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Inhaltsanalyse I: Grundlagen

8.1 Grundzüge und Herkunft

Die Inhaltsanalyse ist diejenige Methode, die in der Kommunikationswissenschaft am weitesten verbreitet ist. Die Kommunikationswissenschaft ist sozusagen die Wissenschaft, die Inhaltsanalysen kultiviert und auch weiterentwickelt hat. In den anderen Fächern, wie etwa der Psychologie, spielt sie eine geringere Rolle. Wie bei anderen Begriffen, mit denen sich diese Einführung befasst, findet man auch zum Begriff „Inhaltsanalyse“ Synonyme. Zunächst ist in der deutschsprachigen Literatur die englische Fassung geläufig: Content Analysis. Aber auch die direkten Übersetzungen Kontentanalyse und Medienresonanzanalyse finden sich zuweilen.

Der Erste Weltkrieg war der erste Krieg, der unter massivem Einsatz von Propaganda und Gegenpropaganda betrieben wurde. Die Zersetzung des Gegners durch Propaganda und Falschmeldungen, durch alle möglichen Arten von Kommunikationsmitteln, war im Ersten Weltkrieg zum ersten Mal eine Waffe bei einer kriegerischen Auseinandersetzung. Im Zweiten Weltkrieg wurde dieses Mittel noch perfektioniert. Zum Beispiel warfen die Kriegsparteien Flugblätter im Feindesland ab, in denen auf die desolate Situation und auf die marode Führerschaft hingewiesen wurde. Im Zusammenhang mit den vermuteten Propagandamöglichkeiten der Massenmedien wurde dann in den USA die Inhaltsanalyse systematischer entwickelt. Dabei ging es in dieser Phase vor allem um die Frage, was eigentlich die Inhalte dieser Botschaften sind und wie diese Botschaften von Menschen verstanden und verarbeitet werden. Es ging also um ein ganz profanes kriegerisches Ziel, nämlich die Propaganda des eigenen Landes zu optimieren und die Propaganda des Gegners in ihrer Effektivität einzuschränken. In diesem Kontext, etwa in den 1940er-Jahren, entstand die Inhaltsanalyse bzw. deren Vorläufer. Wichtige Namen aus dem Bereich der Kommunikationsforschung sind in dem Zusammenhang Lasswell, Lazarsfeld und Berelson, einige der Gründerväter des Fachs [1].

Neben der politischen Kommunikationsforschung, die auf die Propagandaforschung zurückgeht und auch heute noch das wichtigste Forschungsgebiet ist, in dem diese Methode eingesetzt wird, werden Inhaltsanalysen in der Kommunikationswissenschaft außerdem in der Gewaltforschung, der Forschung über Minderheiten sowie den Public Relations angewandt. Auf einzelne Fragestellungen wird im Verlauf dieses Abschnitts noch näher eingegangen. Doch zunächst zu der Frage, was Inhaltsanalyse eigentlich bedeutet.

  • [1] Dies ist übrigens nicht der einzige Fall, in dem der Zweite Weltkrieg für die Kommunikationsforschung eine entscheidende Rolle gespielt hat. Carl Hovland hat nach dem Krieg in den sogenannten „Yale-Studien“ Experimente zur Wirkung von persuasiven Botschaften durchgeführt, um festzustel len, wie die Wirkkraft einer (politischen) Botschaft optimiert werden kann. Hovland und sein Team (Hovland et al. 1953) untersuchten dabei nicht das Propagandamaterial gegen den Feind, sondern interessierten sich für die Propaganda innerhalb der eigenen Reihen: Was könnte man z. B. unternehmen, um die eigenen Leute stärker zu mobilisieren?
 
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