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5.4 Kanalspezifische Qualitäten

Qualität ist – wie in Abschnitt 5.1 bereits ausgeführt wurde – nicht nur eine Frage der Perspektive, sondern auch eine Frage der Betrachtungsebene. Was unter Qualität zu verstehen ist, hängt auch von der Mediengattung und vom gewählten Medienkanal ab. Die für den Journalismus hergeleiteten zentralen Qualitätskriterien gelten prinzipiell für alle Gattungen und Kanäle, allerdings in unterschiedlicher Gewichtung (vgl. Hassemer & Rager 2006, S. 23). Im Folgenden wird es um spezielle Kriterien für die gedruckte Zeitung einerseits und deren Online-Angebote andererseits gehen (Zeitungs-Website, Apps), die vor allem aus den unterschiedlichen technischen Möglichkeiten resultieren.

5.4.1 Qualitäten der Zeitung als Print-Medium

Einige der in Abschnitt 5.3 vorgestellten journalistischen Qualitätskriterien werden in der Literatur für die Gattung Zeitung bzw. Tageszeitung noch genauer gefasst. Wegen ihrer universellen Ausrichtung als historisch gewachsenes, gattungspezifisches Merkmal deckt die Zeitung demnach zum Beispiel eine größere Vielfalt an Themen ab als etwa die Special-Interest-Zeitschrift, deren Themenangebot auf eine relativ eng definierte Zielgruppe zugeschnitten ist. Zu den historisch gewachsenen Merkmalen zählen im Falle der Tageszeitung auch die tägliche Erscheinungsweise und die lokale und regionale Ausrichtung. (vgl. Hermes 2006, S. 71; Wyss, Studer & Zwyssig 2012, S. 24f.)

Lokale und regionale journalistische Inhalte mit großer Themenbandbreite können heute allerdings auch Fernsehsender oder reine Online-Zeitungen liefern. Und da Zeitungen als Print-Medien längere Produktionszyklen haben als Onlineoder Rundfunkmedien, können sie auch nicht so schnell, sondern in der Regel nur einmal täglich über Ereignisse berichten. Die Zeitung kann diesen Umstand jedoch als Stärke ausspielen, indem sie umfassende und zeitaufwendig zu ermittelnde Informationen zu einem Thema zusammenträgt und sich so von der unter einem höheren Zeitdruck produzierenden Konkurrenz abhebt. (vgl. Arnold 2009, S. 183f.)

„Bei der von ihr gebotenen gesellschaftlichen Selbstbeobachtung setzt sie [die Zeitung] deshalb ihren Schwerpunkt weniger auf die schnelle Wiedergabe von in der unmittelbaren Vergangenheit stattgefundenen relevanten Ereignissen, sondern auf die Erklärung von Ursachen und Folgen sowie auf latent aktuelle Themen. So wird ihr Nachteil – weniger aktuell sein zu können – zu einem Vorteil: Sie hat mehr Zeit für die Recherche und aufwendiger zu erstellende erläuternde Darstellungen. Ihre Stärke liegt damit in einer differenzierten Hintergrundberichterstattung, Analyse und Kommentierung, die von den flüchtigen Funkmedien nur begrenzt geleistet werden kann.“ (ebd., S. 184)

Eine Aufgabe, die bei der gedruckten Zeitung besonderes Gewicht hat, ist daher die Hintergrundberichterstattung. Diese Leistung können allerdings auch politische Wochenzeitschriften erbringen oder Rundfunksender, die dafür spezielle Formate im Programm haben. Außerdem können sich die Zeitungen Arnold zufolge durch einen noch stärkeren regionalen, lokalen und hyperlokalen Bezug leichter als auf nationaler oder internationaler Ebene von anderen Medienangeboten abheben (vgl. Arnold 2009, S. 184)[1]:

„Zwar gibt es seit einigen Jahren in Form des privaten lokalen Hörfunks und Fernsehens sowie der kostenlosen Anzeigenblätter Konkurrenz, jedoch sind lokale Funkmedien nicht überall verbreitet und zudem konzentrieren sie sich auf Unterhaltung, die Radiosender vor allem auf Musik. Dazu kommt, dass die Produktion journalistischer Inhalte bei diesen Medien aufwendiger und teurer ist als bei der Zeitung und sich deshalb für den lokalen Bereich mit seinem relativ kleinen Markt kaum lohnt. Ähnliches trifft auf die Anzeigenblätter zu: Auch hier fehlen die Ressourcen für aufwändigen Journalismus.“ (ebd.)

Was Klaus Arnold jedoch unerwähnt lässt, ist die zunehmende Konkurrenz durch lokal oder hyperlokal ausgerichtete Online-Zeitungen und Blogs[2] Die Zeitungen haben hier (noch) einen Wettbewerbsvorsprung, weil sie über gewachsene Strukturen und durch die Print-Einnahmen über mehr finanzielle Mittel verfügen. In der gedruckten Zeitung wie auch im Online-Angebot müssen sie aber (wieder) verstärkt einen hyperlokalen Bezug herstellen, um diesen Markt nicht den Internetkonkurrenten zu überlassen.

Arnold (2009, S. 232) bezeichnet den lokalen und regionalen Bezug und die Hintergrundberichterstattung als „spezifische Kriterien“ für die Qualität des Zeitungsjournalismus. Diese Sicht soll hier nicht geteilt werden: Bei der Lokalund Regionalberichterstattung handelt es sich vielmehr um eine historisch gewachsene Funktion der Zeitung als Gattung, die heute theoretisch auch andere Medien erfüllen können und an der ein Verlag aus wettbewerbsstrategischen Gründen festhalten kann. Wenn er dies tut, so kann die Zeitung bei Bedarf spezifische Qualitätsanforderungen dafür definieren, die sich aus den medienübergreifenden Qualitätsstandards ableiten lassen. Das Gleiche gilt für die Hintergrundberichterstattung.

  • [1] Deshalb fehlt den überregional vertriebenen Zeitungen wie der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, der Zeitung „Die Welt“ oder der „Süddeutschen Zeitung“ auch ein wesentliches Differenzierungsmerkmal, weil sie nur für ihr Stammgebiet einen Lokalteil anbieten. Einer Studie von Olaf Jandura und Hans-Bernd Brosius (2011, S. 204) zufolge werden die sogenannten Qualitätszeitungen in Deutschland zunehmend von einem elitären Zirkel in der Gesellschaft gelesen
  • [2] Zu finden sind solche Angebote zum Beispiel unter regensburg-digital.de, das-ist-rostock.de, rheinneckarblog.de, jenapolis.de und l-iz.de (Leipziger In ternet Zeitung) oder in der hyperlokalen Variante unter altona.info und prenzlauerberg-nachrichten.de (zugegriffen: 25.03.2015). Die genannten Plattformen finanzieren sich vor allem über Werbung und Förderbeiträge, die Redaktionen müssen mit wenig Personal auskommen und arbeiten meist mit Leserreportern zusammen
 
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