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2.3.4 Bezugsebenen der Transparenz

Wenn von Transparenz im Journalismus die Rede ist, so wird dadurch noch nicht klar, was eigentlich genau transparent sein soll. Das „Produkt Zeitung“ in seiner inhaltlichen Zusammensetzung, eine Redaktion oder etwa der einzelne Journalist? Wie lassen sich verschiedene Betrachtungsebenen analytisch voneinander trennen und zu einem Bezugsebenenmodell anordnen, um sie dann jede für sich und im Zusammenspiel mit den anderen Ebenen genauer durchleuchten zu können? Zur Beantwortung dieser Fragen soll auf Modelle zurückgegriffen werden, welche die Bezugsebenen der Journalismusforschung im Allgemeinen und der Qualitätsund Glaubwürdigkeitsforschung im Besonderen darstellen.

Ein oft bemühtes Modell zur Analyse des Journalismussystems und zur dementsprechenden Einordnung der auf Qualität fokussierten Forschungsarbeiten ist das in den 90er-Jahren von Siegfried Weischenberg vorgelegte Kontextmodell des Journalismus, das er ursprünglich mit einer Zwiebelmetapher bedacht hatte und das deshalb immer noch als „Zwiebelmodell“ herumgereicht wird. (vgl. Weischenberg 1992, S. 67–70, 2004, S. 67–71; Scholl & Weischenberg 1998, S. 20–22) Er hat das in Abbildung 1 nachgezeichnete Modell unter anderem herangezogen, um die verschiedenen Bereiche der journalistischen Qualitätsforschung darzustellen. (vgl. Weischenberg 2006a, S. 13–21, 2006b, S. 669– 676)

Abbildung 1: Gegenstände der Journalistik (Quelle: verändert nach Weischenberg 2004, S. 71)

Die äußere, alles andere umhüllende Schicht bildet das Mediensystem mit den dafür geltenden Normen, womit unter anderem die rechtlichen Grundlagen und professionellen Standards gemeint sind. Darunter liegen die Medieninstitutionen, die bestimmte Strukturen ausgeformt haben und dadurch die Bedingungen und Zwänge der journalistischen Arbeit festlegen. Auf der Ebene der Medienaussagen verortet Weischenberg „Leistungen und Wirkungen des Systems Journalismus“. Zentrale Fragen sind hier, wie Medienaussagen zustande kommen, welchen Einflüssen Journalisten dabei ausgesetzt sind und welche Wirkungen und Rückwirkungen ihre Berichterstattung hat. Im Kern des Gebildes befinden sich schließlich die Medienakteure mit ihrem jeweiligen Rollenselbstverständnis, ihren Erfahrungen, Einstellungen und Kompetenzen. (vgl. Weischenberg 2004, S. 69–70)

Weischenberg (2006a, S. 13) formuliert den Anspruch, mit seiner Kreismodelldarstellung „interne Einflusshierarchien“ zu beschreiben. Die von ihm vorgenommene Systematisierung und Hierarchisierung wirft jedoch Probleme auf:

Ÿ Zum einen wird auf der Ebene der Medienaussagen nicht klar getrennt zwischen den (grundsätzlichen) Mustern und Regeln der Berichterstattung und dem jeweiligen Ergebnis der journalistischen Arbeit, nämlich den konkreten Medieninhalten.

Ÿ Zweitens werden auf der Ebene der Medienaussagen auch externe Organisationen und Rollenträger beschrieben, die auf die journalistische Aussagenproduktion Einfluss nehmen, nämlich Informanten und Rezipienten (im Weischenbergschen Modell nur in Form von Rückkopplungen). Diese externen Größen wirken aber ebenso auf die Ebenen der Medieninstitutionen und der Medienakteure ein und zurück, so dass eine solche Zuordnung nicht logisch erscheint.

Ÿ Ein dritter wesentlicher Einwand gegen die Kreismodell-Darstellung besteht darin, dass Journalisten als Akteure eine ständig neu zu erschaffende kreative und intellektuelle Leistung erbringen, weil die aktuellen Medieninhalte eben nicht standardisierbar und nach einem immer gleichen ‚Rezept' zu fertigen sind, sondern je nach Thema, Situation und Herangehensweise anders ausfallen. Deshalb ist das Handeln der Medienakteure auch nur bedingt durch Normen, Strukturen und Funktionen des Journalismus steuerbar und wirkt auch umgekehrt auf diese zurück. Dem Akteur müsste demnach eine größere Bedeutung und Autonomie zugestanden werden [1]. (vgl. Reus 1998, S. 252–255)

Aufgrund der genannten Kritikpunkte soll hier ein anderes BezugsebenenModell für die Analyse von Transparenz im Journalismus entwickelt werden. Dabei wird zunächst auf eine grundsätzliche Trennung zurückgegriffen, die René Seidenglanz (2008) in Anlehnung an Werner Wirth (1999) vorgenommen hat, um die Bezugsebenen von Glaubwürdigkeitszuschreibungen darzustellen: Er trennt die Medieninhalte und deren Präsentationsformen (Produktebene) von der Vermittlungsebene. Dort befinden sich die verschiedenen Vermittlungsinstanzen, welche diese Inhalte und Präsentationsformen auswählen und erzeugen. (vgl. Seidenglanz 2008, S. 50–58; Wirth 1999, S. 55f.)

Sowohl auf den Produktals auch auf den Vermittlungsebenen können Rezipienten nach Anhaltspunkten suchen, die der Qualitätsbewertung dienen: Wenn sie auf der Inhaltsund Präsentationsebene wegen der eingeschränkten Qualitätstransparenz von Medienprodukten als Vertrauensgütern nicht fündig werden, können sie den Blick auf die Vermittlungsebene richten. Dort lässt sich beispielsweise vom jeweiligen Entstehungskontext eines Zeitungsartikels auf dessen Güte schließen oder von den organisatorischen Maßnahmen zur Qualitätssicherung auf die Güte des gesamten redaktionellen Zeitungsteils und damit auch auf die Güte einzelner Artikel. Diese Beispiele zeigen bereits, dass sich beide Ebenen noch weiter auffächern und dann zueinander in Beziehung setzen lassen.

Die in Abbildung 2 gewählte Darstellung der Bezugsebenen von Transparenz beruht auf eigenen Überlegungen in Anlehnung an verschiedene Quellen. (vgl. Donsbach 1987, S. 125–128; Seidenglanz 2008, S. 52) Auf der Produktebene sind die Medieninhalte und deren Präsentationsformen angesiedelt. Aus medienökonomischer Perspektive sind Medienprodukte duale Güter, die einerseits von den Rezipienten und andererseits von der werbetreibenden Wirtschaft nachgefragt werden (vgl. Beyer & Carl 2004, S. 10f.). In dieser Arbeit soll jedoch nur der redaktionelle, von Journalisten gestaltete Teil des Produktes betrachtet werden, nicht aber der werbliche Teil. Der Begriff Produkt wird hier demnach enger gefasst, weshalb im Folgenden auch von journalistischen Produkten die Rede sein wird.

Die Journalisten und Redakteure verwandeln Sachverhalte und Ereignisse, die sie selbst wahrnehmen oder erzählt bekommen, in journalistische Beiträge (Zeitungsartikel, Fernsehoder Radiobeiträge), die je nach Präsentationsoder Darstellungsform (Bericht, Reportage, Kommentar etc.) eher tatsachenbetont oder durch die eigene Wahrnehmung und Meinung gefärbt sind und die auch optisch unterschiedlich präsentiert werden können. Die journalistischen Beiträge haben Unikatscharakter, weil sie ständig neu produziert und verändert werden. Dieser Unikatscharakter aber erschwert die Qualitätsbeurteilung der ohnehin schon komplexen Produkte (vgl. ebd.: 14). Einigermaßen leicht zu durchschauen ist nur der durch die inhaltliche und formale Produktkonzeption festgelegte wiederkehrende ‚Rahmen'. Dazu zählen unter anderem das Layout, die Einteilung in Bücher und Rubriken, feste Formate wie zum Beispiel der „Tipp des Tages“ oder das Standardinterview „Drei Fragen an…“. (vgl. Funk 2006, S. 149)

Auf der Vermittlungsebene befinden sich Organisationen und handelnde Akteure. Neben den Redaktionen sind dort die Zulieferer angesiedelt, darunter freie Journalisten, Journalistenbüros, Nachrichtenagenturen und andere Informationsdienste. Aus dem Blickwinkel der einzelnen Redaktion sind sie deren Umwelt zuzurechnen, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, dass einige ähnlich oder genauso in die redaktionellen Arbeitsprozesse eingebunden sind wie die (festangestellten) Redaktionsmitglieder.

Abbildung 2: Bezugsebenen zur Erforschung der Transparenz im Journalismus (Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an Seidenglanz 2008, S. 52)

Die Redaktionen werden in dieser Arbeit als relativ eigenständige Organisationen behandelt – eine Vorgehensweise, die in Abschnitt 3.2.3 dieser Arbeit noch zu begründen sein wird. Die Medienorganisationen, unter deren Dach die Redaktionen angesiedelt sind, zählen demnach im engeren Sinne zur Aufgabenumwelt [2], wobei aber zu berücksichtigen ist, dass die Redaktionen strukturell eng an sie gekoppelt sind. Weil Zeitungsverlage und Medienkonzerne nicht nur mit journalistischen Inhalten, sondern auch mit Werbung und anderen nichtjournalistischen Produkten ihr Geld verdienen, kann es innerhalb der Unternehmen zu Interessenkonflikten und Einflussnahmen auf redaktionelle Entscheidungen kommen. Auch die Offenlegung dieser unternehmensinternen Schnittstellen und Beziehungen zwischen der Redaktion und den anderen Unternehmensbereichen kann Gegenstand der Betrachtung sein. Das Gleiche gilt für die Schnittstellen und Beziehungen zur sonstigen Umwelt.

Die Redaktionsorganisationen lassen sich anhand einiger Basisoder Kernelemente wie den Zielen, der formalen Struktur[3] und der sachlich-räumlichen Ausstattung in ihren Grundzügen beschreiben. (vgl. Preisendörfer 2011, S. 58ff.) Wie sie darüber hinaus als komplexe soziale Gebilde erforscht werden, hängt von der dahinterstehenden organisationstheoretischen Perspektive ab. Dem instrumentellen Begriffsverständnis zufolge ist die Organisation ein Instrument der Betriebsführung, das es ermöglicht, das Handeln der Mitarbeiter den Zielen gemäß zu steuern [4]. Durch die formale Struktur wird festgelegt, welche Aufgaben die Mitarbeiter übernehmen und wie die Arbeitsprozesse ablaufen. (vgl. Schreyögg 2008, S. 5–8)

Gegen diese Sichtweise lässt sich jedoch einwenden, dass Organisationen keine bloße ,Knetmasse' der Manager sind, die sich durchformen und bis ins letzte Detail hinein rational planen lassen. Das Handeln der Redaktionsmitarbeiter ist, wie bereits dargelegt wurde, nur bedingt durch die formale Struktur steuerbar, sondern abhängig von der Lage auf dem Nachrichtenmarkt, von anderen Umweltbedingungen und von den Akteuren selbst, ihrem Wissen und ihren Erfahrungen. Außerdem wirkt das Handeln auch umgekehrt auf die Organisationsstruktur zurück. (vgl. Altmeppen 2006b, S. 42 f., 2003, S. 120; Reus 1998, S. 253; Schreyögg 2008, S. 10) Das hier skizzierte Verständnis der Redaktionsorganisation als einem sozialen System findet sich im institutionellen Organisationsbegriff wieder, der in Abschnitt 3.1 noch genauer erläutert wird. (vgl. z.B. Schulte-Zurhausen 2005, S. 1f.)

  • [1] Gunter Reus (1998) weist denn auch auf den geringen Spielraum hin, den Weischenberg dem Subjekt als Teil des Systems einräumt und fordert – auch im Hinblick auf die Qualitätsforschung eine stärkere Beachtung des Akteurs und seiner individuellen Leistung im System Journalismus: „Auf den Akteuren lasten (…) wie Panzer das System, die Strukturen, die Zwänge. Weischenberg leugnet nicht die Existenz der Subjekte, aber er schließt sie ein in eine Zelle ohne Ausgang. Selbst die journalistische Leistung drückt noch hierarchisch auf ihre Urheber. Sie scheinen die Gefangenen ihrer eigenen Produkte zu sein.“ (ebd., S. 253)
  • [2] Zum Begriff der Aufgabenumwelt siehe die Ausführungen in Abschnitt 7.1 dieser Arbeit
  • [3] Die formale Struktur wird häufig als eine Art ‚Bauplan' der Organisation aufgefasst, als Gesamtheit der Vorgaben, mit denen das Management die Organisationsziele erreichen will. (vgl. Preisendörfer 2011, S. 66)
  • [4] Dabei ist wiederum der funktionale vom konfigurativen Organisationsbegriff zu unterscheiden: Aus funktionaler Sicht wird Organisation als eine Aufgabe oder Funktion der Unternehmensführung betrachtet, nämlich als die Umsetzung des Geplanten durch generelle und fallweise Regelungen. Demgegenüber wird Organisation aus der konfigurativen Sicht als an der Erreichung bestimmter Ziele ausgerichtete und auf Dauer angelegte Strukturierung von Arbeitsprozessen begriffen, als eine feste Ordnung, die den Rahmen für laufende Dispositionen bildet und ihnen vorgelagert ist. Hier fallen nur die generellen Regelungen unter den Organisationsbegriff. (vgl. Schreyögg 2008, S. 5–8)
 
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