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1.9.2 Zum Begriff des Begriffs

Ein Begriff lässt sich als Brücke zwischen Realität und dem Nachdenken über Realität (der wissenschaftlichen Theorie) verstehen. Zwischen Realität und Theorie existiert zunächst keine Verbindung, außer dem individuellen Nachdenken über sie. Begriffe überwinden diese Kluft. Nur in ihnen existiert der Bedeutungsausschnitt, auf dessen Grundlage wissenschaftlich, das heißt theoretisch und systematisch, gearbeitet werden kann. Anders ausgedrückt: Im Begriff ist ein Gegenstand – Stuhl – oder ein Konstrukt – Gewalt – seiner bedeutungsmäßigen Randzonen entkleidet und nur noch Bedeutungskern. Das heißt zugleich, dass man durch die Definition von Begriffen bewusst Bedeutungen, die auch möglich wären, ausklammert, somit einen Gültigkeitsbereich absteckt und nun innerhalb dieser abgesteckten Bedeutungsgrenzen intersubjektiv nachvollziehbare Aussagen machen kann. Allerdings gibt es hier das Problem, dass Begriffe immer wieder nur über Begriffe definiert werden können; die Barriere zwischen Sprache und Realität bleibt daher auch bei noch so intensiver Definition eines Begriffs und seiner Bestandteile bestehen.

1.9.3 Typen von Begriffen

Die Kommunikationsforschung befasst sich vorwiegend mit komplexen Phänomenen, die nicht derart gegenständlich existieren wie ein Stuhl oder ein Hund.

Begriffe für Gegenstände in der Realität nennen wir Begriffe mit direktem empirischem Bezug zur Realität.

Sie gehören etwas Vertrautem an, das man anfassen kann und über das man sich normalerweise nicht den Kopf zerbricht. Begriffe wie „Gewalt“ oder „Kultivierung“ haben dagegen keine gegenständlichen Bezugspunkte, sie setzen sich aus ganz verschiedenen Bedeutungsinhalten zusammen.

Abstrakte Begriffe, die sich nicht unmittelbar in der Realität manifestieren, bezeichnet man als Begriffe mit indirektem empirischem Bezug [1].

Für diesen Begriffstyp ist eine Definition unabdingbar, eben weil solche Begriffe in der Realität keine gestalthafte Entsprechung haben. Erst durch die definitorische Festlegung, was genau unter dem Begriff zu verstehen ist, wird das Konstrukt systematisch zugänglich.

Eine weitere Begriffsart bereitet bei ihrer wissenschaftlichen Bearbeitung Probleme: Was bedeutet eigentlich „gut“ oder „schlecht“? Im Unterschied zu deskriptiven Begriffen, die auf irgendeine Weise wahrnehmbar sind (oder gemacht werden können), handelt es sich hier um (moralische) Wertungen, deren Bedeutung nicht per Definition festgelegt werden kann. Diese sogenannten präskriptiven Begriffe sind solche, mit denen man aufwächst, die einem in Fleisch und Blut übergehen, die aber von Kultur zu Kultur vollkommen verschieden sozialisiert und interpretiert werden können und gewissermaßen für sich stehen. Diese Problematik wird insbesondere in der interkulturellen Kommunikationsforschung relevant, ist aber auch zu bedenken, wenn internationale Forschungsergebnisse verglichen werden.

Die letzte relevante Gruppe von Begriffen, die sich jedoch per se einer Definition entziehen, sind die logischen Begriffe, also Verknüpfungen, die vielleicht aus der Computerprogrammierung bekannt sind: Worte wie „und“, „oder“, „außer“ und ähnliche mehr haben syntaktisch eine verbindende oder eben trennende Funktion; sie stellen Zusammenhänge, Verhältnisse zwischen Begriffen oder ganzen Aussagen her.

  • [1] Vgl. Prim und Tillmann (1989)
 
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