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2.3 Transparenz als Forschungsfeld

Die Diskussion um mehr Transparenz im Journalismus ist erst in jüngerer Zeit in Schwung gekommen und Teil eines globalen Trends, der sich in anderen Branchen und Disziplinen bereits stärker durchgesetzt hat, was sich unter anderem an strenger gewordenen Kennzeichnungspflichten bei Lebensmitteln und Tabak zeigt. (vgl. Craft & Heim 2009, S. 218) Dass die Öffentlichkeit nach mehr Transparenz verlangt, lässt sich aus Sicht von Craft und Heim auf mehrere Entwicklungen zurückführen:

„Globalization and the spread of democracy have created a more integrated and interdependent world where it can be critical to understand the actions and motives of people thousands of miles away. At the same time, advances in information technology have made it harder than ever to keep secrets. In the past, governments or corporations (or news organizations) could easily control the flow of information, but today the Internet has empowered individuals and grassroots organizations to learn, share their knowledge and mobilize.” (Craft & Heim 2009, S. 218f.)

Auch Neuberger und Wendelin (2012, S. 123f. u. 129) stellen die These auf, dass das Internet die Transparenz der Gesellschaft steigert. Dadurch, dass im Internet prinzipiell jeder ohne allzu großen Aufwand publizieren könne, erweitere sich die Bandbreite der diskutierten Themen und die gesellschaftlichen Bereiche seien besser einsehbar. Die Autoren weisen darauf hin, dass auch die in der Öffentlichkeit ablaufende Kommunikation selbst durch das Internet stärker sichtbar wird: „Damit sind nicht die vermittelten Inhalte, sondern das kommunikative und rezeptive Handeln sowie die beteiligten Akteure gemeint. Ein Beispiel dafür sind die ‚Datenspuren', die Nutzer im Internet ohne Absicht produzieren und durch die ihr Handeln nachvollziehbar, interpretierbar und möglicherweise auch prognostizierbar wird.“ (ebd., S. 123)

Der ‚Glashaus-Effekt' ist also längst eingetreten. Ein prominentes Opfer der technischen Entwicklung und der neuen Aufklärerbewegung war der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, dem Internet-Rechercheure nachweisen konnten, dass er große Teile seiner Doktorarbeit aus nicht von ihm zitierten Quellen abgeschrieben hatte [1]. (vgl. Bieber 2013, S. 56) Es gibt OnlinePortale wie abgeordnetenwatch.de oder offenerhaushalt.de, deren Betreiber einzelne Politiker oder den Bundeshaushalt unter die Lupe nehmen, und die Organisation Transparency International, die Korruptionsfälle offenlegt und jährlich einen „Global Corruption Report“ herausbringt [2].

Wiederkehrende Anlässe für die Forderung nach mehr Transparenz von Wirtschaftsunternehmen waren neben Korruptionsskandalen auch ethisch fragwürdige Geschäftspraktiken, die Verletzung von Verbraucherrechten und Gesetzesverstöße wie verdeckte Preisabsprachen [3]. (vgl. Klenk 2009, S. 31) Oftmals führt für die Unternehmen jedoch ohnehin kein Weg mehr daran vorbei, sich den Fragen der gesellschaftlichen Verantwortung und Transparenz zu stellen, weil die Stakeholder dies von ihnen fordern. Der Kommunikationsberater Volker Klenk (ebd.: 18) beschreibt „Corporate Transparency“ denn auch als „freiwillige unternehmerische Transparenz, die über gesetzliche Transparenzund Publizitätspflichten hinausgeht“. Sie sei eine Voraussetzung, um das Vertrauen der Stakeholder-Gruppen zu gewinnen. Journalisten und Medien werden von Klenk als „Transparenz-Treiber“ bezeichnet, weil sie Skandale aufdecken und kritisch darüber berichten. (vgl. ebd., S. 25–27)

Doch auch die Medien selbst sehen sich einer Öffentlichkeit gegenüber, die ihre Arbeit zunehmend kritisch hinterfragt und nach Erklärungen verlangt. (vgl. Craft & Heim 2009, S. 217; Donsbach, Rentsch et al. 2009) Wenn die Redaktionen es nicht den Bloggern oder Medienkritikern überlassen wollen, über ihre Arbeitsweise zu informieren, müssen sie selbst für mehr Transparenz sorgen. Das aber geschieht bislang nur in Ansätzen, viele Redaktionen tun sich immer noch schwer damit, über sich und die eigene Arbeit zu berichten, und sehen eher die Risiken – zum Beispiel was die Wahrung der redaktionellen Autonomie und den Informantenschutz anbelangt. (vgl. Meier & Reimer 2011, S. 134 u. 139)

Als Nächstes soll skizziert werden, wie weit die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Transparenz im Journalismus bislang gediehen ist (2.3.1 Zum Stand der Forschung). Anschließend wird es um die Frage gehen, wie der Begriff Transparenz überhaupt zu verstehen ist (2.3.2 Zum Wesen der Transparenz). Außerdem sind noch einige grundlegende Differenzierungen vorzunehmen, die für die weitere Untersuchung hilfreich sein werden: Transparenz kann von Außenstehenden, aber auch von den Organisationen selbst herrühren (2.3.3 Fremdund Selbsttransparenz). Und sie kann sich auf verschiedene Betrachtungsebenen beziehen (2.3.4 Bezugsebenen der Transparenz).

  • [1] Vgl. die Dokumentation auf der Online-Plattform GuttenPlag Wiki (de.guttenplag.wikia.com, zugegriffen: 25.03.2015)
  • [2] Die Organisation Transparency International setzt sich gegen Korruption und für eine transparente Zivilgesellschaft ein (transparency.org, zugegriffen: 25.03.2015)
  • [3] So wurde zum Beispiel bekannt, dass die Sportartikelhersteller Adidas und Nike Kinder in ihren Fabriken arbeiten ließen und die WestLB eine Pipeline im südamerikanischen Regenwald finanzierte. (vgl. Klenk 2009, S. 25f.)
 
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