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8.4 Anwendungsgebiete und typische Fragestellungen

Nach diesen generellen Überlegungen soll die Anwendung der Methode anhand typischer Fragestellungen bzw. Praxisbeispiele konkretisiert werden.

8.4.1 Inhaltsanalysen auf dem Feld der politischen Kommunikation

Auf dem Feld der politischen Kommunikation werden Inhaltsanalysen häufig eingesetzt für:

• die Erfassung von Themenspektren von verschiedenen Medien

• Wahlwerbeanalysen

• Propagandaforschung

• die Erfassung der zeitlichen Entwicklung der Berichterstattung über Themen

• die Feststellung von Tendenzen der Berichterstattung

Die politische Kommunikation ist sicherlich das bedeutendste Feld der Inhaltsanalyse. Wie Medien über Politik berichten, spielt für eine Gesellschaft, in der wir fast alle politischen Sachverhalte und Personen nur über Medien vermittelt bekommen, eine ganz zentrale Rolle. Politische Einseitigkeit, Bevorzugung bestimmter Kandidaten und Parteien sowie die Herausstellung bestimmter Themen und Standpunkte sind zentrale Diskussionspunkte der Gesellschaft. Hier ist die Kommunikationswissenschaft immer wieder gefragt. Die Kernfrage des Fachs, ob und wenn ja wie, unter welchen Bedingungen, Massenmedien bei den Rezipienten wirken, spielt hier implizit eine Rolle. An einem Beispiel sei dies verdeutlicht: Man erinnere sich an den Truppeneinmarsch der USA in Somalia, der genau zur amerikanischen Hauptsendezeit stattfand. Es ist kein Geheimnis, dass dies kein Zufall war, sondern zwischen Militär und CNN bis ins Kleinste abgestimmt. Die Kameras waren die Vorhut und konnten die einmarschierenden Soldaten optimal filmen. Natürlich führt kein Land Krieg wegen der Medien, aber in diesem Fall handelt es sich um ein Ereignis, das ohne die Medien sicher zu einem anderen Zeitpunkt und in einer anderen Art und Weise stattgefunden hätte: ein typisches mediatisiertes Ereignis. Sie unterscheiden sich von sogenannten genuinen Ereignissen wie etwa Naturkatastrophen dadurch, dass sie aufgrund der Präsenz der Medien anders stattfinden, in der Regel so, dass damit eine intendierte Wirkung auf die Rezipienten ins Kalkül gezogen wird. Das Ereignis findet also bei Anwesenheit der Medien anders statt als ohne Medien. Schließlich kennt man noch Pseudoereignisse. Diese finden nur statt, weil es die Medien gibt bzw. weil die Medien dabei sind.

Klassisches Beispiel hierfür sind Pressekonferenzen, die es ohne die Medien nicht gäbe. Mittels einer Inhaltsanalyse lässt sich nun der Frage nachspüren, ob sich der Anteil der verschiedenen Ereignistypen am gesamten Nachrichtenaufkommen im Zeitverlauf verändert hat. Damit könnte man die gesellschaftspolitisch brisante Frage beantworten, ob die Politik in den letzten Jahren einen stärkeren Einfluss auf die Berichterstattung nimmt. Ein Anstieg des Anteils der Pseudoereignisse wäre ein Indikator für diese These. Um diesen Sachverhalt zu prüfen, würde man etwa folgende Bausteine für die Untersuchung festlegen:

• Zeitraum

• Auswahl der zu untersuchenden Medien

• Festlegung der Untersuchungseinheiten (z. B. welche Rubriken in Tageszeitungen, welche Sendungen in Fernsehen und Radio)

• Festlegung der Stichprobe

• Definition dessen, was Pseudo-, mediatisierte und genuine Ereignisse sind

Nach der Entwicklung des entsprechenden inhaltsanalytischen Messinstruments, des Codebuchs, kann das Codieren beginnen. Als Ergebnis würde man für die einzelnen Jahre die verschiedenen Anteile der drei Ereignistypen erhalten und könnte beispielsweise zeitliche Entwicklungen darstellen. Unter Berücksichtigung aller Randbedingungen lassen sich nun Rückschlüsse eines manifesten Inhaltes (der Anteil der Pseudoereignisse) auf einen nicht-manifesten Kontext (Einfluss des politischen Systems auf das Mediensystem) treffen.

 
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