Desktop-Version

Start arrow Medien und Kommunikationswissenschaft arrow Die transparente Redaktion

< Zurück   INHALT   Weiter >

12.3.2 Bestimmung der zu kommunizierenden Inhalte

Sind Ziele und Zielgruppen beschrieben, so gilt es, die zentralen zu kommunizierenden Inhalte einschließlich ihrer Gewichtung festzulegen. Eine grundlegende Frage stellt sich dabei zunächst in Bezug auf das Ausmaß der redaktionellen Transparenz: Definitionsgemäß erfordert Transparenz eine größtmögliche Annäherung an die redaktionelle ‚Wirklichkeit'. Das bedeutet nicht nur, dass bestimmte Kriterien an die Darstellung dieser Wirklichkeit anzulegen sind, sondern auch, dass die entsprechenden Informationen möglichst umfassend sein sollten. Vollständigkeit ist allerdings nicht leistbar: Zum einen gibt es Grenzen und Risiken, welche die Redaktionen dazu zwingen, bestimmte inhaltliche Bereiche auszuklammern. Zum anderen ist das redaktionelle Geschehen zu komplex, um überall ins Detail gehen zu können, die Redaktion muss daher eine Auswahl treffen.

Das muss sie auch deshalb tun, weil sie nur über beschränkte Ressourcen für die redaktionelle Selbstdarstellung verfügt und weil auch die Adressaten nicht unbegrenzt Zeit aufwenden können oder wollen, um die entsprechenden Informationen zu rezipieren. Bezogen auf selbstbezügliche Informationen in den journalistischen Beiträgen drückt Verica Rupar (2006, S. 139) es so aus: “Clearly, no one expects all articles to provide a complete list of explanations regarding the newsgathering process. It would not only clash with the internal constraints of time and space, but it would bring an unnecessary and boring punctiliousness into news stories, which are, let us not forget, narratives.” Auch Craft und Heim (2009, S. 224) weisen darauf hin, dass es kontraproduktiv sein kann, das Publikum mit so vielen Informationen zu überhäufen, dass wichtige Signale im allgemeinen Grundrauschen untergehen.

Entschärfen lässt sich dieses Problem, indem die Redaktion nur einen Teil der Informationen aktiv in das Sichtfeld der Öffentlichkeit rückt (aktive Offenlegung) und darüber hinaus Informationen an Außenstehende herausgibt, die aus eigener Initiative mit einer Anfrage oder einem Besuchswunsch an die Mitarbeiter herantreten (passive Verfügbarmachung). Die Feinheiten dieser Unterscheidung werden in Abschnitt 12.3.3 erläutert, wenn es um die Bestimmung des Kommunikationsverhaltens geht.

12.3.2.1 Inhalte der passiven Kommunikation

Mit passiver Kommunikation ist gemeint, dass die Redaktion Außenstehenden Einblicke in interne Vorgänge sowie den Zugriff auf Informationen gewährt, wenn diese die Initiative ergreifen und danach suchen oder verlangen. (vgl. Craft

& Heim 2009, S. 219f.) Eine Vorauswahl und Gewichtung ist bei der passiven Verfügbarmachung von Informationen wenig zweckdienlich, weil die Redaktion möglichst auf alle Informationsgesuche eingehen sollte, die keine dysfunktionalen Effekte haben, um glaubwürdig zu wirken[1].Verfolgt die Redaktion das Ziel der redaktionellen Qualitätstransparenz, so ist der thematische Rahmen allerdings enger gefasst als beim Ziel der redaktionellen Transparenz schlechthin.

Welche Informationen die Redaktion herausgibt und welche nicht, hängt zudem von den Grenzen und Risiken der externen Transparenzkommunikation ab. Welche Grenzen und Risiken das sein können, wurde im neunten Kapitel bereits umrissen: Begrenzungen für die Transparenzkommunikation ergeben sich aus dem Informantenschutz und daraus, dass die Redaktionsmitarbeiter unter Umständen nicht oder nur zum Teil dazu bereit sind, sich zu ‚öffentlichen Personen' machen zu lassen. Risiken für die Arbeitsfähigkeit der Redaktion bestehen darin, dass Transparenz die Wettbewerbsfähigkeit des Verlages, die Qualität der investigativen Berichterstattung und die Autonomie redaktioneller Entscheidungen einschränken kann.

Die Grenzen und Risiken führen zu Ausgrenzungsentscheidungen, die es den Lesern gegenüber zu begründen gilt, um den Eindruck von Willkür zu vermeiden. Die beschriebenen Zusammenhänge sind in Abbildung 18 dargestellt.

Abbildung 18: Prozess-Schema zur Bestimmung der passiv zu kommunizierenden Inhalte (eigene Darstellung)

Um Ausgrenzungsentscheidungen zu treffen und zu begründen, sind je nach Transparenzziel die folgenden Fragen zu beantworten:

(1) Ziel der redaktionellen Transparenz:

Ÿ Welche Grenzen und Risiken stehen der Preisgabe von bestimmten Informationen über die redaktionellen Gegebenheiten und Aktivitäten entgegen? Wo sind daher ‚geschlossene Bereiche' einzurichten?

Ÿ Wie lassen sich die Ausgrenzungsentscheidungen begründen?

(2) Ziel der redaktionellen Qualitätstransparenz:

Ÿ Welche Grenzen und Risiken stehen der Preisgabe von bestimmten Informationen über die redaktionellen Gegebenheiten und Aktivitäten im Bereich der Qualitätssicherung entgegen? Wo sind daher ‚geschlossene Bereiche' einzurichten?

Ÿ Wie lassen sich die Ausgrenzungsentscheidungen begründen?

12.3.2.2 Inhalte der aktiven Kommunikation

Aktive Kommunikation bedeutet, dass die Redaktion aktiv bestimmte Informationen in das Sichtfeld der Öffentlichkeit rückt. (vgl. Craft & Heim 2009, S. 219f.) Im sechsten Kapitel dieser Arbeit wurden die Analysebereiche dargestellt, aus deren Zusammenschau sich ein umfassendes Bild von der Redaktion als soziales System organisierten Handelns ergibt. Im Einzelnen sind das die Umwelt und die formalen Elemente der Redaktionsorganisation, das Handeln der Redaktionsmitarbeiter und deren individuelle Profile. Der weitere Zuschnitt dieser Inhalte hängt zunächst davon ab, ob die Redaktion das Ziel der redaktionellen Transparenz oder das der redaktionellen Qualitätstransparenz verfolgt. Konzentriert sie sich auf das Ziel der redaktionellen Qualitätstransparenz, so verengt sich der Blick auf den Bereich der Qualitätssicherung. Die Analysebereiche wurden deshalb getrennt nach diesen beiden Zielsetzungen in weitere Themenfelder untergliedert[2]. Aus diesen Feldern kann die Redaktion sich bedienen, um ihr ‚Innenleben' und ihre Beziehungen zur Umwelt offenzulegen. Im siebten und achten Kapitel wurden innerhalb der Themenfelder jeweils zentrale Aspekte für die externe Transparenzkommunikation herausgearbeitet. Die Entscheidung darüber, welche Inhalte die Redaktion mit welchen Schwerpunktsetzungen nach außen kommuniziert, ist dabei an die folgenden Fragen geknüpft:

(1) Ziel der redaktionellen Transparenz:

Ÿ Welche Grenzen und Risiken stehen der Preisgabe von bestimmten Informationen entgegen? Wo sind daher ‚geschlossene Bereiche' einzurichten? (Ausgrenzungsentscheidungen)

Ÿ Welche Relevanz haben bestimmte Themen und Inhalte für das Qualitätsurteil der anzusprechenden Zielgruppen? Sind die Informationen für die Zielgruppen oder Zielgruppensegmente unterschiedlich relevant? (Auswahlentscheidungen)

Diese aktiv zu kommunizierenden Inhalte kann die Redaktion aufgrund von eigenen Befragungen oder anderen internen und externen Formen der Zielgruppenforschung auswählen. Die Auswahl und Gewichtung ergibt sich zudem aus der laufenden Analyse der Anfragen, mit denen Außenstehende von sich aus an die Redaktion herantreten (passive Kommunikation). In Abschnitt 9.2 wurde erläutert, welche aufgabenbezogenen Schwerpunktsetzungen plausibel sind, wobei eine empirische Überprüfung der damit verbundenen Annahmen über das Rezeptionsverhalten der Adressaten noch aussteht [3]: Im Fokus der externen Transparenzkommunikation sollten demnach die Grundzüge der Redaktionsorganisation, die Content-Produktion, die Personalarbeit und die Transparenzkommunikation selbst stehen.

Ÿ Wie lassen sich die Ausgrenzungsund Auswahlentscheidungen begründen?

Aus der notwendigen Begrenzung von Inhalten ergibt sich ein „Pflichtfeld“ der externen Transparenzkommunikation: Die Redaktionen müssen ihren Lesern und Nutzern gegenüber transparent machen und begründen, warum sie bestimmte Inhalte ausklammern und bestimmte Schwerpunkte setzen. Sie legen ihre Ausgrenzungsund Auswahlkriterien offen und erläutern ihre situationsspezifischen Ausgrenzungsund Auswahlentscheidungen[4]. Auf diese Weise können sie den Eindruck einer willkürlichen, ausschließlich auf positive Selbstdarstellung zielenden Auswahl vermeiden.

Ÿ Wo sind Darstellungsfehler und kommunikative Widersprüche aufgetaucht? Wie kann die Redaktion belegen, dass sie dabei ist, diese zu beheben? (Thematisierung von Darstellungsfehlern, kommunikativen Widersprüchen und dazugehörigen Problemlösungen)

In der Außendarstellung kann es zu Darstellungsfehlern und kommunikativen Widersprüchen kommen, die in dieser Arbeit zusammenfassend als Diskrepanzen bezeichnet werden[5]. Ihre Folgen lassen sich abfedern, indem die Redaktionsmanager entdeckte Fehler und Widersprüche von sich aus thematisieren und erläutern, wie sie damit umgehen wollen. Sie können unter anderem über die Einrichtung von Projektgruppen berichten, den Diskussionsund Planungsprozess beschreiben (Handeln im Managementprozess), Pläne veröffentlichen und dann sukzessive die einzelnen Umsetzungsschritte und Ergebnisse offenlegen. Das setzt allerdings voraus, dass sie die kommunikativen Widersprüche und Darstellungsfehler auch erkennen und intern sofort ansprechen.

Diskrepanzen können unter anderem dadurch entstehen, dass die Redaktionsmitarbeiter bei ihrer Arbeit von den formalen Regeln abweichen. In der Transparenzkommunikation gerät dann die Darstellung der offiziellen, formal festgelegten Struktur in Widerspruch zur Darstellung des Handelns. Die gleiche Wirkung tritt ein, wenn die Mitarbeiter nicht auf die Ressourcen der Redaktion zurückgreifen, indem sie es zum Beispiel vermeiden, eine Videokamera einzusetzen oder eine neue Softwarelösung zu nutzen. Einigen sie sich sogar kollektiv auf andere Regeln, so entsteht eine informale Parallelstruktur[6]. Da sich Organisationen in einem ständigen Wandel befinden, sind solche Widersprüche unvermeidlich. Welche Diskrepanztypen es noch gibt und wie genau eine Redaktion beim „Diskrepanzmanagement“ vorgehen kann, wird im 14. Kapitel erläutert.

(2) Ziel der redaktionellen Qualitätstransparenz:

Ÿ Welche Grenzen und Risiken stehen der Preisgabe von bestimmten Informationen über die redaktionellen Gegebenheiten und Aktivitäten im Bereich der Qualitätssicherung entgegen? Wo sind daher ‚geschlossene Bereiche' einzurichten? (Ausgrenzungsentscheidungen)

Ÿ Welche Relevanz haben bestimmte, auf die Erfüllung der redaktionellen Qualitätsziele bezogenen Themen und Inhalte für das Qualitätsurteil der anzusprechenden Zielgruppen? Sind die Informationen für die Zielgruppen oder Zielgruppensegmente unterschiedlich relevant? (Auswahlentscheidungen)

Die Redaktion gibt Informationen heraus, die letztlich die Erfüllung ihrer produktbezogenen Qualitätsziele belegen sollen. Diese Qualitätsziele sind daher in jedem Fall zu kommunizieren, zumal sie – wie in dieser Arbeit angenommen – auch an den Qualitätserwartungen des Publikums ausgerichtet sind. Darüber hinaus stellt die Redaktion dar, wie sie diese Ziele in den verschiedenen Aufgabenbereichen durch Qualitätsmanagement und die laufenden Qualitätssicherungsprozesse zu erreichen versucht. Die Wahl der Schwerpunkte ergibt sich dabei unter anderem aus den Ergebnissen der Zielgruppenforschung, der ständigen Analyse der Anfragen an die Redaktion und aus den Plausibilitätsüberlegungen in Abschnitt 9.2.

Dabei ist jeweils zu zeigen, welche Qualitätsindikatoren die Redaktion für diese Aufgabenbereiche aus den produktbezogenen Qualitätszielen abgeleitet, welche Maßnahmen sie ergriffen und welche Erfolgskontrollen sie durchgeführt hat.

Ÿ Wie lassen sich die Ausgrenzungsund Auswahlentscheidungen begründen?

Die Redaktion legt ihre Ausgrenzungsund Auswahlkriterien offen, und die Mitarbeiter erläutern ihre situationsspezifischen Entscheidungen.

Ÿ Wo sind Darstellungsfehler und kommunikative Widersprüche aufgetaucht? Wie kann die Redaktion belegen, dass sie dabei ist, diese zu beheben?

Die Redaktion geht von sich aus auf Darstellungsfehler und kommunikative Widersprüche ein und erklärt, wie sie die zugrunde liegenden Probleme lösen will – zum Beispiel, wenn sich einzelne Mitarbeiter nicht an die formalen und in der Transparenzkommunikation bereits thematisierten Vorgaben zum Redigieren von Beiträgen oder zum Persönlichkeitsschutz von Informanten halten.

Abbildung 19: Prozess-Schema zur Bestimmung der aktiv zu kommunizierenden Inhalte (eigene Darstellung)

Die Vorgehensweise bei der Bestimmung der aktiv zu kommunizierenden Inhalte zeigt zusammenfassend das Prozess-Schema in Abbildung 19. Die genannten Fragen sind ständig von Neuem zu klären, weil das Wechselspiel von Handeln und Struktur sowie die Veränderungen in der Umwelt zu einem steten Wandel der organisationalen Gegebenheiten führen und weil sich auch die Informationsbedürfnisse der Zielgruppen verändern können. (vgl. Bentele & Seiffert 2009, S. 54)

  • [1] Dabei sollte sie aktiv kundtun, dass sie jederzeit zu Auskünften bereit ist, um eine möglichst breite Wirkung zu erzielen
  • [2] Die Themenfelder der Transparenzkommunikation sind in Tabelle 5 dargestellt
  • [3] Im siebten Kapitel wurden die Themenfelder der externen Transparenzkommunikation beschrieben. Die Informationen dazu können sich jeweils auf die gesamte Redaktion (u.a. übergreifende Ziele und Strategien) oder auf einzelne direkte und indirekte Aufgabenbereiche wie Produktion, Marketing oder Personalwirtschaft beziehen. Die Redaktion muss entscheiden, bei welchen davon sie in der aktiven Transparenzkommunikation besondere Schwerpunkte setzen will
  • [4] Dadurch erhöht sich die Transparenz des Entstehungsprozesses der TK-Informationen, die wiederum die Transparenz der journalistischen Arbeitsprozesse und -bedingungen verbessern sollen, um schließlich die Produktqualität transparenter zu machen. Es handelt sich demnach um eine Transparenz ‚dritten Grades'
  • [5] Siehe dazu die Ausführungen in Abschnitt 4.3 dieser Arbeit
  • [6] Siehe dazu die strukturationstheoretischen Erläuterungen in Abschnitt 3.2.2.
 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics