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2.3.3 Fremdund Selbsttransparenz

Je nachdem, von wem die Initiative zur Herstellung von Transparenz ausgeht, lassen sich zwei grundlegende Spielarten unterscheiden, nämlich Fremdund Selbsttransparenz (vgl. Meier & Reimer 2011, S. 137f.):

Der Begriff Fremdtransparenz (outside transparency) steht für eine Form der Transparenz, die durch Außenstehende erzeugt wird, im Falle der Medienorganisationen beispielsweise durch Medienjournalisten, sogenannte Media Watchblogs im Internet (vgl. Fengler 2008) und durch unternehmensunabhängige Organe der Medienselbstkontrolle wie den Deutschen Presserat oder die Initiative Nachrichtenaufklärung (vgl. Pöttker 2005, 2007, 2013; Stapf 2005).

Stephan Ruß-Mohl (2008, S. 104) zufolge müssten die Medienunternehmen mehr Platz für die redaktionelle Berichterstattung über Medien und Journalismus insgesamt bereitstellen, nicht zuletzt damit die eigene Öffentlichkeitsarbeit nicht ins Leere läuft, sondern von anderen Medien aufgegriffen wird. In der Literatur wird allerdings auf eine grundsätzliche Schwierigkeit des Medienjournalismus hingewiesen, nämlich auf das Spannungsverhältnis, in dem Journalisten stehen, wenn sie als Angehörige des Mediensystems über Unternehmen und Kollegen aus der eigenen Branche berichten müssen[1].

Bei den Media Watchblogs stellt sich dieses Problem ebenfalls, sofern sie von professionellen Journalisten betrieben werden und sich somit dem Medienjournalismus zurechnen lassen. (vgl. Wied & Schmidt 2008, S. 180) Zumindest in den USA könnte die Entwicklung jedoch in eine andere Richtung gehen: In einer explorativen Studie über Medienkritik in US-amerikanischen Blogs hat Susanne Fengler herausgefunden, dass im Jahr 2007 die Mehrzahl der MedienBlogs nicht von Berufsjournalisten, sondern von „Bürger-Journalisten“ betrieben wurde, darunter Anwälte, Manager und Musiklehrer. Sie weist darauf hin, dass durch die einfach und kostengünstig einzurichtenden Internet-Blogs nicht länger nur medienkritische Organisationen, sondern auch Einzelpersonen die Möglichkeit haben, breitere Kreise der Öffentlichkeit zu erreichen. Die Medienjournalisten bei den etablierten Medien und den Fachmedien bekommen dadurch verstärkt Konkurrenz durch neue, beruflich unabhängigere Akteure der Medienkritik. (vgl. Fengler 2008, S. 157f.)

Mit Selbsttransparenz (self transparency) ist in Abrenzung zur Fremdtransparenz die von einem System oder einer Organisation selbst und freiwillig erzeugte Transparenz gemeint, was aber nicht ausschließt, dass die Informationen auch von anderen Medien weiterverbreitet werden. Wenn eine Redaktion auf diese Linie einschwenkt, muss sie anfangen, über sich selbst zu reden, um für Außenstehende sichtund verstehbar zu werden. Zur journalistischen Fremdberichterstattung kommt dann diese Form der Selbstberichterstattung hinzu. (vgl. Meier & Reimer 2011, S. 142)

Die meisten Redaktionen geben ihren Lesern in irgendeiner Form Einblicke in ihre Arbeit – sei es nun beim Tag der offenen Tür oder bei einer Podiumsdiskussion über ,Qualitätsjournalismus'. Noch weitestgehend unerforscht ist jedoch die Frage, wie Redaktionen möglichst umfassend und systematisch für Transparenz sorgen können. Zu analysieren ist auch, welche Grenzen und Risiken einer solchen Offenheit entgegenstehen.

Wie „gläsern“ eine Redaktion tatsächlich ist, liegt also nicht in der Natur der Sache. Sie hängt zum einen von der Transparenzpolitik der Verlage ab, also davon, inwiefern die Redakteure die Erlaubnis und den Willen haben, sich bei der Arbeit über die Schulter sehen zu lassen und Informationen nach außen zu geben. Zum anderen können Außenstehende aber auch aktiv nach entsprechenden Informationen suchen und sich – auch gegen den Willen der Organisation – Zugang dazu verschaffen. Diese Arbeit beschäftigt sich mit der von den Redaktionen selbst und freiwillig erzeugten Transparenz. Die Schaffung von Selbsttransparenz wird dabei als Managementaufgabe betrachtet, die sich in verschiedene Teilaufgaben und Prozessschritte untergliedern lässt.

  • [1] Als Problem wird hier diskutiert, dass Medienjournalisten demselben System angehören wie die Medienunternehmen, über die sie berichten, was dazu führen kann, dass sie „Kollegenschelte“ vermeiden und Konkurrenzunternehmen umso heftiger angehen. (vgl. Malik 2004, S.172) Wenn das Mediensystem über das Mediensystem berichtet, handelt es sich systemtheoretisch betrachtet um eine Form der journalistischen Selbstthematisierung und nicht wie sonst im Journalismus um eine nicht-interessengeleitete Auseinandersetzung mit anderen Systemen, also nicht um eine Fremdthematisierung. (vgl. ebd., S. 129ff.) Diese Selbstbezüglichkeit wirft die Frage auf, ob die Medienorganisationen sich gegenseitig in ausreichendem Maße kritisieren und kontrollieren und wer sie als Kontrolleure kontrollieren könnte, damit Fremdtransparenz auch zuverlässig zustande kommt. (vgl. Wehmeier & Bentele 2000, S. 20–26)
 
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