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10.1 Stresstheoretische und forschungsbezogene Implikationen

Zur allgemeinen theoretischen Einordnung der einleitend aufgeführten Kernergebnisse bieten sich die richtungsweisenden Impulse von Krieger (2003) an, die bereits zur Erklärung von Geschlechtsunterschieden in Gesundheit und Krankheit herangezogen wurden (Kapitel 3.3). Daran anlehnend stellt Abbildung 17 die unterschiedlichen Einflüsse auf den Entstehungsund Bewältigungsprozess von arbeitsbedingtem Stress dar. [1] Das auf Basis der Ergebnisse entwickelte Bedingungsgefüge bezieht sich auf das soziale Geschlecht im Kontext CC-spezifischer Stressund Bewältigungsmuster. Zwar werden in den Gesundheitswissenschaften biologische Unterschiede ebenso zur Erklärung eines Zusammenhanges von Geschlecht und Gesundheit herangezogen (Kapitel 3.3.1). Im Mittelpunkt der Forschungsfrage und des daraus resultierenden qualitativen Erhebungsdesigns stand jedoch die Bedeutung von gesellschaftlichen, betrieblichen und sozialen Rahmenbedingungen für die Entstehung und Bewältigung von arbeitsbedingtem Stress. Diesbezüglich hat der Stand der Forschung gezeigt, dass strukturelle Rahmenbedingungen – wie sie von Gümbel und Nielbock (2012) angeführt werden – einen Einfluss auf den Gesundheitszustand von Frauen und Männern ausüben (Kapitel 3). Als bedeutend werden hierbei Geschlechtsunterschiede in der arbeitsmarktspezifischen Segregation sowie in den Lebenswirklichkeiten benannt, die für eine Bewertung der Arbeitsbedingungen in CCn zentral erscheinen.

Abbildung 17: Bedingungsgefüge von Arbeit, Gesundheit und Geschlecht. (Quelle: in Anlehnung an Krieger, 2003)

Mit Hilfe der qualitativen Befunde ist es nun möglich, die subjektive Wahrnehmung der Agents abzubilden und diese mit Blick auf die Vergleichsdimension Geschlecht zu bewerten. Hier bilden sich divergierende Stressund Bewältigungsmuster ab, die bereits in der Diskussion näher charakterisiert wurden. So gehen subjektiv wahrgenommene Stressmuster auf eine soziale und berufliche Perspektivlosigkeit zurück, die insbesondere von Frauen formuliert wird. Ebenso konnte ein Geschlechtervergleich in Hinblick auf die sich aus der CC-Tätigkeit ergebende Handlungsund Funktions(un)fähigkeit erfolgen. Schließlich bilden sich Geschlechtsunterschiede in Bewältigungsmustern ab, die sich sowohl auf außerberufliche Ausgleichspräferenzen beziehen als auch auf Aspekte der sozialen und fachlichen Unterstützung im CC-Setting. Auf Grundlage der Ergebnisse ermöglichen Aktivitäten der BGF, sowohl die Arbeitsbedingungen in CCn selbst als auch den subjektiven Bewertungsprozess in den Blick zu nehmen, der die Entstehung von arbeitsbedingtem Stress beeinflusst. Bevor allerdings praktische Implikationen vorgestellt werden, sollen nachfolgend diejenigen Aspekte des Bedingungsgefüges aufgegriffen werden, die eine Erweiterung der Theorien erlauben. So werden zum einen Schlussfolgerungen für die Theorie der Ressourcenerhaltung nach Hobfoll (1998) formuliert (Kapitel 10.1.1). Zum anderen können auf Basis der qualitativen Ergebnisse die Überlegungen von Bird und Rieker (2008) zum Constrained-Choice-Konzept erweitert werden (Kapitel 10.1.2).

  • [1] Zwar sollen und können durch die qualitativen Befunde keine Kausalzusammenhänge abgebildet werden. Gleichwohl ermöglicht eine Verortung der Ergebnisse innerhalb des Bedingungsgefüges, den Prozess der Entstehungsund Bewältigungsmuster von arbeitsbedingtem Stress besser nachzuvollziehen.
 
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