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1.9 Begriffe und Defi

Einführend wurde erläutert, dass sich die Sozialwissenschaften, also auch die Kommunikationswissenschaft, in aller Regel mit einem komplexen Untersuchungsobjekt bzw. Ausschnitten von ihm befassen: der sozialen Realität. Dabei kann es sich um vergleichsweise einfache Phänomene handeln wie etwa die durchschnittliche Fernsehdauer der Bundesbürger an einem Werktag. Weit häufiger jedoch befasst sich die Forschung mit abstrakten und komplexen Untersuchungsbereichen, die der direkten Beobachtung nicht zugänglich sind: mit Gewalt, Eskapismus, Medienwirkung, Glaubwürdigkeit der Medien und vielem mehr. Einen Ausschnitt von sozialer Realität zu untersuchen bedeutet zugleich, dass dieser Ausschnitt, bevor man nachvollziehbare Aussagen treffen kann, definiert werden muss. Wer weiß schon a priori, was Wissenschaftler unter Gewalt oder Glaubwürdigkeit verstehen? Die Definition des Untersuchungsbereiches ist unabdingbare Voraussetzung jeglicher empirischer Forschung und Basis jeder Diskussionsgrundlage. Die Definition von Begriffen ist ein ganz zentraler Bereich der Wissenschaftstheorie.

Man stelle sich das Wort „Stuhl“ vor. Welche Vorstellungsinhalte kann man assoziieren? Holz, vier Beine, drei Beine, Sitzfläche, Armlehne und so weiter. Vermutlich hat jede Leserin/jeder Leser dieser Zeilen automatisch Assoziationen und vermutlich sind diese Vorstellungen in den überwiegenden Fällen ähnlich, aber eben nicht identisch. Begriffe haben offenbar einen Bedeutungskern, auf den man sich relativ leicht verständigen kann. Und genauso haben Begriffe eine Randzone von Bedeutung, über die eine Verständigung erst erfolgen muss.

1.9.1 Definition von Begriffen

Es hängt natürlich immer davon ab, wie zentral ein Begriff für eine Untersuchung ist. Entsprechend ausführlich und genau muss er definiert werden. Nun ist denkbar, dass dies beim Begriff „Stuhl“ relativ einfach ist. Wie steht es aber mit einem Begriff wie „Gewalt“? Handelt es sich um physische Gewalt? Fällt psychische Gewalt auch unter den Begriff? Und wie lässt sich dann psychische Gewalt definieren? Dass eine Definition überhaupt notwendig wird, liegt an der Erkenntnis, dass der Gegenstand aus der Realität, über den man nachdenkt, nicht identisch ist mit dem Begriff. Der Begriff manifestiert sich im Wort. Das Wort ist zunächst nur eine Kombination von Konsonanten und Vokalen. Man könnte sich für den Begriff S T UHL auch auf die Buchstabenkombination P RITZLKW einigen. Die Notwendigkeit einer Definition ergibt sich vor allem aus der Tatsache, dass man Begriffen keine eindeutige Bedeutung

Abb. 1.3 Begriffsbildung

zuordnen kann. Im Gegenteil, die Bedeutung und die Vorstellungsinhalte sind im Prinzip unendlich vielfältig. Der Begriff Stuhl ist demnach nicht identisch mit dem Gegenstand, auf den sich sein Vorstellungsgehalt bezieht.

Im Alltag taucht dieses Problem eher selten auf. Aufgrund von Konventionen und einer entsprechenden Sozialisation existiert für die Begriffe des täglichen Lebens ein Bedeutungskern, ohne dass man noch lange darüber nachdenken muss. Auf diese Weise bekommen Worte Sinn, so erst wird auch Verständigung in einer Gemeinschaft möglich. In Zweifelsfällen streitet und einigt man sich auf gerade die Bedeutung, die jetzt gelten soll, z. B.: „Was verstehst du jetzt eigentlich unter ‚teuer'?“ Das heißt, man trifft selektiv nach bestimmten Kriterien eine Auswahl von möglichen, zumeist jedoch nicht allen Bedeutungsinhalten (Abb. 1.3).

In der Kommunikationswissenschaft beschäftigt man sich mit relativ komplexen Begriffen wie Gewalt, Vielseher oder Kultivierung. Diese Begriffe sind formell genauso angelegt wie der Begriff „Stuhl“. Man findet zunächst das Wort vor, die Buchstabenansammlung. Die Buchstabenansammlung an sich ist aber bedeutungslos, erst die gemeinsame Zuschreibung eines bestimmten Inhaltes oder bestimmter Merkmale des Begriffs bewirkt, dass man inhaltlich über ihn diskutieren kann. „Kultivierung“ ist ein gutes Beispiel, um zu zeigen, dass solche Begriffe sehr viel schwieriger zu fassen sind als „Stuhl“. In einer Gärtnerei wird Kultivierung von den dort arbeitenden Personen wahrscheinlich anders verstanden als im kommunikationswissenschaftlichen Kontext. Gärtner werden vielleicht an Pflanzenzucht denken, Kommunikationswissenschaftler eher daran, dass Menschen ihr Weltbild aus dem Fernsehen übernehmen. Begriffe in der Kommunikationswissenschaft sind in der Regel sehr komplex, so dass der gemeinsame Kern oft klein ist und die Randgebiete größer sind, als dies bei Begriffen des täglichen Lebens der Fall ist.

 
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