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8.2.2 Quantitativ …

Inhaltsanalysen sind natürlich nicht die einzige Methode, mit der man wissenschaftlich Texte bearbeitet. Und neben der Kommunikationswissenschaft beschäftigen sich auch andere Disziplinen mit der Analyse von Mitteilungen, wie etwa die Literaturund die Sprachwissenschaften oder die Psychologie – jede der Disziplinen mit ganz unterschiedlichen Intentionen. Deshalb sind auch die methodischen Herangehensweisen verschieden. Beispielsweise ist die Hermeneutik, die man vielleicht als methodisches Gegenstück zur quantitativen Inhaltsanalyse betrachten kann, eine Methode, um die Situation des Entstehens, die Motivation und Intentionen des Verfassers zu analysieren. Die Hermeneutik ist also eine Lehre zur Interpretation von Kommunikationsinhalten. Die Anwendungen reichen von der rein werkimmanenten Interpretation eines Gedichts bis hin zur Interpretation von Texten in ihrer Funktion innerhalb der sozialen Realität.

Die quantitative Inhaltsanalyse versucht im Gegensatz dazu nicht, einen singulären Text zu interpretieren, sondern große Textmengen.

Eine Inhaltsanalyse, wie sie in aller Regel in der Kommunikationsforschung zum Einsatz kommt, hat das Anliegen, formale und inhaltliche Merkmale großer Textmengen zu erfassen.

Die Zerlegung von Texten in Kategorien heißt natürlich zunächst, dass Bedeutungen, semantische Differenzierungen und Singularitäten, das Verständnis von Texten im Sinne sozialer Beziehungen und Ähnliches – eben alles, was sich zwischen den Zeilen abspielt – außer Acht gelassen werden. Darin gleicht die Inhaltsanalyse der Befragung. Nicht die ganze Komplexität eines Textes/einer Person wird erfasst, sondern nur wenige ausgewählte Merkmale derselben werden reduktiv analysiert. Typische Fragestellungen in der Kommunikationswissenschaft sind:

• Wie häufig verwendet der Sprecher/die Sprecherin der Tagesschau männliche und weibliche Endungen?

• Wie häufig und in welchen thematischen Kontexten wurde das Thema AIDS in den letzten 25 Jahren in den deutschen Tageszeitungen besprochen?

• Verwenden Teilnehmer von Chatrooms eher Verben oder Substantive?

• Welche Kommunikatoren kommen in bestimmten Zeitungsmeldungen vor?

• Welche Persuasions-Techniken werden in Werbespots eingesetzt?

• Wie wurden die Kanzlerkandidaten bei den letzten Bundestagswahlen dargestellt?

Solche Fragestellungen sind ganz typisch für einfache quantitative Inhaltsanalysen. Im Ergebnis stellt man dann fest, dass zum Beispiel männliche Endungen wesentlich häufiger gebraucht werden und dass sich daran seit 30 Jahren nichts geändert hat. Oder man stellt fest, dass das Wort AIDS in den 1990er-Jahren in deutschen Zeitungen sehr häufig im Kontext mit Homosexualität und Drogenkonsum verwendet wurde. Große Textmengen werden auf ganz bestimmte Merkmale hin untersucht, häufig wird nur gezählt, wie oft bestimmte Wörter beispielsweise in Zeitungstexten vorkommen. Die reine Häufigkeit eines Merkmals, eine Prozentzahl oder ein Koeffizient sind für sich gesehen noch nicht besonders ergiebig. Ein Zahlenwert erhält erst dann eine Relevanz, wenn man einen Vergleichsmaßstab hat. Wenn man etwa feststellt, dass 1970 in 30 % aller Werbespots Hausfrauen vorkamen, während das 1990 nur noch auf zehn Prozent der Spots zutraf und man damit beispielsweise Rückschlüsse auf die Darstellung von Geschlechterrollen in der Werbung ziehen kann, dann werden die Zahlenwerte interessant. Dies gilt natürlich nicht nur für den Einsatz der Inhaltsanalyse, sondern trifft auch auf Befragungen zu. Auch deren Ergebnisse können im Vergleich sinnvoller interpretiert werden. Wenn z. B. Vielseher von Krimis, Krimiserien und Gerichtsshows den Wert derer, die beruflich mit der Durchsetzung von Recht und Gesetz befasst sind (Polizisten, Richter etc.), auf zehn Prozent schätzen, kann man daraus kaum Schlüsse ableiten. Interpretierbar wird dieser Wert erst, wenn man ihn mit der Einschätzung der Wenigseher (fünf Prozent) und den Realdaten (nicht einmal ein Prozent) abgleicht. Bei der Inhaltsanalyse können solche Vergleichsmaßstäbe durch unterschiedliche Zeitpunkte, unterschiedliche Medien oder unterschiedliche Kulturen hergestellt werden.

8.2.3 … und intersubjektiv nachvollziehbar

Mit systematisch und objektiv, bzw. intersubjektiv nachvollziehbar, ist das gemeint, was jeder wissenschaftlichen Methode zu eigen ist und bereits im ersten Kapitel besprochen wurde: Derartige Inhaltsanalysen sind nur dann wissenschaftlich korrekt durchgeführt, wenn das Ergebnis unabhängig vom Forscher ist und heute wie übermorgen nachvollzogen werden kann. Das betrifft den gesamten Forschungsablauf von der theoretischen Fundierung über die Hypothesenbildung, die Stichprobenziehung, die Konzeption des Messinstrumentes bis hin zur statistischen Auswertung. Es betrifft aber auch, und das ist ein ganz wesentliches Merkmal des Ablaufes einer Inhaltsanalyse, das Verständnis, das zwischen den Mitarbeitern – sie heißen hier Codierer –, die die ausgewählten Texte lesen (respektive messen), hergestellt werden muss. Intersubjektive Nachvollziehbarkeit bedeutet ganz praktisch, dass jeder, der einen Text vorgesetzt bekommt, dieselbe Messung vornimmt [1].

Es muss sichergestellt sein, dass die Codierer, die natürlich zuvor solide geschult werden müssen, im Prinzip austauschbar sind, dass sie alle zu jeder Zeit jeden Text so wie der Kollege „verstehen“, also bestimmte Begriffe gleich häufig finden und für denselben Begriff dieselbe Codenummer vergeben [2]. Unter der Prämisse der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit erschließt sich dann die Bedeutung von „manifest“ durchaus neu. Während Berelson noch davon ausging, dass die Begriffe a priori einen manifesten bzw. latenten Charakter haben, werden die Begriffe nach der modernen Auffassung erst durch die Bestimmung ihres Bedeutungskerns manifest gemacht. Ob der Prozess gelungen ist, erschließt sich dann indirekt über die Reliabilität des inhaltsanalytischen Messinstruments.

  • [1] Das Thema wird unter dem Stichwort Reliabilität weiter unten behandelt, vgl. aber auch Kap. 3
  • [2] Man erinnere sich an die Überführung eines empirischen in ein numerisches Relativ im zweiten Kapitel
 
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