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Beobachtung I: Grundlagen

11.1 Grundzüge

In Kap. 7 hatten wir bereits im Zusammenhang mit der Befragung auf das Problem hingewiesen, dass Menschen die eine Sache sagen und eine andere tun. Selbstauskünfte und Verhalten sind somit nicht unbedingt identisch. In vielen Fällen wäre das tatsächliche Verhalten aber der bessere (validere) Indikator für ein kommunikationswissenschaftlich relevantes Phänomen. Wenn wir beispielsweise Mediennutzer befragen, ob sie ein neues Medienangebot für einen bestimmten Euro-Betrag abonnieren würden, dann wird die Zahl derjenigen, die mit „Ja“ antworten größer sein als die Anzahl derer, die das Angebot dann tatsächlich wahrnehmen und Geld bezahlen. Das Abonnieren ist hier das Verhalten, das Befragungsergebnis die Selbstauskunft. Dass solche Unterschiede, etwa für Unternehmen, von großer Bedeutung sein können, wird aus diesem Beispiel deutlich. In diesem Fall wird jemand, der sich auf die Ergebnisse der Befragung (Selbstauskünfte) verlässt, möglicherweise die falschen Schlussfolgerungen ziehen und damit die falschen Entscheidungen treffen.

Verhalten erfassen wir mit der Methode der Beobachtung. Volker Gehrau, der das für die Kommunikationswissenschaft einschlägige Lehrbuch zu dieser Methode verfasst hat und an dem wir uns im Wesentlichen orientieren, definiert, nachdem er mehrere Definitionen anderer Autoren herangezogen hat, Beobachtung im Sinne einer Arbeitsdefinition wie folgt:

„Die wissenschaftliche Beobachtung ist die systematische Erfassung und Protokollierung von sinnlich oder apparativ wahrnehmbaren Aspekten menschlicher Handlungen und Reaktionen, solange sie weder sprachlich vermittelt sind noch auf Dokumenten basieren. Sie dient einem wissenschaftlichen Ziel, dokumentiert ihr Vorgehen und legt alle relevanten Aspekte offen.“ (Gehrau 2002, S. 25 f.)

Damit wird zunächst die wissenschaftliche von der Alltagsbeobachtung abgegrenzt. So wie wir auch im Alltag Fragen stellen, so beobachten wir auch im Alltag das Verhalten unserer Mitmenschen und richten unser eigenes Verhalten danach. Die wissenschaftliche Beobachtung basiert auf der „systematischen Erfassung und Protokollierung“ von Verhalten, so wie es generell von einer Methodik auch verlangt wird. Der zweite Aspekt der Definition bezieht sich auf die Art der Phänomene, die am Verhalten beobachtbar sind. Diese müssen „sinnlich oder apparativ“ wahrnehmbar sein. Mit dem ersten ist dabei gemeint, dass Personen als Beobachter dienen, die bestimmte Aspekte des Verhaltens meist mit den Augen wahrnehmen und protokollieren. Mit dem zweiten ist gemeint, dass das Verhalten durch Messgeräte aufgezeichnet wird. Dies spielt in der Kommunikationswissenschaft eine große Rolle. In der Mediennutzungsforschung wird beispielsweise über speziell in den Fernseher eingebaute Geräte aufgezeichnet, wann und auf welchem Programm der Fernseher eingeschaltet ist. Damit wird das Nutzungsverhalten eines Haushalts erfasst, ohne dass ein menschlicher Beobachter anwesend ist. Als Beobachtung gilt nach dieser Definition auch die Erfassung physiologischer Messdaten, beispielsweise der Herzfrequenz oder des Hautwiderstands. Gleichzeitig schließt Gehrau solche Verhaltensäußerungen aus, die sprachlich vermittelt sind oder auf Dokumenten basieren. Dies ist deshalb notwendig, damit wir die Inhaltsanalyse und Befragung als eigenständige Methoden von der Beobachtung abgrenzen können. Die Beobachtung sprachlichen Verhaltens wäre letztlich nichts anderes als eine Befragung, bei der wir sprachliches Verhalten gezielt hervorrufen. Insgesamt zeigt die Definition, wie schwer es ist, die Beobachtung als Methode einzugrenzen und von den beiden bereits beschriebenen abzugrenzen. Wir vertreten hier eine leicht andere Meinung als Gehrau:

1. Menschliches Verhalten unterteilt man bezüglich der kommunikativen Funktion häufig in verbales, paraverbales und nonverbales Verhalten. Verbales Verhalten umfasst dabei die sprachlichen Äußerungen von Menschen. Diese kann man natürlich sehr wohl beobachten, beispielsweise kann man erfassen, wie viele aggressive Bemerkungen oder Worte ein Mensch in einer bestimmten Situation, z. B. beim Besuch eines Fußballspiels, äußert. Wenn derselbe Mensch seine Aggressivität aufgrund einer Frage des Interviewers einschätzt, handelt es sich um eine Befragung und keine Beobachtung. Paraverbales Verhalten bezieht sich auf die Art und Weise, mit der Sprache vorgetragen wird, also auf Lautstärke, Stimmhöhe oder Sprachfluss. Dies ist in gleicher Weise der Beobachtung zugänglich. Nonverbales Verhalten bezieht sich auf Gestik, Mimik etc. Dies kann parallel zu verbalem Verhalten untersucht werden, aber natürlich auch unabhängig davon. Wir glauben also, dass man auch sprachlich vermitteltes Verhalten als Phänomen der Beobachtung zugänglich machen muss, und zwar immer dann, wenn das verbale Verhalten keine Reaktion auf Fragen eines Interviewers darstellt, sondern in einer sozialen Situation von sich aus geäußert wird.

2. Die Einschränkung, dass Beobachtung nicht auf in Dokumenten aufgezeichnetem Verhalten beruhen kann, ist zumindest zu präzisieren. Eindeutig der Inhaltsanalyse zuzuordnen sind wohl die textlichen Teile von Medieninhalten. Wenn im Fernsehen das Verhalten von Personen gezeigt wird, ist dies wohl auch eher der Inhaltsanalyse zuzuordnen. Schließlich geht es um die Analyse der Inhalte. Wenn aber Menschen in ihrem Alltagsleben gefilmt werden und dieses Material untersucht werden soll, müssen wir eher von Beobachtung sprechen. Der Unterschied kann ja nicht allein darin liegen, ob wir „live“ etwas beobachten. So wäre das Verhalten von Menschen vor dem Fernseher, auch wenn es von einer Filmkamera aufgezeichnet wird, der Beobachtung zugänglich. Wir schränken damit Beobachtung auf das (mehr oder weniger) authentische Verhalten von Menschen in ihren jeweiligen sozialen Situationen ein und weisen alle Formen von medial inszeniertem Verhalten der Methode der Inhaltsanalyse zu. Dass dann Inhaltsanalyse und Beobachtung zum Teil ähnliche Analyseinstrumente verwenden, werden wir weiter unten noch erläutern.

3. In der weitesten Definition umfasst der Begriff des Verhaltens sowohl das sichtbare (meist willkürliche und bewusste) Verhalten („overt behavior“) als auch das autonome, meist nicht sichtbare und nicht bewusste Verhalten („covert behavior“). Ein Großteil des autonomen Verhaltens (z. B. der Hautwiderstand) lässt sich über physiologische Messungen erfassen, die aber auch dazu dienen können, sichtbares Verhalten zu erfassen (z. B. die Muskelaktivität beim Fernsehen). Die breite Definition von Verhalten scheint uns aus praktischen Überlegungen wenig zweckreich zu sein, zumal physiologische Messergebnisse meist schwer zu interpretieren sind und in der Regel nicht in der natürlichen Umgebung von Personen erhoben werden. Daher würden wir die Beobachtung als Methode auf das sichtbare Verhalten von Personen beschränken. Wir kämen dann zu folgender Definition, die neben Gehrau auch auf Friedrichs (1990, S. 269) und Atteslander (2010) rekurriert:

Die wissenschaftliche Beobachtung ist die selektive und systematische Erfassung und Protokollierung von sinnlich wahrnehmbaren Aspekten prinzipiell sichtbaren menschlichen Verhaltens. Die Erfassung beruht auf einem hierfür konzipierten Erhebungsinstrument und kann durch menschliche Beobachter oder apparative Vorrichtungen erfolgen. Sie beruht auf einer wissenschaftlichen Fragestellung und ist in ihrem Vorgehen intersubjektiv nachprüfbar und wiederholbar, indem alle relevanten Aspekte offengelegt werden.

Auch diese Definition ist sicherlich angreifbar, ist doch auch sie mit dem Problem konfrontiert, dass die Beobachtung eine äußerst umfassende und vielseitige Methode der Datenerhebung darstellt. Eine vollständig trennscharfe Aufteilung in die Bereiche Befragung, Inhaltsanalyse und Beobachtung ist schon deshalb schwer, weil Medieninhalte eben auch menschliches Verhalten zeigen, das letztlich durch die Medienschaffenden schon einmal beobachtet und verändert wurde.

 
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