Desktop-Version

Start arrow Medien und Kommunikationswissenschaft arrow Die transparente Redaktion

< Zurück   INHALT   Weiter >

5.2.2 Qualität aus journalistisch-analytischer Perspektive

Während journalistische Qualität beim zuvor beschriebenen normativdemokratietheoretischen Ansatz aus einer Außenperspektive, nämlich aus Sicht des politischen und rechtlichen Systems, betrachtet wird, orientieren sich die Vertreter des journalistisch-analytischen Begründungsansatzes mehr am Journalismus selbst. Sie beziehen sich dabei unter anderem auf seine Entwicklungsgeschichte und journalismustheoretisch begründete Funktion (vgl. Bucher 2003; Pöttker 2000; Schröter 1995) und auf das innerhalb des Berufsstandes herausgebildete Selbstverständnis (vgl. Weischenberg 2003, S. 169f.)[1]. Den Ansatz einiger Fachvertreter, auf der Suche nach Qualitätsmaßstäben die Praxisliteratur auszuwerten, hält Horst Pöttker (2000) allerdings für fragwürdig:

„Wenn sich praktische Vernunft, die auf die Frage antwortet ,Was sollen wir (Journalistinnen und Journalisten) tun?', nur auf schon Bestehendes und Praktiziertes beruft, wird sie keine Kraft haben können, Maßstäbe hervorzubringen, deren Handhabung zur Kritik, Veränderung und Erneuerung von Bestehendem und Praktiziertem führt. Ohne diese Innovationskraft aber wäre praktische Vernunft nicht nur im Sinne allgemeiner Moral, sondern auch im Sinne professioneller Qualitätsethik als Teil von berufsorientierten Wissenschaften wie der Medizin, der Pädagogik oder der Journalistik überflüssig.“ (ebd., S. 376)

Die Wissenschaft, führt Pöttker weiter aus, solle sich stattdesssen auf das besinnen, wozu der Journalismus eigentlich da ist: „Journalistische Qualitätsmaßstäbe sind also vor allem durch Journalismustheorie zu begründen.“ Die zentrale, historisch gewachsene Aufgabe des Journalismus in einer funktional differenzierten Gesellschaft liegt ihm zufolge in der „Komplexitätsüberbrückung“, in der „Übertragung des jeweils isolierten Erfahrungswissens in eine jedermann zugängliche, eben ‚offene' Sphäre, um so für alle die Möglichkeit der Partizipation am gesellschaftlichen Ganzen zu sichern“. (vgl. ebd., S. 377f.)

Pöttker argumentiert dabei auf der Grundlage einer funktionalen Differenzierung der Gesellschaft, wie sie in der sozialwissenschaftlichen Systemtheorie beschrieben und vorausgesetzt wird, sieht aber den Journalismus nicht als „eine Institution wie andere, an und in denen sich die Logik der funktionalen Differenzierung vollzieht“, sondern als eine besondere Institution, deren professionelle Aufgabe oder Schlüsselleistung in der „Überwölbung gesellschaftlicher (Über-) Komplexität“ besteht. Mit anderen Worten: Der Journalismus ermöglicht es den Individuen, über den Rand der einzelnen Systeme hinauszublicken, in die sie eingebunden sind, und so den Blick für das ‚große Ganze' zu wahren. Seine Aufgabe liegt in der „Herstellung von Öffentlichkeit“, und dabei auch und gerade in der Vermittlung von Unbekanntem und Unvertrautem. (vgl. ebd., S. 378f.)

Daraus ergibt sich Pöttker zufolge zunächst die Vielfalt als Qualitätsmaßstab für das Mediensystem: Alle gesellschaftlichen Gruppen sollten „eine reelle Chance haben, mit ihren besonderen Wahrnehmungen, Erfahrungen und Interessen in den Medien vorzukommen“. Grundpflicht des Journalistenberufes sei demzufolge das „Veröffentlichen-Wollen“[2]. Darauf aufbauend entwickelt er acht Qualitätsmaßstäbe: Richtigkeit, Vollständigkeit (Relevanz), Wahrhaftigkeit, Verschiedenartigkeit, Unabhängigkeit, Aktualität, Verständlichkeit und Unterhaltsamkeit. (vgl. ebd., S. 379–388)

Bei einigen Qualitätsforschern, die sich aus journalistisch-analytischer Perspektive mit Qualitätskriterien beschäftigt haben, findet sich direkt oder indirekt auch das Kriterium der Transparenz. Bei Pöttker ist die Wahrhaftigkeit eng mit der von ihm nicht gesondert benannten Transparenz verbunden. Angesichts der schwer zu gewährleistenden Kriterien Richtigkeit und Relevanz hält er Wahrhaftigkeit für unerlässlich:

„Jedenfalls drückt sich im journalistischen Unvermögen, Vollständigkeit und Richtigkeit endgültig herzustellen, die gravierende Einsicht aus, daß Wahrheit als Substanz, als fertige Eigenschaft der Information nicht zu haben ist. Denkbar ist sie dagegen als Prozeß der permanenten Vervollständigung und Berichtigung. Und dieser Prozeß lässt sich gerade dadurch in Gang halten, daß Zweifel und unvermeidliche Wahrheitsbeeinträchtigungen deklariert werden.“ (ebd., S. 384)

Der Zusammenhang zwischen Transparenz und Wahrhaftigkeit wurde in Abschnitt 4.4 bereits näher beleuchtet. Für diese Arbeit von Bedeutung ist Pöttkers Ansatz auch deshalb, weil er das Bemühen um Wahrhaftigkeit und damit einhergehend um Transparenz als einen ständigen, über die Veröffentlichung eines einzelnen Beitrags hinausgehenden Prozess begreift. Das Streben nach Wahrhaftigkeit und Transparenz beinhaltet für Pöttker jedoch nicht nur, dass die Redaktionen offenlegen, wie einzelne Artikel entstanden sind, sondern auch, dass sie

„nach Möglichkeit Herausgeberrichtlinien und andere redaktionelle Vorgaben“ publizieren, um damit ihre grundsätzliche, von den Strukturen gelenkte Arbeitsweise zu zeigen (vgl. ebd., S. 384).

Für Christoph Neuberger (1996, S. 156f.) bedeutet Transparenz, dass die Journalisten in ihren Beiträgen 1. über die Methode berichten, derer sie sich bei der Beobachtung oder Rekonstruktion von Sachverhalten bedient haben, 2. die Quellen von Behauptungen offenlegen und 3. die Prüfungen von Aussagen und Sachverhalten beschreiben, die der Publikation vorausgegangen sind. Die Transparenz der Aussagenprüfung stellt für Neuberger eine Art Hilfsstrategie dar, die dann greift, wenn sich die Richtigkeit von zitierten Äußerungen nicht ohne Weiteres belegen lässt. Die Transparenz der Prüfmethoden kann demnach das Qualitätskriterium der Richtigkeit ersetzen. Und wie Pöttker bezieht auch Neuberger die formal geregelten redaktionellen Arbeitsabläufe mit ein: „Um nicht jede Aussage einzeln belegen zu müssen, kann auch allgemein über Methoden, Quellen und Prüfungen informiert werden.“ (ebd., S. 157)

Detlef Schröter (1995) hat eine Reihe von Transparenzkriterien entwickelt, um sie für eine Inhaltsanalyse zur Unternehmensberichterstattung in PrintMedien einzusetzen. Daher bezieht er sich in seinen Ausführungen nur auf die aus dem einzelnen Artikel selbst herauszulesenden Qualitätsmerkmale, etwa auf die Transparenz der Quellen oder der Recherche, nicht aber auf die Transparenz der grundsätzlichen Arbeitsabläufe in einer Redaktion[3]. Zur Herleitung der Kriterien stützt er sich auf die zeitungswissenschaftliche Theorie der Massenkommunikation, welche die primäre Funktion des Journalisten in der Vermittlung der Mitteilungen anderer Kommunikationspartner und weniger in der Verwirklichung eigener Kommunikationsinteressen sieht (vgl. Schröter 1995, S. 18). Die gedankliche Trennung von Mitteilung (Kommunikatorrolle) und Vermittlung (Vermittlerrolle), die Schröters Ansatz zugrunde liegt, führt zu einem eigenen Verständnis von journalistischer Objektivität, die meist nicht darin besteht, ein nach wissenschaftlichen Maßstäben richtiges und vollständiges Bild der Realität an sich zu zeigen (vgl. ebd., S. 57).

„Er [der Journalist; Anmerk. der Verf.] ist vielmehr stets mit KommunikationsRealitäten konfrontiert, das heißt immer mit Mitteilungen über und zu Realitäten, die ihm als seine relevanten Realitäten zur Vermittlung vorgegeben sind – von den äußerst seltenen Ausnahmefällen abgesehen, in denen der Journalist einziger Augenund Ohrenzeuge eines Ereignisses ist.“ (ebd.)

Objektive oder ‚realitätsgerechte' Vermittlung bedeutet zunächst für Schröter, dass diese durch verschiedene Interessengruppen mitgeteilten Interpretationen von Ereignissen eine faire Chance bekommen, über die Medien vermittelt zu werden. Da in den Medien aber nicht jedes ‚Kommunikationsgeschehen' eins zu eins abgebildet werden kann, argumentiert Schröter weiter, sei ein Prozess der Konzentration erforderlich, der Selektionsentscheidungen in allen Arbeitsphasen einschließe. (vgl. ebd., S. 26 u. 57f.).

Ob diese ‚Mitteilungs-Konzentrate' realitätsund sachgerecht sind, misst Schröter anhand der folgenden Qualitätskriterien: Transparenz der VermittlungsKontexte (Angaben zu Quellen und Umständen der Recherche), Transparenz der Kommunikations-Kontexte (Angabe der Berichterstattungsanlässe), Partnertransparenz (Angaben zur Person, Funktion und Gruppenzugehörigkeit der Ausgangspartner), Transparenz der Vermittlungsstrategien (Trennung von Nachricht und Meinung), inhaltliche Mitteilungs-Adäquanz (Richtigkeit von zitierten Äußerungen), Themenkosmos (Berücksichtigung der aktuellen und relevanten Aspekte eines Berichterstattungsgegenstandes), Partnerkosmos (Vielfalt/Ausgewogenheit der zu Wort kommenden Interessengruppen) und Meinungsvielfalt (Vielfalt der Bewertungen). (vgl. ebd., S. 64–69; Handstein 2010, S. 23–36)

  • [1] Klaus Arnold (2009, S. 129) weist auf die Schwierigkeit hin, bei derartigen, stärker auf den Journalismus fokussierten Ansätzen ganz auf normative Vorgaben zu verzichten. Diese seien jedoch wiederum begründungsbedürftig
  • [2] Horst Pöttker weist darauf hin, dass es nicht ausreiche, wenn sich der Journalismus auf seine gesellschaftliche Aufgabe konzentriert. Vielmehr müsse er dem Publikum die Botschaften so präsentieren, dass es dazu bereit ist, sie (trotz Konsistenzneigung) zu akzeptieren und aufzunehmen. Deshalb unterscheidet er auch zwischen eher auf den Gegenstand und eher auf das Publikum bezogenen Qualitäten. (vgl. Pöttker 2000, S. 381ff.)
  • [3] Das Gleiche gilt für Lutz M. Hagen (1995), der Qualitätstransparenz als ein fundamentales Qualitätsmerkmal zur Messung der Informationsqualität von Nachrichten einstuft. Transparenz schließt für ihn Quellenangaben und gegebenenfalls auch Einschätzungen zur Zuverlässigkeit und den möglichen Motiven der Informanten ein. (vgl. Hagen 1995, S. 114f.)
 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics