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Suizid

Was die persönliche Haltung zum Suizid angeht, erweist sich die Akzeptanz bei zugrunde liegendem körperlichen Leid als bedingungsloser als bei seelischem.

„Wo ich das nachvollziehen kann, [...], ist [...], wenn alles ausgereizt ist, [...] wenn wirklich [...] keine Hoffnung [...] mehr besteht, oder wenn man [...] solche Schmerzen hat, dass, dass es nicht mehr zum Aushalten ist“ (Betroffene 2014, Z. 2764-2769)

Die Vertreterin der Antipsychiatriebewegung äußert Verständnis für Gefühle der Ausweglosigkeit, aber rät dazu, dass man die Hoffnung nicht aufgeben und die Lösung seiner Probleme angehen sollte. Sie bedauert es, wenn sich Menschen suizidieren, schreibt aber im Prinzip jedem ein Recht auf Suizid zu.

„Also es ist natürlich total schade, wenn Menschen auf diese Idee kommen, weils sich meist um etwas sensiblere Charaktere handelt. Ja, also so grundsätzlich hat natürlich n Mensch dazu das Recht.“ (Antipsychiatrie 2014, Z. 337-340)

„wenn du [...] überhaupt keine positiven [...] Erlebnisse mehr hast ne, das ist natürlich klar, dass du dann in so ne Situation der Ausweglosigkeit hineinkommst, [...] aber ich weiß nicht, also ich denke schon, [...] dass du [...] schon nach dem Schönen im Leben Ausschau halten solltest“ (Antipsychiatrie 2014, Z. 384-389)

„rate eigentlich auch jedem und jeder, eh, doch erstmal seine ihre Probleme frontal anzugehen [...] und [...] da durchzumarschieren. [...] hinter tiefen Tälern kommt auch etwas Sonnenschein“ (Antipsychiatrie 2014, Z. 351-354)

Bezüglich der Akzeptanz eines Suizids aufgrund psychischen Leidensdrucks

werden im Wesentlichen folgende zwei Grenzen benannt:

Erstens wird deutlich herausgestellt, dass beim Suizidenten ein freier Wille und ein klarer Verstand gegeben sein müssen und man ihn anderenfalls vom Suizid abhalten muss.

„Ich finde, im Prinzip, hat jeder das Recht sich selbst zu töten, aber nur, wenn man es mit einem klaren Verstand macht. Also, wenn das jemand in so nem desolaten Zustand macht, der gar nicht weiß, was er tut, dann finde ich es nicht richtig. Da muss, muss man ihn davor schützen. Wenn jemand das mit ganz klarem Verstand macht, hat jeder das Recht, auf jeden Fall.“ (Gesetzliche Betreuerin 2014, Z. 712-716)

„Jeder hat das Recht, sich selbst zu töten, mit der einen einzigen Einschränkung, wenn es der freie Wille ist.“ (Richterin 2014, Z. 876-878)

„Gut, das Recht hat er, aber auch nur, solange er nicht, eh, das [...] aus einer Krankheit heraus macht. Also wenn er durch eine Krankheit in seiner Selbstbestimmung sozusagen eingeschränkt ist, dann wäre es mehr als bedauerlich, wenn er so etwas umsetzt ne, weil er es eben im gesunden Zustand nicht gemacht hätte.“ (Psychiater 2014, Z. 581-585)

Speziell im Bezug auf psychisch kranke Menschen äußert die Psychologin, dass in akuten Krankheitsphasen und bei fehlendem Realitätsbezug interveniert und derjenige vom Suizid abgehalten werden muss. Dagegen ist bei einer chronischen, phasenhaft verlaufenden psychischen Krankheit eine Suizidentscheidung während einer symptomfreien Phase zu akzeptieren und darf ihrer Ansicht nach nicht verhindert werden.

„ich denke, wenn jemand, ehm, so akut psychotisch ist, halluziniert, und, ehm, so ganz neben der Welt steht und eigentlich so gar nicht mehr [...] im Hier und Jetzt sein kann und ist, eh, dann denk ich, muss man gucken, dass man ihn erst wieder da raus bringt. Ehm, wenn er dann irgendwann sagt, ‚ich kann damit nicht mehr weiterleben, dass ich immer diese Phasen kriege' und dann sagt ‚ich will das nicht mehr, ich kann das nicht mehr', eh, und, in, in so nem, ja, durchaus reflektierten Zustand ist, eh, dann denke ich, ist es sein gutes Recht, das zu sagen. Und dann, eh, denke ich, haben wir auch nicht das Recht, zu, eh, das zu verhindern. Aber, eh, sobald wir, wir sehen, der [...] kann wirklich nicht einschätzen, was jetzt, eh, Realität ist, [...] in so nem Zustand denke ich haben wir die Pflicht, eh, zu verhindern, [...] dass sich jemand suizidiert“ (Psychologin BeWo 2014, Z. 496-509)

Zweitens besteht hinsichtlich des Rechts auf Suizid nach Ansicht der Befragten eine Grenze da, wo Dritten geschadet wird. Allerdings werden unterschiedliche Schwellen benannt, ab wann Dritte Schaden nehmen.

So gibt die Sozialarbeiterin an, dass die Grenze da liegt, wo bei der Suizidhandlung unmittelbar Dritte beteiligt werden, wie z.B. der Lokführer bei einem Schienensuizid.

„Also, jeder hat das Recht. Ich finde, das Ganze hat nur da seine Grenzen, wo durch die Selbsttötung andere mit in Mitleidenschaft gezogen werden und traumatische Erlebnisse erleben, die sie ihr ganzes Leben lang prägen. Und da finde ich ne Selbsttötung ne absolute Schweinerei. Wenn ich mich vorn Zug werfe, ich werf mich vorn Auto, ich mach irgendwas Spektakuläres, dass andere Leute durch mein Verhalten in Mitleidenschaft gezogen werden, das finde ich nicht okay. Ansonsten muss das jeder mit sich selber ausmachen.“ (Sozialarbeiterin SpDi 2014, Z. 508-514)

Dagegen sieht die Betroffene eine Schädigung Dritter nicht erst in einer direkten Beteiligung am Suizid, sondern weist aus persönlicher Erfahrung auf die psychischen Belastungen hin, die ein Suizid für die hinterbliebenen Angehörigen bedeutet.

„meine Schwester hat sich umgebracht, [...] die Kinder leiden heute nach dreißig Jahren noch da drunter. [...] Ich denke bei manchen Sachen an sie, weil ich genau weiß, wie, ich habs hinterfragt, wie sie sich umgebracht hat. Und kann diese Gegenstände nicht angucken und berühren. Und, ja, auch da ist die Grenze der anderen. Die Angehörigen eigentlich, die heute noch [...] nicht damit umgehen können [...], und wenn ich an, wie gesagt, weiß ich genau, das kann ich nicht anpacken oder machen, [...] da denk ich an sie. Und was man da nem anderen mit antut, das, eh, finde ich kann man manchmal gar nicht ermessen, wie verzweifelt man auch sein mag, um, um da irgendwie son Schritt zu tun, der einem vielleicht auch, ja, gar nicht einfach fällt, oder so. Aber was das für Folgewirkungen hat, auf diese Leute, die man ja auch liebt, das ist einfach unermesslich und denk mir, da ist ne große Grenze.“ (Betroffene 2014, Z. 2742-2755)

Im Hinblick auf Bilanzsuizide sind die Sozialarbeiterin, die Psychologin und die gesetzliche Betreuerin zweifelsfrei der Ansicht, dass es sie gibt.

„Ja. Also bei manchen Lebensläufen, die Menschen hier haben, [...] kein Schriftsteller kann sich das ausdenken, was das Leben an Dingen schreibt, denke ich, das gibt es ganz klar.“ (Sozialarbeiterin SpDi 2014, Z. 520-522)

Der Psychiater antwortet etwas zögerlicher, hält es aber im Endeffekt auch für möglich, dass es Menschen gibt, die sich frei verantwortlich für einen Suizid entscheiden.

„das ist schwer zu sagen. Joa natürlich, ehm, es gibt Menschen, die sicherlich besonders sind, ohne krank zu sein, und die auch besondere Einstellungen haben, und die dann vielleicht auch so ne Bilanz ziehen und dann zu so nem Ergebnis kommen, ne, das will ich jetzt nicht ausschließen, dass es sowas gibt ne.“ (Psychiater 2014, Z. 592-596)

Die Richterin äußert Skepsis, schließt Bilanzsuizide aber auch nicht grundlegend aus und würde sie auch respektieren.

„es fällt mir schon als Laie schwer zu glauben, dass es sowas wie Bilanzsuizid geben soll, dass jemand frei von irgendeiner depressiven Erkrankung den Entschluss trifft, sich umzubringen. Aber [...] da habe ich nicht die Erfahrung und nicht die Ausbildung, um das fachkundig entscheiden zu können [...]. Aber ja, wenn mir ein Arzt sagt, ‚das ist ein astreiner Bilanzsuizid', müsste ich sagen, ‚das habe ich zu respektieren.'“ (Richterin 2014, Z. 921-926)

 
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