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3.2.3 Strukturation und Redaktion

Die Strukturationstheorie ermöglicht es, Organisationen sowohl im Hinblick auf ihre Stabilität als auch auf ihren Wandel hin zu untersuchen (vgl. Ortmann, Sydow & Windeler 2000, S. 333–335) und eine Reihe von Dualismen aufzuheben[1]:

„Giddens's Theorie der Strukturation der Gesellschaft als eines permanenten Prozesses der Reproduktion bestehender und der Schaffung neuer sozialer Praktiken behandelt zentrale Themen der Organisationstheorie. Sie sucht eine Reihe von bislang als unvereinbar angesehenen Dualismen zu handhaben, ohne diese aufheben zu wollen: z.B. Stabilität versus Wandel, formale versus informale Organisation, organisatorisches Dilemma zwischen Innovation und Routine, Aufbauversus Ablauforganisation.“ (Osterloh & Grand 2000, S. 355)

Seit Mitte der 90er-Jahre mehren sich denn auch die empirischen Untersuchungen, in denen Organisationsforscher auf die Strukturationstheorie als integrative Perspektive Bezug nehmen. (vgl. Walgenbach 2006, S. 423) Was die Erforschung von journalistischen Organisationen und insbesondere Redaktionen anbelangt, haben unter anderem Altmeppen (2004, 2006b, 2007), Quandt (2002) und Wyss (2002, 2004) die Strukturationstheorie als Analyserahmen für ihre theoretischen und empirischen Arbeiten gewählt.

Als „Redaktion“ wird im deutschsprachigen Journalismus derjenige Bereich eines Medienunternehmens bezeichnet, der die journalistische Leistung erbringt und in dem fest angestellte Journalisten als Redakteure arbeiten. (vgl. Meier 2011, S. 161) Betrachtungsgegenstand dieser Arbeit sind integrierte Zeitungsund Online-Redaktionen, die sämtliche unter einem einheitlichen Markendach erscheinenden journalistischen Printund Online-Inhalte produzieren (Stichwort crossmediales Arbeiten).

Altmeppen (2006b, S. 58–61) trennt begrifflich zwischen journalistischen Organisationen (hier: Zeitungsund Online-Redaktionen), die in erster Linie publizistische Ziele verfolgen, und Medienorganisationen (hier Zeitungsverlage), deren Ziele vor allem wirtschaftlicher Natur sind. Er betrachtet sie als eigenständige soziale Systeme organisierten Handelns, die einander jedoch brauchen und deshalb durch Ko-Orientierung miteinander verbunden sind: „Der Journalismus produziert aktuelle und relevante Informationen, zu deren Distribution er die Medien benötigt, die wiederum auf die journalistischen Produkte als Inhalte ihrer Distribution angewiesen sind.“ (ebd., S. 58) Der Begriff Ko-Orientierung beinhaltet für Altmeppen, dass Organisationssysteme durch wechselseitige Beeinflussungen, Rücksichtnahmen und Anpassungen in Beziehung zueinander stehen. Die Abstimmung erfolgt über die Kommunikation der Beziehungspartner und über strukturelle Verflechtungen, etwa indem „Akteure des Redaktionsmanagements zugleich Mitglieder des Medienmanagements sind“ (ebd., S. 60 u.206) und umgekehrt.

Altmeppen argumentiert funktional und auf systemtheoretischer Grundlage, wenn er schreibt, dass Medienorganisationen nach dem Systemcode Zahlung/Nichtzahlung handeln, die journalistischen Organisationen hingegen nach dem Code öffentlich/nicht-öffentlich. Die Redaktionen, freien Journalistenbüros oder Nachrichtenagenturen liefern ihm zufolge den Medienorganisationen journalistische Inhalte und erhalten dafür im Gegenzug die notwendigen Ressourcen, um ihre Angebote zu erstellen. (vgl. ebd., S. 201f.)

Diese Argumentation erscheint aus strukturationstheoretischer Perspektive im Falle der Redaktionen jedoch nicht konsequent: Medienunternehmen können unterschiedliche Güter und Dienstleistungen anbieten (Geschäftsfelder), darunter Medienangebote mit journalistischen Inhalten. Auf dem Anzeigenmarkt verfolgen sie mit diesen journalistischen Produkten wirtschaftliche Ziele, auf dem Lesermarkt treten neben die wirtschaftlichen (Einzelverkauf und Abonnements) auch publizistische, vom Medienrecht beeinflusste Ziele (nicht-interessengeleitete Veröffentlichung von gesellschaftlich relevanten Themen). Für die Erfüllung dieser publizistischen Ziele bilden sich spezielle redaktionelle Strukturen heraus, die der Redaktion im Vergleich zu anderen Abteilungen oder Geschäftsbereichen eine relativ große Autonomie innerhalb des Medienunternehmens verschaffen und so die „innere Pressefreiheit“ sichern (vgl. Pörksen, Loosen & Scholl 2008, S. 18).

Redaktionen und privatwirtschaftliche Medienunternehmen sind dabei allerdings nicht als gleichberechtigt nebeneinanderstehende Organisationssysteme anzusehen. Die Redaktionen sind vielmehr organisatorisch in die Medienunternehmen eingebettet. Diese Einbettung zeigt sich unter anderem darin, dass sämtliche Redaktionsmitglieder gleichzeitig Mitglieder des Medienunternehmens sind und dessen Regeln befolgen, was aber andersherum nicht für alle Unternehmensmitglieder gilt. Hinzu kommt, dass die Manager eines Medienunternehmens oder die Verleger eines Zeitungsverlages steuernd in die Belange der Redaktion eingreifen können, indem sie ihnen die Etats kürzen, Ressorts auslagern oder von ihrer Richtlinienkompetenz Gebrauch machen. Die Redaktionen können zudem ohne eine Organisation, welche die erforderlichen Ressourcen für sie erwirtschaftet, nicht fortbestehen, die Medienunternehmen hingegen – bei erfolgreicher Änderung ihrer Angebotsstrategie – sehr wohl ohne die Redaktionen.

Will sich ein Zeitungsverlag jedoch als Anbieter von Qualitätsjournalismus am Markt positionieren (Qualitätsstrategie), so wird er den Redaktionen mehr Souveränität einräumen müssen. Ein solcher Machtverzicht wird deshalb notwendig, weil die publizistischen Ziele des ‚Qualitätsjournalismus' danach verlangen, dass eine Redaktion diesen Zielen zuwiderlaufende, rein wirtschaftlich motivierte ‚Übergriffe' aus anderen Verlagsbereichen abwehrt[2].

In dieser Arbeit geht es ausschließlich um Zeitungsverlage, die mit ihren redaktionellen Zeitungsund Online-Angeboten eine konsequente Qualitätsstrategie verfolgen und dies glaubhaft nach außen kommunizieren wollen. Deshalb sollen Redaktionen hier aus einem strukturationstheoretischen Blickwinkel als relativ autonom agierende soziale (Teil-)Systeme organisierten Handelns betrachtet werden, die über eigene Ziele und Strukturen verfügen. Sie stehen zwar in einem rekursiven Verhältnis der Regulierung und Strukturierung zum Medienunternehmen, dem sie angehören (vgl. Altmeppen 2006b, S. 236), versuchen aber, die Einflussnahme von Controllern oder Anzeigenleitern auf ihr journalistisches Tätigkeitsfeld zu begrenzen.

  • [1] Eine ausführliche Darstellung der Vorzüge einer strukturationstheoretisch fundierten Organisationstheorie liefern Ortmann, Sydow und Windeler (2000, S. 321–324)
  • [2] Siehe dazu die Ausführungen in Abschnitt 5.3 zum Qualitätskriterium der Unabhängigkeit
 
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