Desktop-Version

Start arrow Medien und Kommunikationswissenschaft arrow Die transparente Redaktion

< Zurück   INHALT   Weiter >

3.2.2 Strukturation und Organisation

Anthony Giddens will die Strukturationstheorie als eine Sozialtheorie verstanden wissen, die sich mit dem Wechselspiel zwischen menschlichem Handeln und sozialen Institutionen beschäftigt. Die Institutionen bilden den strukturellen Kontext, die Bedingungen, unter denen die Akteure handeln und die sie durch deren Handeln (re)produzieren. (vgl. Giddens 1997, S. 30; Walgenbach 2006, S. 403f.) Elisabeth Göbel (2002, S. 3) definiert Institutionen als „Systeme von verhaltenssteuernden Regeln bzw. durch diese gesteuerte Handlungssysteme, die Problembereiche menschlicher Interaktion gemäß einer Leitidee ordnen, die für längere Zeit und einen größeren Kreis von Menschen gelten und deren Beachtung auf unterschiedliche Art und Weise durchgesetzt wird". Für Giddens (1984, S.17) sind Institutionen „diejenigen gesellschaftlich auferlegten, regelmäßigen Praktiken, die innerhalb gesellschaftlicher Totalitäten die größte Ausdehnung in Zeit und Raum aufweisen“. Und Altmeppen (2006b, S. 30) bezeichnet sie als „Ordnungsanker innerhalb einer komplexen und sich verändernden Wirklichkeit, die den Menschen langfristig Orientierung geben“.

Entlang der drei strukturellen Dimensionen sozialer Systeme (Signifikations-, Legitimationsund Herrschaftsordnung) lassen sich gesellschaftsweite, supraorganisationale institutionelle Ordnungen – politische, ökonomische, rechtliche oder symbolische Institutionen – von organisationalen, das heißt nur innerorganisatorisch gültigen Institutionen unterscheiden. Ein Beispiel für supraorganisationale Institutionen oder Strukturen sind die in der Bundesrepublik geltenden medienrechtlichen Normen. Organisationen verfügen dagegen über institutionelle Ordnungen, die nur für den eingegrenzten Kreis der Organisationsmitglieder unmittelbar handlungsleitend sind. (vgl. Giddens 1997, S. 83–88; Ortmann, Sydow & Türk 2000, S. 32; Ortmann, Sydow & Windeler 2000, S. 328)

Durch das strukturationstheoretische Konzept der Rekursivität ist es somit möglich, (1) das innerorganisatorische Wechselspiel zwischen Handeln und Struktur und (2) die wechselseitigen Beziehungen der Organisationen zu ihrer institutionellen Umwelt, also zu den supraorganisationalen Institutionen und zu anderen Organisationen zu analysieren. Diese beiden Untersuchungsfelder gilt es nun noch etwas genauer abzuschreiten.

(1) Analyse der innerorganisationalen Strukturation

Wie in Abschnitt 3.1 beschrieben sind moderne Organisationen entsprechend dem in dieser Arbeit verwendeten Begriffsverständnis dadurch gekennzeichnet, dass sie dauerhaft bestimmte Ziele verfolgen und über eine formale Struktur und einen begrenzten Kreis von Mitgliedern verfügen. Auf Basis der Strukturationstheorie lassen sie sich als soziale Systeme organisierten Handelns begreifen, die durch reflexive Strukturation entstehen und in denen sich die Akteure in ihrem Handeln rekursiv auf Strukturen beziehen und diese fortschreiben (vgl. Ortmann, Sydow & Windeler 2000, S. 317f.).

Strukturen in Form von Regeln und Ressourcen ermöglichen und restringieren zugleich das Handeln der Akteure. (vgl. ebd., S. 319) Über Jahre eingespielte Rechercheregeln zum Beispiel ermöglichen zwar ein routiniertes, systematisches Vorgehen bei der Recherche, sie verstellen aber unter Umständen auch den Blick auf völlig neue Recherchewege, wie sie durch das Umsichgreifen von Social Media Plattformen, Blogs oder Wikis im Internet entstanden sind. Doch die Strukturen sind nicht nur Medium, sondern auch Ergebnis von Handlungen (Konzept der Dualität von Struktur): Wenn die Recherche in Blogs oder Wikis für die Redaktionsmitarbeiter zur gängigen Praxis wird, so können dadurch neue Strukturen entstehen – etwa indem eine Zeitungsredaktion dafür eine eigene Social Media Plattform installiert und ihre Redakteure zum täglichen Bloggen anhält.

Was Giddens unter Regeln und Ressourcen versteht, wurde in Abschnitt 3.2.1 bereits kurz erläutert. Als strukturelle Eigenschaften weisen sie eine gewisse Allgemeinheit auf, so dass sie in unterschiedlichen Situationen und für unterschiedliche Zwecke anwendbar sind [1]. Besonders zu beachten ist, dass Regeln und Ressourcen nur in dem Maße existieren, in dem die Akteure sie tatsächlich anwenden oder mobilisieren. (vgl. Zimmer & Ortmann 2001, S. 32f.)

Dass Ressourcen erst durch soziale Konstitutionsprozesse zu Ressourcen werden, dass die Akteure sie also erst dazu machen müssen, lässt sich abermals am oben genannten Beispiel zeigen: Erst wenn die Leserkommentare auf der von der besagten Zeitungsredaktion eingerichteten Social Media Plattform regelmäßig zur Recherche und Themenfindung genutzt werden, stellen die Plattform und das darüber generierte Wissen Ressourcen dar, die in die Produktion der Zeitungsinhalte einfließen.

Regeln als generalisierbare [2] Verhaltensund Verfahrensweisen der Praxis zeigen sich ebenfalls erst im Handeln der Akteure. Im Unterschied zu den Ressourcen, die sich in gewisser Weise „anhäufen“ (akkumulieren) lassen, existieren sie jedoch nur in ihrer Erinnerung. (vgl. ebd.) Formale, explizit formulierte Regeln sind demnach lediglich kodifizierte Interpretationen dieser in den Köpfen vorhandenen Regeln („codified interpretations of rules“), sie werden unter anderem in Organigrammen oder strategischen Plänen festgehalten. Während in der Organisationstheorie häufig die vom Management festgeschriebene Organisationsstruktur im Vordergrund steht, setzt Giddens also bei den tatsächlich ‚gelebten' Regeln an, die erst in ihrer situativen und kontextuellen Anwendung zum Vorschein kommen[3]. (vgl. Ortmann, Sydow & Windeler 2000, S. 329f.)

Weichen diese Regeln vom formalen Regelwerk ab, so entsteht eine informelle Struktur, welche die offizielle Struktur erweitert und ergänzt oder zu ihr im Widerspruch steht und sie damit unterläuft. Erschwerend kommt hinzu, dass sich gerade im Journalismus längst nicht alle Handlungen detailliert durch festgelegte Regeln steuern lassen, „denn es geht nicht um Aktenvorgänge und deren – häufig aufschiebbare – Entscheidung, sondern es geht in journalistischen Organisationen um Veröffentlichungsentscheidungen unter Zeitdruck bei selten vorhersehbaren Ereignissen“ (Altmeppen 2006b, S. 71). Altmeppen zufolge sind die Regeln im Medienbereich daher tendenziell eher oberflächlich statt intensiv und detailliert, stillschweigend statt diskursiv, informell und schwach sanktioniert angelegt. (vgl. ebd., S. 52)

Für das Management von Organisationen folgt daraus, dass die Führungskräfte ständig hinterfragen müssen, ob die kodifizierten Interpretationen der Regeln den in den Köpfen der Akteure vorhandenen Regeln überhaupt entsprechen und inwiefern die vermeintlichen Ressourcen auch tatsächlich genutzt werden, damit die formale, unter anderem in Organigrammen und Stellenbeschreibungen zum Ausdruck kommende Struktur nicht nur zum Schein und auf dem Papier existiert. Will man sich den tatsächlich ‚gelebten' Strukturen einer Organisation nähern, so kann das auf zwei Wegen geschehen: Zum einen kann man die handelnden Akteure nach den von ihnen angewandten Regeln und regelmäßig genutzten Ressourcen fragen und jene somit aus der Teilnehmerperspektive ermitteln. Das setzt allerdings voraus, dass den Akteuren diese Regeln und Ressourcen diskursiv bewusst sind. Die andere Möglichkeit besteht darin, die Akteure in ihrem Arbeitsalltag zu beobachten, um generalisierte Verfahrensweisen zu entdecken und zu sehen, ob und wie sie auf die Ressourcen zugreifen. (vgl. Osterloh & Grand 2000, S. 358)

Darüber hinaus kann und wird das Management jedoch auch versuchen, die organisationalen Strukturen nach Maßgabe der jeweiligen Ziele bewusst zu formen und zu verändern. Dieser Versuch beinhaltet die Neuformulierung von Regeln sowie die Veränderung und Umverteilung von Ressourcen. Gemäß der von Giddens herausgestellten Dualität von Struktur ist dabei jedoch zu beachten, dass auch dieses strategische Managementhandeln umgekehrt von den gelebten Strukturen beeinflusst wird. (vgl. Altmeppen 2006b, S. 55–57; Zimmer & Ortmann 2001, S. 37–39) In einer Redaktion zum Beispiel, in der die Redakteure sich vor allem in der Rolle der kritischen Beobachter und weniger als Dienstleister ihrer Leser sehen (Regeln der Sinnkonstitution) und sich an den Verfahrensregeln des investigativen Journalismus orientieren, wird der Chefredakteur es relativ schwer haben, seine „Strategie der Lesernähe“ umzusetzen und seine Mitarbeiter für die sich daraus ergebenden Aufgaben des Redaktionsmarketing zu begeistern.

Außerdem kann auch das Managementhandeln wie jede Handlung nicht intendierte Folgen haben oder durch unerkannte situative und strukturelle Handlungsbedingungen unvorhergesehene Umweltentwicklungen und Vorgänge im

Unternehmen konterkariert werden, was dann wiederum eine Kurskorrektur erforderlich macht. (vgl. Zimmer & Ortmann 2001, S. 42) „Die Kunst des strategischen Managements liegt dann darin, so zu führen, dass die Intentionen realisiert werden können, während gleichzeitig auch auf sich entfaltende Handlungsund Verhaltensmuster reagiert wird.“ (ebd., S. 40)

(2) Analyse der Umweltbeziehungen

Mit dem Konzept der Rekursivität lässt sich neben dem Binnenverhältnis von Organisationsstruktur zu organisationalem Handeln auch das Außenverhältnis von Organisationen zu ihrem gesellschaftlichen Umfeld beschreiben. Damit ist sowohl ihr rekursives Konstitutionsverhältnis zu supraorganisationalen Institutionen als auch ihr Verhältnis zu anderen Organisationen und nichtorganisierten Akteuren gemeint.

Im ersten Fall lässt sich sagen, dass Organisationen als korporative Akteure nicht nur von den gesellschaftlichen Strukturen beeinflusst werden, sondern diese Strukturen auch ihrerseits (re-)produzieren. (vgl. Ortmann, Sydow & Türk 2000, S. 19f.; Ortmann, Sydow & Windeler 2000, S. 327f.) Das Presserecht oder die Medienaufsicht etwa stellen rechtliche und politische Strukturen des Journalismus und der Medienmärkte dar, die organisationales Handeln (die Organisation wird hier zum handelnden, korporativen Akteur) ermöglichen und begrenzen. Umgekehrt wirken die Medienorganisationen aber auch auf die politischen und rechtlichen Regulationen zurück, die sie betreffen, und zwar oftmals in strategischer Absicht: Indem sich die Zeitungsverlage zum Beispiel unter dem Stichwort Leistungsschutzrecht für einen verstärkten Schutz ihrer Urheberrechte im Internet einsetzen, versuchen sie die urheberrechtlichen Regulationen zu ihren Gunsten zu beeinflussen (vgl. Beck, Reineck & Schubert 2010, S. 183186)[4]. Zimmer und Ortmann (2001, S. 47–49) sprechen in diesem Zusammenhang von „rekursiver Regulation“ und von „strategischer Institutionalisierung“.

Auch zwischen verschiedenen Organisationen sind vielfältige Wechselbeziehungen denkbar: Auf der Handlungsebene können die Mitglieder mit den Mitgliedern anderer Organisationen in Interaktion treten (was sich rekursiv auf die Strukturen beider Organisationen auswirken kann), und auf der Strukturebene können Schnittstellen oder Kopplungen bestehen, so dass sich die Strukturen einer Organisation auch auf die Mitglieder einer anderen auswirken. Solche Beziehungen entstehen zum einen innerhalb des journalistischen Systems, zum

Beispiel wenn Zeitungsverlage Kooperationen mit anderen Verlagen eingehen, sich von Journalistenbüros oder Agenturen Material zuliefern lassen oder für ihre Redakteure und Volontäre die Ausund Weiterbildungsangebote von Berufsorganisationen wie der Akademie für Publizistik in Hamburg nutzen. Zum anderen unterhalten die Redaktionen Beziehungen zu Organisationen anderer gesellschaftlicher Teilsysteme, etwa zu PR-Agenturen und Unternehmen bzw. zu deren Pressestellen.

„Interorganisationale Strukturierung lässt sich beispielsweise mit Blick auf die PR diskutieren, denn für die PR geht es darum, informative Inhalte als journalistische Produkte ‚verkleidet' zu publizieren und Einfluss auf die journalistischen Strukturen wie auch auf die Akteure zu nehmen.“ (Altmeppen 2006b, S. 41)

Zu beachten ist jedoch, dass nicht alle Akteure, mit denen es eine Organisation zu tun hat, selbst organisiert sind. Zeitungsredaktionen beispielsweise treten ständig in Interaktion mit einzelnen Lesern und Informanten, sie beauftragen einzelne freie Journalisten oder engagieren einen freien Unternehmensberater. Auch diese Beziehungen können die innerorganisationale Struktur beeinflussen. Und noch etwas ist hier in den Blick zu nehmen, nämlich dass Organisationen auch in mehrere soziale Systeme ‚zerfallen' können, die über unterschiedliche, aus jeweils eigenen Zielsetzungen abgeleitete Strukturen verfügen (vgl. Becker 1996, S. 125). Altmeppen (2006b, S. 58–61) trennt deshalb begrifflich zwischen Medienorganisationen und journalistischen Organisationen – eine Herangehensweise, die im nächsten Abschnitt noch genauer erläutert und kritisch diskutiert wird.

  • [1] Durch diese Allgemeinheit haftet ihnen allerdings auch eine noch zu füllende „Leere“ an, weshalb sie in einer bestimmten Handlungssituation der Konkretisierung und Interpretation bedürfen. (vgl. Zimmer & Ortmann 2001, S. 33f.) „Der analytische Ort dieser Vermittlung von Handlung und Struktur sind bei Giddens die Modalitäten: die mit den Indizes des Hier, Jetzt und So versehenen (und dabei also situationsspezifisch interpretierten und modifizierten) Regeln und Ressourcen.“ (ebd., S. 34)
  • [2] Generalisierbar bedeutet, dass sich die Regeln nicht auf konkrete Inhalte, Situationen oder Personen, sondern auf Positionen (Stellen), Abteilungen, Ressorts oder auf die Körperschaft insgesamt beziehen. (vgl. Ortmann, Sydow & Windeler 2000, S. 319)
  • [3] „Die derart konkretisierten, das heißt von jemandem mit spezifischen Erfahrungen und Kompetenzen in Gebrauch genommenen Regeln und Ressourcen heißen bei Giddens Modalitäten.“ (Ortmann, Sydow & Windeler 2000, S. 330)
  • [4] Regulierung umschreibt Altmeppen (2006b, S. 236) als den „Versuch, durch strategisches Handeln Einfluss auf die Entwicklung von Unternehmen, Branchen und Märkten zu nehmen“
 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics