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Zwangsbehandlungen

Im Vergleich dazu sind die Einstellungen der Befragten im Bezug auf Zwangsbehandlungen weitaus heterogener.

Die gesetzliche Betreuerin spricht sich generell für eine Behandlung mit Psychopharmaka aus, wobei der Weg dorthin über die Zustimmung des Betroffenen laufen sollte. Ist dieser jedoch nicht davon zu überzeugen, stimmt sie für eine Zwangsbehandlung.

„wenn dann so jemand im Krankenhaus ist, dann finde ich, der ist ja da, um behandelt zu werden, sonst machts ja keinen Sinn. [...] Und ehm, ich glaub schon, [...] dass jemand erstmal Medikamente braucht, ehm, um überhaupt wieder zugänglich zu werden. Aber, ehm, es gibt auch verschiedene Möglichkeiten, diese Person dazu zu motivieren Medikamente zu nehmen. Und die sollte man völlig ausschöpfen und wenn das nicht mehr geht, dann bin ich auch für Zwangsbehandlungen.“ (Gesetzliche Betreuerin 2014, Z. 810-817)

Im Kontrast dazu plädiert die Vertreterin der Antipsychiatrie dafür, Zwangsbehandlungen komplett abzuschaffen.

„ich bin grundsätzlich dafür, dass die Zwangsbehandlung erstmal völlig abgeschafft wird“ (Antipsychiatrie 2014, Z. 1202-1203)

Die Sozialarbeiterin verweist auf den hohen subjektiven Leidensdruck, der mit psychischen Erkrankungen verbunden ist, und empfindet Zwangsbehandlungen diesbezüglich als einen Segen, da sie die Betroffenen von beeinträchtigenden Krankheitssymptomen wie z.B. Wahnvorstellungen oder Halluzinationen erlösen. Vor diesem Hintergrund wünscht sie sich, dass Zwangsbehandlungen manchmal eher möglich wären.

„ich denke [...] dass Zwangsbehandlungen manchmal einfach [...] ein Segen sind, weil man Menschen [...] dann auch helfen kann [...]. Weil das Fühlen und Erleben, was manche Menschen dann haben, ist einfach so beeinträchtigend, dass ne Zwangsbehandlung ne echte Hilfe darstellt, auch wenn die Menschen das [...] am Anfang nicht so sehen“ (Sozialarbeiterin SpDi 2014, Z. 527-534)

„wenn ich manchmal erlebe, wie krank Menschen sind, und was die sich vorstellen, [...] dann grauts mir, das zu hören, [...] was die tagtäglich für sich als real erleben. Und die sagen ‚aber ich lass mich nicht behandeln' und da würd ich mir manchmal einfach um ihrer selbst wünschen, dass es eher möglich wäre, sie zu behandeln, weil, also, Menschen können sich ja so schreckliche Dinge vorstellen. Ich hatte mal [...] ne Klientin, die hat immer das Gefühl gehabt, sie wird am lebendigen Leibe gehäutet. Sich das vorzustellen, das ist doch grausam, dass man sowas erlebt, [...] aber sich nicht behandeln lässt“ (Sozialarbeiterin SpDi 2014, Z. 490-498)

Die Meinung des Psychiaters zu Zwangsbehandlungen hängt vom jeweiligen Einzelfall ab. Er beschreibt ein einzelfallbezogenes Abwägen und weist darauf hin, sowohl den Nutzen einer Behandlung als auch die Auswirkungen einer Nichtbehandlung, auch bezogen auf das soziale Umfeld, zu beachten. Bei einem hohen zu erwarteten Nutzen oder verheerenden Auswirkungen einer Nichtbehandlung spricht er sich eindeutig für Zwangsbehandlungen aus, allerdings sieht er in der Realität viele Grenzfälle.

„Zwangsbehandlungen, das ist ne Abwägungsfrage, [...] also man muss praktisch abwägen, profitiert er durch eine Behandlung, oder was wäre im Falle, wenn man ihn nicht behandelt? Ne, also wie entwickelt sich die Krankheit weiter, ehm, wie entwickeln sich die Auswirkungen, was bedeutet das für denjenigen, im sozialen Umfeld ne. Also wenn jemand, eh, relativ, durch einfache Behandlung, eh, seinen Zustand so verbessern könnte oder so lebensfähiger würde, eh, ja dann fällt die Abwägung ganz klar aus ne. Wenn ich wüsste, jemand verwahrlost zu Hause, ne, weil er krank ist und das nicht einsieht, irgendwann verhungert er [...]. Das ist für mich auch keine Frage, dass man in solchen Fällen zwangsbehandelt, eh, da hätte ich kein schlechtes Gewissen. Aber es gibt viele Grenzfälle“ (Psychiater 2014, Z. 634-644)

Die Psychologin äußert mehr Vorbehalte zu Zwangsbehandlungen, zum einen aufgrund des körperlichen Übergriffs und zum anderen wegen der verabreichten Psychopharmaka, die sie kritisch betrachtet. Für sie stellen deren Nebenund Langzeitwirkungen einen nachvollziehbaren Grund für die Ablehnung einer Psychopharmakotherapie dar. Folglich sollte man diese individuell zu treffende Entscheidung akzeptieren.

„Zwangsmedikation ist immer, eh, so ne kritische Sache [...] jemandem, eh, irgendwie ein Medikament reinzwingen oder, eh, ne Spritze geben oder sowas, ja, weil das, eh, ja auch schon [...] in sone körperliche, eh, Geschichte geht ne. Ich muss ja körperliche Gewalt anwenden, um jemandem ne Spritze zu verabreichen oder Medikamente zu verabreichen, die er nicht möchte ne. [...] wenn man um, um die Nebenwirkungen und Langzeitwirkungen der Medikamente weiß, eh, kann man nachvollziehen, warum manche Leute sagen ‚[...] ich möchte nicht mit, mit Psychopharmaka behandelt werden.' Und, ehm, ich denke [...] jeder Mensch muss, muss da die Freiheit [...] haben zu sagen, eh, ‚ich will das nicht'“ (Psychologin BeWo 2014, Z. 525-535)

Auch die Richterin spricht die Nebenwirkungen an und kann Verständnis dafür aufbringen, wenn manche Menschen deshalb lieber Krankheitsschübe in Kauf nehmen.

„die haben ja auch erhebliche Nebenwirkungen, [...] und ich kann das in gewisser Weise nachvollziehen, wenn jemand in Kauf nimmt, hin und wieder Krankheitsschübe zu haben, aber dafür nicht die Nebenwirkungen der Medikamente erdulden zu müssen. Das ist ne Entscheidung, die muss man respektieren und die kann ich manchmal sogar nachempfinden, manchmal aber auch nicht.“ (Richterin 2014, Z. 1008-1013)

Dagegen führt die gesetzliche Betreuerin die Ablehnung von Psychopharmaka auf eine nicht vorhandene Krankheitseinsicht zurück.

„ich glaube viele, ehm, die haben einfach keine Krankheitseinsicht und wollen deswegen keine Medikamente nehmen.“ (Gesetzliche Betreuerin 2014, Z. 837-838)

Die Vertreterin der Antipsychiatrie spricht sich gänzlich gegen Psychopharmaka aus, in denen sie vor allem eine schädliche Wirkung und Missbrauchsgefahr sieht.

„das ist auch totaler Quatsch, die Leute damit zu vergiften [...] also da wird sehr viel Missbrauch damit getrieben, und, eh, einfach die Leute halt ruhigstellen, abspritzen heißt das dann [...] im Fachjargon“ (Antipsychiatrie 2014, Z. 701-708)

Im Kontrast dazu betont die gesetzliche Betreuerin die Notwendigkeit und Wirksamkeit von Psychopharmaka in akuten Krankheitsphasen.

„da muss man dann die medikamentös behandeln, sonst gibt es meiner Erfahrung nach keinen Weg, wie die da wieder raus kommen sollen.“ (Gesetzliche Betreuerin 2014, Z. 82-84)

Der Psychiater schließt sich dem an, erwähnt aber auch, dass ein Krankheitsschub von selbst wieder abklingen würde, was allerdings einige Zeit dauern würde.

„Ich mein, die Hoffnung, dass ohne ne Medikation ne akute psychische Erkrankung sich bessert, ist, ist gering ne. Klar, irgendwann klingt es von selber ab ne, aber das [...] würde Zeit brauchen ne.“ (Psychiater 2014, Z. 751-753)

Trotz dieser gegensätzlichen Meinungen herrscht Einigkeit hinsichtlich der Absetzproblematik von Psychopharmaka, da es, wie aus folgenden Beispielen ersichtlich wird, nach dem Absetzen häufig zu einer Zustandsverschlechterung kommt.

„Ist aber oft, [...] wenn sie dann die Medikamente nehmen, gehts ihnen gut, und dann setzen sie die ab, und dann kommt das eben wieder“ (Gesetzliche Betreuerin 2014, Z. 64-66)

„spätestens dann, wenn der Mensch dann seine Medikamente mal nicht mehr nimmt, aber dann hallo.“ (Antipsychiatrie 2014, Z. 959-960)

„die kommen ja ganz schnell wieder in die Psychose, wenn die das absetzen ne.“ (Psychologin BeWo 2014, Z. 228-229)

Darüber hinaus wurde das Thema ambulante Zwangsbehandlung angesprochen, die es derzeit in Deutschland nicht gibt.

„ambulante Zwangsmedikation gibt es leider nicht“ (Richterin 2014, Z. 1114)

Die gesetzliche Betreuerin stellt den Sinn einer stationären Behandlung angesichts der Tatsache, dass viele Betroffene die Medikamente nach einem Psychiatrieaufenthalt sowieso wieder absetzen, infrage.

„ja, wofür bringen wir die jetzt unter, wenn die danach keine Medikamente nehmen muss? Das ist dann irgendwie schwachsinnig“ (Gesetzliche Betreuerin 2014, Z. 980-981)

Sie spricht sich für die Erlaubnis von ambulanten Zwangsbehandlungen aus, weil den Betroffenen ihrer Ansicht nach dadurch viele Klinikaufenthalte erspart bleiben würden.

„Na das wär gut. [...] Das wär gut. Dann würde man sich viele Klinikaufenthalte sparen können, auf jeden Fall.“ (Gesetzliche Betreuerin 2014, Z. 1103-1108)

Die Richterin plädiert ebenfalls für ambulante Zwangsbehandlungen, bezieht aber noch den Gesichtspunkt mit ein, dass nach aktueller Regelung Zwangsbehandlungen nur im Rahmen eines stationären psychiatrischen Aufenthalts möglich sind, auch wenn es sich um eine somatische Zwangsbehandlung handelt.

„Die Zwangsmedikation in ambulanter Behandlung halte ich für zwingend erforderlich, dass man die erlauben darf, unter ganz engen Voraussetzungen, [...] es gibt im Moment die Situation, dass Menschen aus einer psychischen Erkrankung heraus eine organische Behandlung ablehnen, will sagen zum Beispiel, die haben ne Psychose und lassen deshalb ne, ehm, Dialyse nicht zu. [...] der wird dann eben [...] in der Psychiatrie untergebracht, aber da kann ja nicht die Dialyse durchgeführt werden, das heißt der muss von dort dann wieder ins Dialysezentrum. Ja warum können wir ihn denn dann nicht für die Dialyse gleich ins Dialysezentrum unterbringen, warum der Umweg über die Psychiatrie?“ (Richterin 2014, Z. 1206-1244)

Aus ihrer Sicht würde eine ambulante Zwangsbehandlung im Vergleich zu einer stationären Zwangsbehandlung zudem das mildere Mittel darstellen.

„Und da finde ich, unter dem Gesichtspunkt der milderen Mittel [...], dass wir [...] den Eingriff so gering wie möglich halten müssen, [...] nicht nachvollziehbar, warum die ambulante Zwangsbehandlung so grundsätzlich ausgeschlossen ist.“ (Richterin 2014, Z. 1223-1226)

Missbrauchsgefahr


Die Befragten gaben an, im Kontext von Zwangsmaßnahmen auch eine Gefahr von Missbrauch und willkürlicher Anwendung von Zwang zu sehen.

„da ist dem Missbrauch einfach, eh, Tür und Tor geöffnet [...] ‚mir passen deine Ansichten nicht' und schon, eh, wirste zwangseingewiesen“ (Antipsychiatrie 2014, Z. 1207-1210)

„dass da Missbrauch betrieben wird, ist sehr groß, die Gefahr, ne [...] von Seiten der Ärzte.“ (Gesetzliche Betreuerin 2014, Z. 1038-1043)

Der Psychiater weist derartige Verdachte von sich und hält sie für Angstmacherei.

„Wir missbrauchen das ja nicht ne, aber ich glaube, diese Angst steckt dahinter ne, dass das irgendwie missbraucht wird und dass man jetzt auch immer noch die als psychisch Kranke abstempelt und dann mit denen irgendwas macht ne. Das ist, glaub ich, ne fast paranoide Angst ne, die da geschürt wird.“ (Psychiater 2014, Z. 848-852)

Im Folgenden schildert die Sozialarbeiterin Fälle von versuchtem Missbrauch des PsychKG durch Vermieter, die mittels Meldung beim Sozialpsychiatrischen Dienst versuchen, lästige Mieter ohne eine kostenpflichtige Räumungsklage loszuwerden.

„Ja, [Missbrauchsversuche] hat es gegeben. Das sind dann meistens Menschen, die [...] sehr auffällig sind, ehm, die im Wohnumfeld dann dermeist sehr große Schwierigkeiten bereiten. Und, ehm, das passiert hauptsächlich bei Vermietern, die dann auch gerne unseren Dienst dafür mgebrauchen würden, diese Mieter rauszukriegen, ohne ne Räumungsklage, die kostenpflichtig ist, einzuberaumen. [...] es kommt immer wieder vor. Aber, ehm, das merkt man ja.“ (Sozialarbeiterin SpDi 2014, Z. 75-80)

 
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