfolgreich verankert werden konnte (Jones 2012) . In der Diskussion über die Ursachen und Gründe des Protestes konnten die offiziellen Deutungsmuster der Eliten daher problemlos an die weit verbreiteten negativen Etikettierungen von Angehörigen unterer Klassen anknüpfen, sodass sie bei der Durchsetzung ihrer Sichtweise auf wenig Widerspruch gestoßen sind . Der hegemoniale Diskurs, der Riots auf zerrüttete Familienverhältnisse, fehlende Wertvorstellungen oder eine amoralische Unterschichtenkultur zurückführt, ist nicht nur Ausdruck eines überheblichen Klassendünkels, sondern beruht auch auf der Kriminalisierung und Kulturalisierung von Armut (Hafeneger 2012, S . 301) . Der öffentliche Diskurs verschleiert die sozialen Exklusionsprozesse, die alltäglichen Diskriminierungen und rassistischen Schikanen, die viele Jugendliche über sich ergehen lassen mussten und müssen, und die eine Wut erzeugt haben, die sich Anfang August 2011 eruptionsartig entladen hat . Darauf, dass sich in den marginalisierten Bezirken Londons eine brisante Atmosphäre zusammenbraut, haben Straßensozialarbeiter schon vor den Ausschreitungen hingewiesen (Nachtwey 2011, S . 13) . Die Tötung von Marc Duggan durch Polizeikräfte war der sprichwörtliche Funken, der eine Explosion der Gewalt ausgelöst hat . Die Signalwirkung, die dieses Ereignis für die Jugendlichen hatte, lässt sich vor dem Hintergrund der regelmäßigen verdachtsunabhängigen Polizeikontrollen verstehen, die von vielen jungen Menschen als Demütigung und Provokation erlebt werden . Für die Jugendlichen verkörpert die Polizei wie kaum eine andere Institution die Ungerechtigkeit des Staates . In der "Reading the Riots Studie" (The Guardian und LSE 2011) wurden 270 junge Protestler nach ihren Motiven und Handlungsorientierungen befragt . Die Untersuchung ergab, dass eine weitverbreitete Wut auf die Polizei ein signifikanter Faktor für die Teilnahme an den Ausschreitungen war. Die Befragten fühlten sich durch das aggressive Auftreten der Polizei schikaniert und forderten einen respektvollen Umgang, der das rechtsstaatliche Versprechen von Gleichbehandlung auch tatsächlich einlöst . Aus der Sicht von 85 % der Interviewten war "policing" ein wichtiger oder ein sehr wichtiger Grund der Riots . 73 % gaben an, in den letzten 12 Monaten von der Polizei angehalten und durchsucht worden zu sein (ebd., S. 18ff.). Farbige waren besonders häufig von den verdachtsunabhängigen stop and search-Aktionen der Polizei betroffen (Liebig 2012, S . 10) . Sie wurden 26-mal häufiger von der Polizei kontrolliert als Weiße (Nachtwey 2011, S. 15). Zwischen 1998 bis 2010 starben zudem 333 Menschen in Gewahrsam der britischen Polizei, ohne dass ein/e Polizist/in verurteilt wurde (Altenried 2012, S . 8) . Für einige Rioter waren die Ausschreitungen daher eine gute Gelegenheit, sich an der Polizei zu rächen (The Guardian und LSE 2011, S . 19) .

Die soziale Herkunft verurteilter Jugendlicher verweist auf die Bedeutung von Unsicherheit und Ungleichheit als Erklärung der Ausschreitungen . Im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern ist das Risiko sozialer Desintegration in Großbritannien besonders hoch (Böhnke 2007, S . 241) und die Aufstiegschancen haben sich in den letzten Jahren deutlich verschlechtert (Judt 2014, S . 22) . 60 % der Jugendlichen, die an den Ausschreitungen teilgenommen haben, kamen aus den am stärksten deprivierten Regionen Großbritanniens . Bei vielen Befragten verdichten sich Arbeitslosigkeit oder unsichere Beschäftigungsverhältnisse, Hoffnungslosigkeit und staatliche Kürzungen zu dem Gefühl, von sozialer Teilhabe ausgeschlossen zu sein . Nur etwa die Hälfte der in der "Reading the Riots-Studie" befragten Jugendlichen fühlt sich als Teil der britischen Gesellschaft im Vergleich zu 92 % der Gesamtbevölkerung . Knapp 60 % der Interviewten, die zum Zeitpunkt der Befragung keine Bildungseinrichtung (Schule, Universität etc .) besucht haben, waren arbeitslos (The Guardian und LSE 2011) . Auch wenn die Daten nicht repräsentativ sind, weisen sie darauf hin, dass viele Rioter von Arbeitslosigkeit betroffen waren . Auf der Insel lag die Jugendarbeitslosenquote im Jahr 2012 bei insgesamt 21,0 % (Eurostat 2013) .

Großbritannien ist durch hohe Ausgaben für kommerzielle Werbung charakterisiert, die als wichtiger Indikator für die Ökonomisierung der Gesellschaft gilt (Thome und Birkel 2007, S . 308) . Wenn Jugendliche sich für Markenprodukte interessieren, ihr Geld ausgeben und shoppen gehen, dann bewegen sie sich in den Bahnen des gesellschaftlich erwünschten Verhaltens . Für einige Jugendliche, die ihre Konsumbedürfnisse jedoch nicht auf legalem Wege verwirklichen können, waren die Riots eine Möglichkeit, sich mit illegalen Mitteln prestigeträchtige Konsumgüter anzueignen . "It would have been like a normal shopping day … but with no staff in the shop", wird ein 18-jähriges Mädchen aus Lambeth zitiert (The Guardian und LSE 2011, S . 28) . Während der Riots wurden beispielsweise 30 Filialen der bei Jugendlichen beliebten Kleidungskette JD ausgeraubt . JD verkauft globale Markenware wie Adidas und Nike und hat eine ausgeklügelte Marketingstrategie entwickelt, die auf urbane und jugendkulturell orientierte junge Menschen als Konsumentengruppe abzielt (Altenried 2012, S . 35) .

Die internationale Finanzkrise hat die britische Wirtschaft hart getroffen und die schwerste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst (Esterházy 2010, S. 42). Im Jahr 2009 fiel das Bruttoinlandsprodukt um 4,9 % (Schmeißer et al. 2012, S . 166) . Die hohe Bedeutung der Banken-, Versicherungs- und Immobilienbranchen erhöht die Vulnerabilität der britischen Volkswirtschaft gegenüber den Blasen und Krisen des Finanzmarktkapitalismus . Großbritannien ist viel mehr als Deutschland eine Dienstleistungsgesellschaft, deren industrielles Rückgrat in den letzten Jahrzehnten immer mehr weggebrochen ist – und damit viele an fordistische Lohnarbeit gekoppelte Normalarbeitsverhältnisse . Auf der Insel gibt es kaum größere mittelständische Unternehmen, die auf dem Weltmarkt bestehen könnten . Das produzierende Gewerbe trägt nur noch 12,4 % zum Bruttoinlandsprodukt bei, 77 % der Erwerbstätigen arbeiten im Dienstleistungssektor (Esterházy 2010, S . 43f .) . Hier entstehen am unteren Ende des Beschäftigungssektors prekäre und unsichere Arbeitsverhältnisse, die für viele Menschen aus den marginalisierten Territorien häufig die einzige Möglichkeit sind, überhaupt einer Erwerbsarbeit nachzugehen . Ein besonders drastisches Beispiel für die Unsicherheit der britischen Arbeitsgesellschaft sind die sogenannte "zero hour contracts" (Null-Stunden-Arbeitsverträge), ein neues und gleichzeitig historisch wiederkehrendes Phänomen von Tagelöhner-Jobs ohne garantierte Mindeststundenzahl und festes Einkommen, deren Anzahl auf 1,4 Millionen geschätzt wird und die vor allem im Tourismus, in der Gastronomie und der Lebensmittelwirtschaft weit verbreitet sind (Theurer 2014) . Parallel dazu hat der Aufstieg des Finanzsektors viele berufliche Spitzenpositionen geschaffen. Abgesehen von den USA ist seit 1973 die Ungleichheit der Einkommensverteilung nirgendwo in der westlichen Welt stärker angestiegen als in Großbritannien . Die meisten der zwischen 1977 und 2007 neu entstandenen Arbeitsplätze sind entweder am oberen oder am unteren Ende der Einkommensskala zu verorten (Judt 2014, S . 22) .

Die durch die Bankrettung ausgelöste Haushaltskrise infolge der Finanzkrise hat zu drakonischen Sparmaßnahmen der Regierung geführt, sodass die Bürgerinnen und Bürger, vor allem aber die Angehörigen sozial benachteiligter Milieus, die Zeche für die Maßlosigkeit und Leichtsinnigkeit der Banken zahlen mussten . Finanzinstitute wurden mit Steuermitteln in Höhe von knapp einer Billion Euro vor dem Ruin gerettet . Die Folge war, dass die Staatsverschuldung von 47 auf 82 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegen ist und das Haushaltsdefizit auf 11 Prozent des BIP kletterte (Esterházy 2010, S . 40) . Unter dem Premierminister David Cameron hat das Parlament mit 94 Milliarden Euro das größte Kürzungsprogramm der britischen Geschichte verabschiedet . Die Maßnahmen umfassen u . a . Stellenabbau im öffentlichen Dienst, die Streichung von Wohlfahrtsleistungen, die Reduktion von Fördermaßnahmen für Jugendliche, die Abschaffung der Ausbildungsförderung für Kinder aus sozial schwachen Familien und die Verdreifachung der Studiengebühren (Nachtwey 2011, S . 16) . Diese staatliche Rosskur, aber auch die flächendeckende Schließung von Jugendzentren und der Abbau von Sozialarbeiterstellen (ebd .) tragen zur weiteren Erosion der Infrastruktur des Sozialstaates bei, der bereits unter Thatcher und New Labour erheblich geschwächt wurde (ebd . 2009) . Gleichzeitig ist die gegenwärtige britische Gesellschaft aber durch einen historisch beispiellosen privaten Reichtum geprägt (Judt 2014, S . 19), der häufig demonstrativ zur Schau gestellt wird. Luxusautos, Schmuck, luxussanierte Eigentumswohnungen und Häuser, Markenkleidung und Edelrestaurants erfreuen sich einer hohen Nachfrage . Diese massive und ins Auge springende Ungleichheit "zersetzt eine Gesellschaft von innen heraus" (ebd ., S . 27) . Vor diesem Hintergrund können die englischen Riots im Sommer 2011 als Folge und Begleiterscheinung eines sozialen Spaltungsprozesses verstanden werden, der die britische Gesellschaft auf breiter Front durchzieht .

 
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