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2.1.2. Stichprobe

Aufgrund des theoretischen Vorwissens hinsichtlich der Zuständigkeiten und Abläufe bei Zwangsmaßnahmen wurde die Stichprobe gezielt zusammengesetzt. Es wurde Wert darauf gelegt, die Perspektive aller an Zwangsmaßnahmen Beteiligten ausgewogen zu beleuchten. Von daher sollte die Stichprobe die einzelnen Akteure im Handlungsfeld von Zwangsmaßnahmen umfassen. Aufgrund des begrenzten Umfangs einer Bachelorarbeit konnte sich allerdings nur auf die wichtigsten Akteure im Handlungsfeld rund um Betreuungen, Einweisungen und Behandlungen gegen den Willen der Betroffenen beschränkt werden, wobei jeweils auch nur ein Vertreter der jeweiligen Personen-/Berufsgruppe befragt werden konnte.

Da alle befragten Akteure in direkter Verbindung zu Zwangsmaßnahmen stehen, sich allerdings ihre jeweiligen Positionen im Handlungsfeld voneinander unterscheiden, konnte das Handlungsfeld der Zwangsmaßnahmen multiperspektivisch untersucht werden. Hinter der Auswahl möglichst kontrastierender Interviewpartner steckte das Ziel, möglichst heterogene Aussagen zu erhalten und insgesamt gesehen ein breites Erkenntnisspektrum differenziert abzudecken.

Um die Gründe für die Zusammensetzung der Stichprobe transparent zu machen, wird im Folgenden unter Rückbezug auf den theoretischen Teil kurz zusammengefasst, welche Rolle die einzelnen Akteure im Handlungsgeschehen einnehmen.

Ein gesetzlicher Betreuer steht in direktem Kontakt zu psychisch kranken Menschen, die bei der Wahrnehmung bestimmter Aufgaben auf Unterstützung angewiesen sind. Dabei kann es auch sein, dass er Betreuungen gegen den Willen der Betroffenen übernimmt. Bei Bedarf ist er befugt, betreuungsrechtliche Zwangsmaßnahmen umzusetzen, indem er sich beispielsweise für eine Verwahrungsoder Behandlungsunterbringung entscheidet und nach gerichtlicher Genehmigung für deren Durchführung verantwortlich ist. Hierfür muss er in der jeweiligen Situation abschätzen, wie nun weiter zu verfahren ist und welche Schritte eingeleitet werden müssen.

Demgegenüber arbeitet ein Sozialarbeiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes auf öffentlich-rechtlicher Grundlage, indem er an der Umsetzung des PsychKG NRW beteiligt ist. Auch wenn nicht er, sondern das Ordnungsamt die Unterbringung beantragt und bei Gefahr im Verzug eine sofortige Unterbringung durchführt, nimmt der Sozialarbeiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes eine zentrale Rolle im Kontext von PsychKG-Unterbringungen ein: Meist ist er derjenige, der von besorgten Verwandten, Nachbarn oder Arbeitgebern des psychisch kranken Menschen als erstes angerufen wird mit der Bitte, doch mal nach demjenigen zu sehen. Aber nicht nur durch direkte Hinweise, sondern allgemein im Arbeitsalltag kommt er durch seinen ständigen Kontakt zu psychisch kranken Menschen oft in Situationen, in denen er selbstoder fremdgefährdenden Menschen gegenübersteht und einschätzen muss, ob er denjenigen in seinem Zustand alleine lassen kann oder ob er zur Abklärung der Unterbringungsbedürftigkeit das Ordnungsamt und einen Arzt einschalten sollte.

Ein Mitarbeiter des betreuten Wohnens steht in besonders engmaschigem Kontakt zu psychisch kranken Menschen. Ebenso wie der gesetzliche Betreuer und der Sozialarbeiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes muss der Mitarbeiter des betreuten Wohnens einschätzen, in welchen Situationen Zwangsmaßnahmen infrage kommen, und diese dementsprechend in die Wege leiten. Darüber hinaus kann er den Zustand des Betroffenen vorund nach einer Zwangsmaßnahme sowie die Auswirkungen auf andere Bewohner beurteilen.

Letztendlich ist es ein Betreuungsrichter, der sowohl über betreuungsrechtliche Zwangsmaßnahmen wie Zwangsbetreuungen, Verwahrungsund Behandlungsunterbringungen, Zwangsbehandlungen sowie freiheitsbeschränkende Maßnahmen als auch über öffentlich-rechtliche Unterbringungen nach dem PsychKG NRW entscheidet. Für seine Entscheidungsfindung sind die persönliche Anhörung des Betroffenen sowie das ärztliche Zeugnis bzw. Gutachten von großer Bedeutung.

Ein Psychiater erstellt dieses Gutachten bzw. Zeugnis, indem er die Betroffenen bezüglich der Betreuungsbedürftigkeit, Unterbringungsnotwendigkeit, Behandlungsbedürftigkeit und Erforderlichkeit von freiheitsbeschränkenden Maßnahmen begutachtet. Dabei muss er auch die Fähigkeit zur freien Willensbestimmung bzw. Einwilligungsfähigkeit beurteilen. In seinem Arbeitsalltag hat er u.a. mit zwangseingewiesenen Patienten zu tun und ordnet im Notfall Fixierungen an, führt selbst Zwangsbehandlungen durch und beurteilt die Entlassfähigkeit.

Ein von Zwangsmaßnahmen Betroffener kennt die ‚andere Seite' von Zwangsmaßnahmen, da er in seiner Vergangenheit selbst in Situationen war, in denen gegen seinen Willen gehandelt wurde. Dementsprechend kann er von seinen persönlichen Erfahrungen mit Zwangsmaßnahmen berichten und diese sowohl in Form von Erinnerungen an die konkrete Situation sowie retrospektiv beurteilen.

Vertreter der Antipsychiatriebewegung zeichnen sich typischerweise durch eine extrem ablehnende Haltung gegenüber psychiatrischen Zwangsmaßnahmen aus. Davon abgesehen betrachten sie das gesamte Thema rund um psychiatrische Krankheitsdiagnosen und deren Behandlungsmöglichkeiten aus einer besonders kritischen Perspektive. (Bosshard et al. 2013, S. 39-40).

Nachdem die relevanten Berufs-/Personengruppen identifiziert wurden, galt es, konkrete Interviewpartner für die praktische Durchführung der Interviews zu finden. Die Kontaktaufnahme mit den potenziellen Interviewpartnern erfolgte auf verschiedenen Wegen. Durch einschlägige Praktika der Verfasserin bestand ein guter Praxiszugang in das Handlungsfeld der allgemeinpsychiatrischen Erwachsenenversorgung. So konnte sowohl auf eigene Kontakte als auch auf deren Kooperationspartner zurückgegriffen werden. Die gewünschten Interviewpartner wurden durch einen persönlichen Besuch oder einen Telefonanruf kontaktiert und konnten nach einer kurzen Schilderung des Forschungsvorhabens für ein Interview gewonnen werden.

Der Kontakt zur Vertreterin der Antipsychiatriebewegung wurde via Internet hergestellt. Eine Internetrecherche mit Suchbegriffen wie ‚Antipsychiatrie, Psychiatrie + Zwang, Psychiatriekritik' führte zu einschlägigen Internetseiten. Hier wurde ein implementiertes Kontaktformular genutzt, um wegen eines Interviews anzufragen. Die Kenntnis über persönliche Erfahrungen mit Zwangsmaßnahmen bezüglich der betroffenen Person sowie deren Interviewbereitschaft ergaben sich zufällig im Rahmen eines persönlichen Gesprächs während einer privaten Veranstaltung aus dem entfernten Bekanntenkreis der Verfasserin.

Im nächsten Abschnitt wird beschrieben, welche konkreten Interviewpartner letztendlich an der Untersuchung teilgenommen haben. Die Stichprobe setzt sich aus insgesamt sieben Personen zusammen, wobei es sich um fünf Fachkräfte, eine Betroffene und eine Vertreterin der Antipsychiatriebewegung handelt.

Die Betroffene hat persönliche Erfahrungen mit eben solchen Zwangsmaßnahmen gemacht, die im Theorieteil erläutert wurden, also mit Zwangsbetreuung, Zwangseinweisung, Fixierung und Zwangsbehandlung.

Die Vertreterin der Antipsychiatriebewegung wurde ursprünglich aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Antipsychiatriebewegung ausgewählt, allerdings stellte sich im Interview heraus, dass sie selbst mehrfach in forensischen Psychiatrien untergebracht war. Da diese Arbeit jedoch die Allgemeinpsychiatrie und nicht den Maßregelvollzug fokussiert, werden Aussagen, die sich speziell nur auf den Maßregelvollzug beziehen, bei der Auswertung vernachlässigt und sich auf allgemeine Aussagen konzentriert. Dementsprechend wird sie in der Stichprobe auch nicht als Betroffene, sondern als Vertreterin der Antipsychiatriebewegung aufgeführt.

Die Fachkräfte lassen sich in folgende Berufsgruppen und Arbeitsfelder untergliedern:

- 1 Pädagogin, als selbstständige Berufsbetreuerin tätig (Gesetzliche Betreuerin) [1]

- 1 Sozialarbeiterin, tätig beim Sozialpsychiatrischen Dienst (Sozialarbeiterin SpDi)

- 1 Psychologin, als Leiterin eines stationären Außenwohnbereiches und eines ambulanten Dienstes für Menschen mit psychischer oder geistiger Behinderung oder einer chronischen Suchtkrankheit tätig (Psychologin Betreutes Wohnen/BeWo)

- 1 Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie, als Oberarzt auf einer geschlossenen allgemeinpsychiatrischen Akutstation tätig (Psychiater)

- 1 Richterin für Betreuungssachen, tätig am Amtsgericht (Richterin)

Bis auf die in Berlin lebende Vertreterin der Antipsychiatriebewegung wohnen bzw. arbeiten alle anderen Befragten in Nordrhein-Westfalen, was insofern relevant ist, als dass sich ihre Schilderungen hinsichtlich öffentlich-rechtlicher Unterbringungen auf das im Theorieteil erläuterte PsychKG NRW beziehen. Sechs der Befragten sind weiblich, lediglich der Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie ist männlich. Die Altersspanne erstreckt sich von 39 bis 59 Jahren, wobei das Durchschnittsalter bei 51 Jahren liegt. Die Stichprobe weist insgesamt einen sehr hohen Bildungsstand auf, denn alle Interviewpartner haben das Abitur absolviert und studiert.

Nachdem beschrieben wurde, mit welchen Gesprächspartnern die Interviews stattfanden, wird nun erläutert, wie die Interviews geführt wurden.

  • [1] Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werden die in den Klammern aufgeführten Kurzformen verwendet.
 
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