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12.2.2 Stichprobenziehung

Im vierten Kapitel haben wir dargestellt, dass die Zufallsstichprobe im Normalfall die einfachste und zuverlässigste Methode ist, um eine Stichprobe zu erhalten, die ein verkleinertes Abbild der Grundgesamtheit darstellt. Leider ist die Ziehung einer solchen Stichprobe bei den meisten Beobachtungsstudien schwierig. Mit diesem Problem sehen sich vor allem Beobachtungen konfrontiert, die im Feld stattfinden. Natürlich kann man dort z. B. jeden n-ten Passanten beobachten. Die Problematik liegt in der unterschiedlichen Wahrscheinlichkeit, mit der die Elemente der Grundgesamtheit in das Beobachtungsfeld kommen und somit zu Beobachtungsobjekten werden. Diese unterschiedliche Wahrscheinlichkeit resultiert ganz einfach aus der unterschiedlichen Mobilität von Menschen.

Oft wird daher eine quotierte Auswahl oder die Auswahl von typischen Fällen eingesetzt (beides Formen der bewussten Auswahl). Handelt es sich um Daten aus einer automatisierten Beobachtung (z. B. telemetrische Daten zur Fernsehnutzung), wird man dagegen wie bei einer Inhaltsanalyse vorgehen und z. B. eine künstliche Woche bilden. Sind Beobachtungsobjekt und Beobachtungsfall nicht identisch, werden entweder alle Fälle zu einem Objekt beobachtet oder es ist ein weiteres Auswahlverfahren notwendig.

12.2.3 Beobachtungsinstrument

Die Entscheidung über die Art der Protokollierung ist wie dargestellt nur eine (wenn auch eine sehr wichtige) Entscheidung innerhalb der Konzeption einer Beobachtung. An einem Beispiel soll verdeutlicht werden, wie ein unstrukturiertes und ein strukturiertes Protokoll aussehen könnten. Der Untersuchungsgegenstand ist die Funktion von Massenmedien in der interpersonalen Kommunikation [1]. Dazu sollen Gespräche an unterschiedlichen Orten wie Gaststätten, Universitäten, Wohnungen etc. beobachtet werden. Die Beobachtung wird als verdeckte, teilnehmende Beobachtung durchgeführt. Das Beobachtungsfeld ist über vorgegebene Orte und Zeitpunkte definiert. Beobachtungsobjekte sind Personen, die an Gesprächen teilnehmen. Der Beobachtungsfall sind die Äußerungen des einzelnen Gesprächsteilnehmers zu einem Thema. Zu einem Beobachtungsobjekt können somit mehrere Fälle protokolliert werden, wenn das Gesprächsthema wechselt.

Im ersten Fall soll ein unstrukturiertes Beobachtungsprotokoll zum Einsatz kommen. Die Beobachter erhalten zur Orientierung eine Liste mit Merkmalen, die sie notieren sollen. Festgehalten werden sollen der Ort des Gesprächs, die Dauer, die Anzahl der Beteiligten und das Thema bzw. mehrere Themen. Ansonsten sind die Beobachter in ihrem Vorgehen relativ frei. Sie sollen alles notieren, was in den Gesprächen im Zusammenhang mit Aussagen über Medieninhalte und Massenmedien steht. Mit diesem Vorgehen erhält man eine große Menge an Informationen über die Art und Weise, wie sich Menschen in Gesprächen auf Medien beziehen.

Bevor aber die Ergebnisdarstellung beginnen kann, müssen die Inhalte der Beobachtungsprotokolle systematisiert werden. Dies erfolgt schrittweise: 1) Zunächst werden die relevanten Passagen aus den Protokollen ausgewählt – in unserem Fall also diejenigen, die Angaben zur Funktion der Medieninhalte in den Gesprächen enthalten. 2) Diese werden sortiert und anhand von Gemeinsamkeiten zu Gruppen zusammengefasst. 3) Im letzten Schritt wird unter Rückbeziehung auf die Theorie versucht, zu erklären, wie und warum diese Gruppen zustande kamen. In unserem Fall liefert diese Systematisierung mehrere Erkenntnisse. Es zeigt sich unter anderem, dass häufig solche Gesprächsteilnehmer Medieninhalte zur Unterstützung der eigenen Position anführen, die eine dominante Rolle in der Gesprächsführung einnehmen.

Im zweiten Fall soll nun ein standardisiertes Beobachtungsprotokoll zum Einsatz kommen. Für dessen Konstruktion müssen die eben dargestellten Aufgaben bereits

Abb. 12.2 Ausschnitt aus einem Beobachtungsbogen

vor der eigentlichen Erhebung erledigt werden. Deshalb können solche Protokolle nur bei genügend großem Vorwissen eingesetzt werden. Man wird also theoriegeleitet oder auf der Grundlage einer Voruntersuchung mit einer kleinen Fallzahl ein Beobachtungsschema mit Kategorien entwickeln. Das Beobachtungsschema ist mit dem Kategoriensystem, der Beobachtungsbogen mit dem Codebogen bei der Inhaltsanalyse vergleichbar. An die Kategorien und Kategoriensysteme sind identische inhaltliche und formale Anforderungen zu stellen wie bei der Inhaltsanalyse. Sie müssen trennscharf und vollständig sein.

Wir entscheiden uns unter anderem für die Kategorien „Funktion der Medieninhalte“ und „Rolle des Gesprächsteilnehmers“. In einem strukturierten Beobachtungsprotokoll kommen häufig Skalen zum Einsatz (vgl. zu den unterschiedlichen Skalierungsverfahren Kap. 3). Die Ausprägungen der Kategorie Funktion entsprechen einer Nominalskala, die Rolle des Gesprächsteilnehmers wird anhand einer metrischen Skala mit den Eckpunkten „passiv/zurückhaltend“ und „aktiv/dominierend“ erfasst. Die Beobachter werden angewiesen, die Erfassung anhand des Anteils der Redebeiträge vorzunehmen.

Abbildung 12.2 zeigt einen Ausschnitt aus dem strukturierten Beobachtungsbogen. Mit diesem Beobachtungsbogen werden die Beobachter ins Feld geschickt. Im Gegensatz zur unstrukturierten Protokollierung wird man nun eine größere Fallzahl an Beobachtungen anstreben. Evtl. wird man für die Auswahl der Beobachtungsobjekte Quoten wie Alter, Geschlecht, Anzahl der Gesprächsteilnehmer oder Ort der Beobachtung vorgeben. Auf diese Weise kann später analysiert werden, ob den Massenmedien beispielsweise in einem Gespräch von zwei Personen andere Funktionen zukommen als in einer größeren Gruppe.

  • [1] Kepplinger und Martin (1986) führten eine solche Studie durch. Die folgende Darstellung erfolgt in Anlehnung an die Untersuchung, ohne dabei die Studie in ihren Einzelheiten wiederzugeben
 
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