Desktop-Version

Start arrow Medien und Kommunikationswissenschaft arrow Methoden der empirischen kommunikationsforschung

< Zurück   INHALT   Weiter >

5.2 Befragung im Mehrmethodendesign

Befragungen werden in der Kommunikationswissenschaft häufig nicht allein angewandt, sondern mit weiteren Methoden, insbesondere der Inhaltsanalyse, kombiniert. Das ist zum Beispiel bei Fragestellungen des Agenda-Setting-Ansatzes der Fall. Wenn man wissen will, ob die Themenstruktur der Medien sich darin niederschlägt, wie wichtig Menschen einzelne Themen finden, dann wendet man zur Feststellung der Medienagenda eine Inhaltsanalyse und zur Feststellung der Bevölkerungsagenda eine Befragung an. In der anschließenden Analyse werden dann diese beiden Datensätze kombiniert und miteinander verglichen. Das gleiche Verfahren gilt für den Bereich der Kultivierungshypothese: Wenn man wissen will, ob „Vielseher“ ihre Weltsicht aus dem Fernsehen beziehen und deshalb den prozentualen Anteil von Polizisten an der Bevölkerung überschätzen, dann muss zunächst mittels einer Inhaltsanalyse der entsprechenden Sendungen festgestellt werden, wie hoch der Anteil der Polizisten im Vergleich zur übrigen Bevölkerung in Fernsehsendungen ist. Mit der Kombination aus Inhaltsanalyse der Medien und Befragung von Bürgern wird es dann möglich, zu untersuchen, ob bei Vielsehern die Wahrnehmung der Wirklichkeit stärker von der Medienrealität beeinflusst wird als bei Wenigsehern.

5.3 Frageformulierung

Doch wenden wir uns zunächst den Grundzügen der Methode zu. Wie wird eine Befragung konzipiert und durchgeführt? In der Regel wird für eine Befragung ein Fragebogen entwickelt, der Fragen in einer bestimmten Reihenfolge enthält [1]. Die Theorie der Frage spielt hierbei eine zentrale Rolle. Ausgehend vom Forschungsinteresse werden zunächst Überlegungen zum Fragetypus angestellt:

5.3.1 Offene oder geschlossene Frageformulierung?

Offene Fragen (auch W-Fragen genannt) ermöglichen es den Befragten, sich zu einem Bereich nach Belieben zu äußern: „Was haben Sie gestern Abend gemacht?“ Fragen, die nicht mit einem Fragewort anfangen, werden geschlossenen Fragen genannt: „Besitzen Sie ein Fernsehgerät?“ Bei der Entwicklung der einzelnen Fragen steht nicht so sehr die Formulierung selbst im Mittelpunkt der Überlegung, sondern die Vorgabe von Antwortalternativen: Auf welchem Skalenniveau muss gemessen werden, um den Untersuchungsgegenstand hinreichend zu erfassen? Bei offenen Fragen werden keine Antwortkategorien vorgegeben. Bei geschlossenen Fragen eröffnen sich eine ganze Reihe von Möglichkeiten, Antwortvorgaben zu formulieren: vom nominalen, dichotomen Skalenniveau (ja/nein) bis zur Intervallskala (Ankreuzen auf einer Skala von 1 bis 7).

Die Entscheidung, ob man offen oder geschlossen abfragt, hängt unter anderem davon ab, ob eine qualitative oder eine quantitative Auswertung zu dieser Frage vorgenommen werden soll. Qualitative Auswertungen, in denen es auf Details und eher individuelle, subjektive Einschätzungen ankommt, werden bevorzugt mit offenen Fragestellungen erhoben. Man ist hier nicht an Ergebnissen interessiert, die sich in Häufigkeiten oder statistisch nachvollziehbaren Korrelationen ausdrücken, sondern an einigen wenigen Einzelfällen, die möglichst detailliert dargestellt werden sollen. Dies geschieht häufig in relativ neuen Forschungsbereichen, über die die Wissenschaftler selbst noch nicht viel wissen („Welche Weblogs haben Sie gestern gelesen?“). Allerdings wird man auch bei derartigen qualitativen Untersuchungen darum bemüht sein, intersubjektiv nachvollziehbare Ergebnisse zu produzieren. Man möchte Trends im Antwortverhalten der Befragten aufdecken und Gemeinsamkeiten darstellen. Das heißt, Antworten auf offene Fragen werden häufig im Nachhinein relativ aufwendig kategorisiert, was auch unter finanziellen Gesichtspunkten betrachtet werden muss. Für die Erhebung qualitativer Daten wird man dann die Interviewer anweisen, die Antworten in Stichpunkten zu protokollieren, einen Kassettenrecorder mitlaufen zu lassen oder die Befragten selbst anzuweisen, sich im Fragebogen schriftlich zu äußern.

Offene Fragen führen zu Antworten mit größeren Textmengen, die vor einer Auswertung durch Kategorisierung quantifiziert werden können.

Geschlossene Fragen mit vorgegebenen Antwortkategorien sind in der empirischen Kommunikationsforschung wesentlich häufiger anzutreffen. Und das aus gutem Grund, denn man hat es in der Regel mit großen Fallzahlen zu tun, so dass die Kategorisierung vieler offener Fragen einen hohen Arbeitsaufwand bedeutet. Antwortvorgaben bei geschlossenen Fragen werden dagegen schnell und einfach in Zahlen überführt, mit denen man dann in Sekunden Häufigkeitsverteilungen, Korrelationen oder Ähnliches berechnen kann. Die entsprechende Datenanalysesoftware berechnet auf Knopfdruck, wie viel Prozent der Befragten gestern im Kino waren, wie lange sie ferngeschaut haben oder welches Thema die Befragungsteilnehmer insgesamt als am wichtigsten beurteilen.

Geschlossene Fragen geben den Befragten eine eng begrenzte Anzahl von Antwortalternativen.

Tab. 5.1 Vorund Nachteile offener Fragestellungen

Ein weiterer Vorteil der geschlossenen Frage ist die Möglichkeit der inhaltlichen Führung. Man kann die Befragten auf das einstimmen, was wirklich interessiert. Fragt man ganz offen nach dem gestrigen Abend, werden möglicherweise Dinge genannt, die den Untersuchungsgegenstand nicht berühren. Bei offener Frageformulierung besteht die Gefahr, dass Befragte wesentliche Dinge ganz einfach vergessen. Und ein letzter Aspekt ist beim Einsatz offener Fragen zu bedenken: Es gibt Menschen, die keine Schwierigkeiten haben, ein längeres Statement von sich zu geben, während andere sich damit eher schwertun, was sich möglicherweise auf die Qualität der Antworten bei offenen Fragen auswirkt.

In einer Vorteils-/Nachteilsliste lassen sich bezüglich offener Fragen folgende Stichpunkte festhalten, die bei der Konzeption des Untersuchungsdesigns bzw. der Fragebogenentwicklung berücksichtigt werden müssen (Tab. 5.1).

  • [1] Wer sich ausführlicher mit dem Thema Befragung befassen will, sei auf das leicht zu lesende Buch von Noelle-Neumann und Petersen (2005) verwiesen
 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics