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8.5 Die Vorteile der Inhaltsanalyse gegenüber anderen Methoden

8.5.1 Darstellung vergangener Kommunikationsprozesse

Die erste Stärke der Inhaltsanalyse gegenüber Befragung oder experimentellem Design ist die Tatsache, dass man Aussagen über Medieninhalte und Kommunikationsprozesse der Vergangenheit machen kann. Der Forscher ist unabhängig von der physischen Anwesenheit und dem Erinnerungsvermögen von Personen; Tote kann man nicht befragen oder sie als Versuchspersonen in einem Labor einsetzen. Und auch wer Menschen nach ihrem Verhalten oder ihren Einstellungen von vor 20 Jahren fragt, sollte keine allzu validen Antworten erwarten. Vergangene Kommunikationsprozesse sind dagegen für sich schon sehr erhellend und gewinnen noch an Aussagekraft, wenn sie als vergleichendes Material zur Analyse von gegenwärtigen Kommunikationsprozessen hinzugezogen werden.

Ein Beispiel: Man will die gegenwärtige Berichterstattung über Kernenergie, vielleicht auch eine mögliche Veränderung durch die Katastrophe in Fukushima untersuchen. Gleichzeitig interessiert man sich für die öffentliche Meinung zu dem Thema. In beiden Fällen kann die Analyse der vergangenen Berichterstattung zur Einordnung der Ergebnisse dienen. Die Ergebnisse der Analyse der gegenwärtigen Berichterstattung können vor dem Hintergrund der Berichterstattung der 1970erund 1980er-Jahre besser interpretiert werden. Man kann etwa den Anteil der positiven und negativen Aussagen zur Kernenergie im Zeitverlauf betrachten. Um die Veränderungen der Berichterstattung vor und nach Fukushima besser beurteilen zu können, ist es hilfreich, die Veränderungen der Berichterstattung im Umfeld der Störfälle von Harrisburg und Tschernobyl zu untersuchen.

Etwas vorsichtiger sollte man die damalige Berichterstattung dagegen im Hinblick auf die Frage nach der öffentlichen Meinung zur Kernenergie interpretieren. Es ist offensichtlich, dass man die Bürger nicht mehr nach ihrer Einstellung zur Kernenergie in den 1970erund 1980er-Jahren befragen kann. Daran kann sich (abgesehen vielleicht von extremen Gegnern und Befürwortern) niemand mehr zuverlässig erinnern. Eine Analyse der damaligen Medieninhalte kann zumindest Hinweise auf das gesamtgesellschaftliche Stimmungsbild liefern. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass die in den Medien veröffentlichte Meinung nicht zwangsläufig mit der Mehrheitsmeinung innerhalb der Bevölkerung übereinstimmen muss. Was in der Darstellung vergangener Kommunikationsprozesse schließlich nicht sichtbar wird, sind Wirkungsprozesse in der Vergangenheit. Man kann zwar untersuchen, ob und wie sich die Berichterstattung seit den 1970er-Jahren verändert hat. Und man kann beispielsweise auch Leserbriefe zum Thema als Indikator für die Meinungsverteilung in der damaligen Gesellschaft auswerten. Man sollte auf Basis dieser Datenquellen allerdings keinen Wirkungszusammenhang zwischen Medieninhalten und der Einstellung der Bevölkerung in dieser Zeit konstruieren.

 
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