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Mildere Alternativmaßnahmen

Nachdem im vorherigen Abschnitt der Frage nachgegangen wurde, was man tun kann, damit es gar nicht erst zu Situationen kommt, in denen Zwang erforderlich wird, wird es jetzt darum gehen, welche milderen Alternativmaßnahmen man anstelle von Zwangsmaßnahmen anwenden kann, wenn es bereits zu einer Situation gekommen ist, in der sich ein psychisch kranker Mensch selbstoder fremdgefährdend verhält.

Anstelle einer Fixierung und einer medikamentösen Beruhigung schlägt die Betroffene vor, einen Patienten, der sich auf einer geschlossenen psychiatrischen Station gegenüber Mitpatienten und Mitarbeitern plötzlich fremdaggressiv verhält, zum Schutz der anderen räumlich zu separieren.

„ja zumindest da wegholen von den Patienten. [...] Es müsste irgendwo [...] ne Möglichkeit geben, sich mit dem anderweitig auseinanderzusetzen“ (Betroffene 2014, Z. 2275-2280)

„ich wüsste keine andere Möglichkeit, wie man damit umgehen kann, außer den beiseite zu nehmen [...], separat in irgendn Zimmer.“ (Betroffene 2014, Z. 23192324)

Die folgende Aussage geht in eine ähnliche Richtung, schließt jedoch auch selbstgefährdendes Verhalten mit ein.

„Also das erste, was mir dazu spontan einfällt, ist, dass man den in ne Gummizelle bringt, da kann er sich nicht gefährden, aber dafür muss man [...] ihm alles nehmen, womit er sich selber gefährden könnte, [...] den Gürtel seiner Hose [...] etc., damit er sich nicht gefährden kann.“ (Sozialarbeiterin SpDi 2014, Z. 594-599)

Als weitere Alternative bei selbstgefährdendem Verhalten wird vorgeschlagen, im familiären Umfeld abzuwarten, bis der Krankheitsschub vorbei geht, allerdings sind nicht immer tragfeste familiäre Strukturen, die eine Exazerbation der psychischen Erkrankung auffangen können, vorhanden.

„Bei Eigengefährdungen hilft manchmal als milderes Mittel ne gute familiäre Struktur, einbinden in den Alltag, abschotten gegen Einflüsse von außen und einfach warten, bis der Schub vorbei ist. Aber wenn man keine familiäre Strukturen hat, fällt das weg und viele haben leider keine mehr, oder die gehen auch durch so ne Krankheit kaputt, das ist ja ne große Belastung für alle.“ (Richterin 2014, Z. 1098-1103)

Darüber hinaus wurde der Soteria Ansatz als Alternative benannt, bei dem die Betroffenen im stationären Setting ohne Zwangsmaßnahmen und ohne eine psychopharmakologische Behandlung während ihres Krankheitsschubes unterstützt werden.

„Es gibt ja, eh, Ansätze, wo man, eh, ganz ohne Zwangsmaßnahmen auskommt, aber dafür braucht man natürlich jede Menge Personal ne, so diese Soteria-Ansätze [...], die ja fast ganz ohne Zwangsmaßnahmen auskommen, auch fast ganz ohne Medikation auskommen.“ (Psychologin BeWo 2014, Z. 197-200)

Die Psychologin erläutert den Soteria Ansatz näher. In Einrichtungen, die nach diesem Konzept arbeiten, hält sich der Patient in einem reizfreien Raum auf und wird dort rund um die Uhr von einem Mitarbeiter begleitet, bis die akute Krankheitsphase von selbst abklingt. Aufgrund der 24-stündigen 1:1 Betreuung und der langen Dauer sind solche Maßnahmen mit hohen Kosten verbunden, gelten aber als besonders nachhaltig.

„man versucht [...], die, eh, akuten psychotischen Phasen eben so zu begleiten, dass man ohne Medikamente die Leute, eh, wieder rausbringt. Weil, ehm, ne Psychose ist ja kein dauernder Prozess, sondern das fängt irgendwann an und hört irgendwann auf, das dauert mal kürzer mal länger. Ehm, und da ist es so, dass die in Akutphasen, ehm, reizfreie Räume anbieten in den Krankenhäusern und, eh, es ist immer ein Mitarbeiter mit dem Patienten [...] in diesem Raum und begleitet das, was auch immer passiert [...] es ist rund um die Uhr jemand dabei und, ehm, das führt eben dazu, dass ganz ohne Medikamente [...] die Psychose dann irgendwann wieder weg geht. Das kann aber schon ne ganze Zeit dauern. Das ist vom, vom Kostenaufwand sicherlich viel teurer als das, was wir im Moment machen, ehm, aber es soll, ehm, nachhaltiger sein ne. Also [...] die Phasen sollen nicht so, so schnell wiederkommen“ (Psychologin BeWo 2014, Z. 206-220)

Der Psychiater weist ebenfalls auf eine reine Krankheitsbegleitung hin, äußert jedoch Bedenken hinsichtlich der Finanzierung durch die Krankenkassen.

„Gut, man könnte Menschen begleiten dann einfach nur in ihrer Krankheit [...]. Solche Ansätze gibt es, eh, wie erfolgreich das ist, kann ich nicht beurteilen ne [...]. Und wenn man jetzt sagt, die Menschen sind zwar krank, aber nicht so krank, dass sie jetzt unbedingt Medikamente bräuchten und irgendwann gehts auch von selber weg, dann müssen wir uns natürlich hier die Frage stellen, muss das dann im Krankenhaus stattfinden ne? Da haben wir dann wieder Druck von den Kostenträgern ne, dann sagen die ‚Warum Krankenhausbehandlung? Sie geben keine Medikamente', das bezahlen die Krankenkassen nicht auf deutsch gesagt ne.“ (Psychiater 2014, Z. 753-777)

Davon abgesehen schlägt die Vertreterin der Antipsychiatrie vor, einem selbstoder fremdgefährdenden Menschen zunächst mit ‚normalen' menschlichen Umgangsweisen zu begegnen und mit demjenigen zu reden, womit sie selbst positive Erfahrungen gemacht hat.

„Ja, ich bin dann halt zu ihr hin und hab dann ganz ruhig mit ihr geredet ne. Und das ging komischerweise ne.“ (Antipsychiatrie 2014, Z. 652-653)

„ich hab in der Psychiatrie noch nie jemanden kennengelernt, der so gefährlich oder irgendwie sowas war, eh, dass sich das nicht mit normalen, eh, Mitteln des menschlichen Umgangs hätte lösen lassen“ (Antipsychiatrie 2014, Z. 676-678)

Auch die Betroffene gibt ein ausführliches persönliches Gespräch als Alternative zu einer Zwangsmaßnahme an.

„Ich hab [...] selber Leute gehabt, wo wir überlegt haben, ob sie in die Psychiatrie müssen oder nicht. Und wir haben wirklich uns stundenlang mit denen aufgehalten, also das heißt, ich hab eigentlich Wert drauf gelegt, mit den Leuten zu sprechen.“ (Betroffene 2014, Z. 2039-2042)

„eben dieses ausführliche persönliche Gespräch“ (Betroffene 2014, Z. 2374-2375)

Die Betroffene räumt allerdings selbst ein, dass ein Gespräch nicht in allen Situationen möglich ist, z.B. nicht bei Menschen, die sich gerade hochaggressiv und gewalttätig verhalten.

„ja, sprechen kann man ja wenig mit denen dann in dem Augenblick wenn se da randalieren.“ (Betroffene 2014, Z. 2305-2306)

Auch die Fachkräfte halten Gespräche als Alternative zu Zwangsmaßnahmen nicht immer für aussichtsreich. Während die Vertreterin der Antipsychiatrie für einen ‚normalen' Umgang plädiert, weist die Sozialarbeiterin darauf hin, dass man mit den ‚normalen' Grundsätzen eines Gesprächs je nach Ausprägung der Erkrankung eben nicht immer an die Betroffenen herankommt und Reden demnach nur bedingt aussichtsreich ist.

„Aber je nachdem wie schwer die Erkrankung ist, kann man mit den Menschen nicht mehr reden, weil [...] das gehört zum Erkrankungsbild, dass die einen nicht verstehen können. Dass, eh, alles was man sagt, ist für sie ja äußerst bedrohlich in der Welt, in der sie leben. Und man kann ja nicht mit irgendwelchen normalen Grundsätzen eines Gespräches an die rangehen wollen.“ (Sozialarbeiterin SpDi 2014, Z. 410-415)

Die gesetzliche Betreuerin bestätigt dies, indem sie von ihren Versuchen berichtet, mit den Betroffenen während psychischer Ausnahmezustände zu reden. Sie schildert, dass in Situationen, in denen jemand untergebracht werden muss, ihrer Erfahrung nach Reden nichts mehr bringt, da sie den Eindruck hat, die Betroffenen seien so sehr mit sich beschäftigt, dass sie nicht mehr für Signale von außen empfänglich sind.

„Ja, ich versuche mit dem zu reden, [...] aber eigentlich, die Situation, wo dann jemand untergebracht werden muss, da sind die Menschen nicht mehr erreichbar. Also sonst käme es da gar nicht zu Unterbringung, sonst würde ich mit denen zum Arzt fahren. Aber [...] es geht nicht ins Gehirn rein. Die sind dann so in ihrem eigenen Film.“ (Gesetzliche Betreuerin 2014, Z. 140-144)

Darüber hinaus betont die Sozialarbeiterin, dass es erst nach mehreren gescheiterten Gesprächsversuchen mit dem Ziel, eine Zwangseinweisung abzuwenden, zu einer PsychKG-Unterbringung kommt. Sie macht deutlich, dass eine Unterbringung stets das letzte Mittel ist, sodass im Vorfeld alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden, ohne Zwang auszukommen zumindest, wenn der Sozialpsychiatrische Dienst involviert ist.

„im Vorfeld [der Zwangseinweisung] sind schon viele Gespräche vorher gewesen mit dem Ziel, sie zu ner freiwilligen Unterbringung zu bewegen, das hat aber nicht geklappt.“ (Sozialarbeiterin SpDi 2014, Z. 163-164)

„Also bevor ein PsychKG ernsthaft läuft, hat es im Vorfeld, wenn wir damit involviert sind, in der Regel schon sehr viele Gespräche gegeben. [...] Also, wenn [...] nur die Polizei, das Ordnungsamt [...] rausgeht, und die dann einem Arzt in einem Allgemeinkrankenhaus zugeführt werden, die haben nicht die Zeit und [...] die können es auch nicht leisten. Aber wenn wir mit involviert sind, dann sind in der Regel viele Gespräche gelaufen, und [...] das PsychKG ist immer das letzte [...] Mittel der Wahl. Also [...] wir haben das dann meistens schon alles zur Genüge mehrfach versucht.“ (Sozialarbeiterin SpDi 2014, Z. 612-620)

Es wird lange versucht, den Betroffenen von einem freiwilligen Klinikaufenthalt als Alternative zur Zwangseinweisung zu überzeugen. Sobald aber dann die anderen Fachkräfte wie Ordnungsbeamter und Arzt eingetroffen sind, hat der Betroffene keine Möglichkeit mehr, durch eine Freiwilligkeitserklärung die bevorstehende Zwangsmaßnahme zu verhindern, wie an folgender Aussage verdeutlich wird.

„das Thema Freiwilligkeit ist gelaufen, wenn Polizei und Feuerwehr und Ordnungsamt und Arzt da sind, das Thema ist gegessen. Dann hat es vorher das Gespräch über die Freiwilligkeit schon gegeben.“ (Sozialarbeiterin SpDi 2014, Z. 395-397)

Nachdem die für die Fragestellung relevantesten empirischen Ergebnisse dargestellt wurden, erfolgt im nächsten Kapitel deren Diskussion.

 
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